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Verlorene Engel im Dynamo-Stadion

Der Dresdner Krimiautor Frank Goldammer stellt sein neues Buch vor. Er hat eine Corona-Infektion überstanden und neue Pläne mit einem Volkspolizisten.

Krimi im Dresdner Dynamo-Stadion: Frank Goldammer las dort schon zum zweiten Mal. Dabei ist er gar kein großer Fußballfan.
Krimi im Dresdner Dynamo-Stadion: Frank Goldammer las dort schon zum zweiten Mal. Dabei ist er gar kein großer Fußballfan. © Jürgen Lösel

Neulich hat Frank Goldammer mit seiner Tochter übers Schminken gesprochen. Sie ist jetzt in dem Alter. „Zu meiner Zeit haben sich Mädchen wie du nicht geschminkt“, hat er gesagt. Darauf sie: „Hattet ihr überhaupt Schminke in der DDR?“Der 45-jährige Schriftsteller erzählt das als ein Beispiel dafür, „dass der DDR heute vieles nicht zugetraut“ werde.

Nun ist der gebürtige Dresdner kein Ostalgiker, seine Krimis allerdings spielen in jenem Staat, von dem er sagt, der sei „gar nicht so rückständig“ gewesen. In der Medizin zum Beispiel. Die Operation, auf die sein kriegsverletzter Kommissar Heller so lange gewartet hat, ist nun endlich gelungen. Im sechsten „Fall für Max Heller“ ist der eifrige Polizist endlich von seinen Schmerzen erlöst, kann wieder vernünftig laufen, sogar rennen. Was es ihm allerdings auch nicht einfacher macht, den verzwickten Fall zu lösen.

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Das Dresdner Dynamo-Stadion ist nicht gerade die klassische Heimstatt der Literatur. Doch eben dort auf den Rängen, wo lange keine Zuschauer mehr Fußballern zugejubelt haben, stellte Frank Goldammer am Donnerstag sein neues Buch vor. Moderiert vom Stadionsprecher. Statt Tausenden waren es ein paar dutzend Zuhörer. Nicht, dass er ein großer Fußballfan wäre, aber das Lokalkolorit passt zu dem vielfältig tätowierten gelernten Malermeister, der zum Schriftsteller wurde.Es mag bekanntere Autoren in Dresden geben, Goldammer aber dürfte einer der auflagenstärksten sein.

„Verlorene Engel“ heißt der neue Krimi, der wie immer in historischer Dresdner Kulisse spielt, detailgenau recherchiert und rekonstruiert. Diesmal ist es der düstere Monat November im Jahr 1956. In Ungarn geht das Volk auf die Straße. Der Aufstand, in der DDR als „konterrevolutionär“ und „faschistisch“ denunziert, wird von der Sowjetarmee niedergeschlagen. Man erfährt gar nicht viel darüber im Buch, so wie auch damals die meisten Dresdner wenig davon mitbekamen. Vielmehr ist es die bedrückende, verängstigte, politisch desillusionierte Situation, die die Stimmung des Romans ausmacht. „In Budapest haben sie Tabula rasa gemacht“, erzählt man sich. „Die Sowjets waren doch die Befreier, jetzt besetzen sie das Land. Die statuieren ein Exempel“, sagt Hellers Kollege Oldenburg. Der ist im Gegensatz zu ihm SED-Mitglied. Aber: „Heller kommentiert das nicht.“

Moderiert wurde die Lesung von: Peter Hauskeller, dem Stadionsprecher von Dynamo (links).
Moderiert wurde die Lesung von: Peter Hauskeller, dem Stadionsprecher von Dynamo (links). © www.loesel-photographie.de

Er ist dieser idealtypische Kommissar: verständnisvoll, geradlinig, mit festem Charakter, ohne jedes Laster. Einer, der die politischen Umstände akzeptiert, aber sich nicht korrumpieren lässt. Schließlich wird er sogar ohne Parteibuch befördert.Es geht um eine Reihe brutaler Vergewaltigungen, die die ganze Stadt in Unruhe versetzen. Vom Täter keine Spur, die traumatisierten Opfer schweigen. Schließlich wird eine tote Frau gefunden. Gerüchte kursieren, Angst geht um, der Volkszorn kocht.

Wie immer in Hellers Fällen gibt es eine ganze Reihe von Verdächtigen. War es ein desertierter Sowjetsoldat, den sie „den Usbeken“ nennen? Ein verunstalteter junger Kerl, der nach Kriegsende willkürlich als „Werwolf“ verurteilt wurde und Jahre später aus einem sibirischen Lager zurückgekehrt ist? Oder ein dubioser Typ, der aus Westdeutschland in die DDR übergesiedelt ist? Mit jedem Verdächtigen verknüpft Goldammer historische Bezüge. Der Usbeke etwa ist gemeinsam mit einem Kameraden aus einer Kaserne in Dresden geflohen. Es gibt zu jener Zeit viele Fahnenflüchtige, die befürchten, nach Ungarn geschickt zu werden. Goldammer schildert nun nicht etwa die Zustände in den Kasernen, er beschreibt, was man sich unter Dresdner Polizisten erzählt. „Sie leben erbärmlich. Gerade, dass sie genug zu essen bekommen.“

Das Handwerkerleben hat er aufgegeben

Wie in der ganzen Krimireihe gibt es auch hier drei Handlungsstränge. Der spannende Kriminalfall mit vielen Wendungen, eingebettet in die Schilderung gesellschaftlicher Verhältnisse in der DDR mit all dem Misstrauen, mit Gerüchten und Gemunkel. Und daneben das komplizierte Familienleben des Ehepaars Heller. Der eine Sohn ist in den Westen gegangen, der andere macht Karriere bei der Stasi. Und dann ist da Anni, die sie vor Jahren aufgenommen haben. Die Zwölfjährige wird zunehmend schwierig und findet heraus, dass sie gar nicht Hellers Tochter ist. Das stellt den Kommissar vor ganz andere Herausforderungen.„Es gibt die reinen Krimifans und die Hellerfans, die sich vor allem für das Familienschicksal interessieren“, sagt Frank Goldammer. Den siebten Heller-Fall hat er längst geschrieben, erscheint im Herbst. Da geht’s dann um den Mauerbau 1961. Dann ist Schluss. So war es von Anfang an geplant. Goldammer hätte trotzdem gern weitergemacht, aber der Verlag habe ihn überzeugt, was Neues anzufangen.

Er ist ganz erpicht darauf, von seinen Plänen zu berichten. „Man will ja schließlich erfolgreich bleiben.“ Sein Leben hat sich verändert. Er hat eine schwere Covid-Infektion überstanden. Und er ist nun nicht mehr als Handwerker tätig, lebt nur noch vom Schreiben. Der Deutsche Taschenbuch-Verlag setzt weiter auf ihn, es wird eine neue Krimireihe geben, im nächsten Frühjahr. Zwei Teile seien schon so gut wie fertig. Wieder geht es um einen Volkspolizisten in Dresden, diesmal allerdings in der Wendezeit, beginnend 1988. Er habe da etwas an der „Gaudischraube“ gedreht, sagt Goldammer. Aber weil seine Lektorin es so wollte, habe er auch eine Frau aus Westdeutschland eingebaut. Gibt mehr Konfliktstoff. Und mehr Gaudi.

  • Frank Goldammer: Verlorene Engel. Ein neuer Fall für Max Heller. dtv, 399 Seiten, 16,90 Euro

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