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Terror-Prozess: "Wir werden geflutet"

Im Prozess um rechtsextremen Terror in Freital bestreitet ein früherer NPD-Stadtrat, am Anschlag auf das Linken-Büro beteiligt gewesen zu sein.

Anschlag im Jahr 2015 auf ein Büro der Linken auf der Dresdner Straße in Dresden. Derzeit läuft der Prozess gegen Beschuldigte.
Anschlag im Jahr 2015 auf ein Büro der Linken auf der Dresdner Straße in Dresden. Derzeit läuft der Prozess gegen Beschuldigte. © Roland Halkasch

Es bleibt eine interessante Beobachtung, auch am zweiten Verhandlungstag gegen vier mutmaßliche Mitglieder beziehungsweise Unterstützer der rechtsterroristischen Gruppe Freital. Manche Angeklagte haben für fast alle Vorwürfe eine Erklärung, der man sich anschließen kann oder auch nicht. Doch angesichts von Fotos, auf denen die Angeklagten selbst den rechten Arm zum Hitlergruß ausstrecken, das wiederholte Posieren mit Hakenkreuz-Fahnen, da werden sie plötzlich einsilbig.

Die Angeklagten, drei Männer im Alter von 27 bis 53 Jahren, und eine Frau (31) hatten viele Jahre Zeit für die Erklärung  ihrer offensichtlich rechtsextremen Einstellung. Die Anschläge der Gruppe Freital und auch die kompromittierenden Fotos fanden zwischen Juli und November 2015 statt.

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Am Freitag war der bekannteste Angeklagte an der Reihe – Dirk Abraham. Der 53-Jährige war 2015 NPD-Stadtrat in Freital. Die Generalstaatsanwaltschaft wirft ihm vor, Mitglied der Gruppe Freital gewesen zu sein und sich an einem Sprengstoffanschlag auf ein Linken-Parteibüro und an rechten Schmierereien beteiligt zu haben.

Mittäter auf Demos kennengelernt

Abraham sagte, er sei seit drei Jahren nicht mehr politisch aktiv, auch aus der NPD ausgetreten. Er sagte, die meisten Mitglieder der Gruppe Freital habe er auf den Demos kennengelernt. Er sei ab Ende 2014 bei Pegida in Dresden mitgelaufen. 2015 sei ihm das zu voll geworden und er habe sich auf Freital konzentriert, sei ab März Ordner auf den „Nein zum Heim-Demos“ gewesen.

An der Aral-Tankstelle in der Nähe des Polizeireviers, dem regelmäßigen Treff der Freitaler Terroristen, will er nicht oft gewesen sein. Für den Wechsel von der WhatsApp-Gruppe in andere, besser gesicherte Chats, hat der Mann eine plausible Erklärung: Der Kakao-Chat sei nicht so datenintensiv gewesen. Er habe damals nur maximal 400 MB Volumen frei gehabt.

Beim Anschlag auf das Linken-Büro sei er daheim gewesen. Als jedoch spätabends seine damalige Frau nach Hause kam, habe sie ihm gesagt, bei dem Anschlag Schmiere gestanden zu haben. Auch die Schmierereien habe er lediglich fotografiert, weil sie ihm aufgefallen seien.

Von sich aus berichtete Abraham auch, dass er von dem Sprengstoffanschlag auf das Auto eines Stadtrats der Linken Ende Juli 2015 keine Kenntnis gehabt habe. Er habe sich später dafür öffentlich entschuldigt, dass er den Stadtrat bezichtigt habe, den Anschlag selbst begangen zu haben, um seine Versicherung zu betrügen. Auch von anderen Taten, darunter die Anschläge auf Flüchtlingsunterkünfte, will er so gut wie nichts gewusst haben. Er habe auch keine Informationen aus dem Rathaus, wie etwa Standorte von Flüchtlingsunterkünften, an die Gruppe weitergegeben.   

„Auch Sie zeigen den Hitlergruß?“

Dem ehemalige Freitaler NPD-Stadtrat Dirk Abraham wird vorgeworfen, Mitglied der rechtsextremen Gruppe Freital gewesen zu sein. Er sagt, dass er von den konkreten Anschlagsplänen der Gruppe meist keine Kenntnis gehabt habe.
Dem ehemalige Freitaler NPD-Stadtrat Dirk Abraham wird vorgeworfen, Mitglied der rechtsextremen Gruppe Freital gewesen zu sein. Er sagt, dass er von den konkreten Anschlagsplänen der Gruppe meist keine Kenntnis gehabt habe. © Rainer Blende

Bleibt der Hitlergruß von Abraham mit einem Dutzend Freitaler Neonazis vor der Hakenkreuzfahne am Windberg-Denkmal. Er habe nicht mitbekommen, dass nach dem geplanten Shooting für die sozialen Kanäle die Fahne gewechselt worden sei, so Abraham. „Auch Sie zeigen den Hitlergruß?“, fragte ein Richter. Ja, antwortet der Angeklagte. 

