merken
PLUS