Eine Erklärung: „Dummheit“. Eine andere, später: Er sei aufgeputscht gewesen von der ganzen Falschberichterstattung. Damit meinte Abraham etwa Fakenews wie die, in die Dresdner Zeltstadt an der Bremer Straße würden 8.000 Flüchtlinge kommen. Das habe er vom NPD-Kreisverband erfahren. Abraham hatte das dann im Chat der Terroristen gepostet mit Sätzen wie: „Wir werden geflutet“ oder „Die Masse kriegt den Arsch nicht hoch“ und „Die Kameraden warten auf los“. Das klingt nach einem Aufruf zu Gewalt. Abraham sagte, er habe eine Demo gemeint.

Auch die 31-jährige Stephanie T. hatte zunächst behauptet, das Gruppenfoto der vermummten Freitaler Gang mit Hakenkreuz-Fahne sei von ein bis zwei Leuten zum Privatgebrauch gefordert worden. Dann zeigte das Gericht der Angeklagten weitere Fotos, auf denen sie etwa im Urlaub im Marinemuseum den Hitlergruß zeigt, oder, noch 2018 bei einer Feier vor einer mit einer Hakenkreuz-Fahne geschmückten Bar posiert. Auch sie konnte das nicht wirklich erklären.

"Heil Hitler" und "Judenpolizist"

Im Jahr 2015, als die Gruppe Freital ihre Anschläge verübt hatte, war die Frau langjährige Lebensgefährtin von Philipp W., einem der Haupttäter. "Ich habe das schon mitgemacht und für gut befunden", sagte sie etwa zu den wiederholten Bezügen zum Nationalsozialismus in ihren Chatbeiträgen. 

Ein "HH" als Grußformel etwa, es steht für Heil Hitler, der inflationär als Schimpfwort genutzte Begriff "Jude" wie etwa "Judenpolizist", rassistische Witze oder das Posieren vor Hakenkreuzfahnen. Beim Versuch einer Erklärung kommt die 31-Jährige, die immerhin ein Abitur gemacht hat, ins Schlingern. Sie hat ein Problem, solche Dinge als rechtsextrem zu akzeptieren, habe sich inzwischen davon losgesagt.

Auch das Gericht hatte offensichtlich Zweifel, ihr das abzunehmen. Die 31-Jährige musste einräumen. In der Befragung durch die Richter, die Staatsanwaltschaft und die Nebenklage-Anwälte kommen immer neue bemerkenswerte Details ans Licht. So habe sie ihren damaligen Freund W. immer wieder ermuntert, durchzuhalten - in Briefen und Facebook-Einträgen. 

Besuch in Themar

Noch 2018 hatte Stephanie T. ein Festival der rechtsextremen Szene im thürinigschen Themar besucht, einer der europaweit größten Treffs von Neonazis. Weitere Fotos zeigen die Frau beim Feiern in einem mit einer Hakenkreuzfahne geschmückten Partyraum in Leipzig, ebenfalls 2018. Ihr Facebook-Profil habe sie nach Angaben von Nebenklage-Vertretern noch in diesem Jahr mit einer schwarz-weiß-roten Reichsflagge bebildert.

Im August 2018, ein halbes Jahr nach der Verurteilung der Gruppe Freital als Rechtsterroristen, stellte die Polizei in der Wohnung der Angeklagten eine Hakenkreuz-Fahne sicher. Die 31-Jährige sagte, die Fahne habe die Polizei wohl nicht mitgenommen, als ihr Freund im Herbst 2015 festgenommen worden war.

Die Hakenkreuz-Fahne stünde für sie für deutsche Werte wie Sauberkeit, Pünktlichkeit, Erfindergeist, Fortschritt und Technologie, sagte T. auf die Frage ihres Verteidigers Joachim Keiler. Es gehe ihr um die Identifizierung mit Deutschland an sich und deutschen Werten. Die Symbole verbinde sie nicht etwa mit den Massenmorden und dem Holocaust, der gezielten Vernichtung von Menschen.

Das wiederum irritierte die Nebenklage-Anwälte, denn in den geheimen Chats der Gruppe Freital seien auch wiederholt Fotos von Gaskammern und Verbrennungsöfen in Konzentrationslagern geteilt worden. Mit Blick auf die Herrschaft der Nationalsozialisten sagte Stephanie T.: "Das System an sich fand ich gut".

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Der Prozess wird am Montag mit der Einlassung des vierten Angeklagten fortgesetzt.

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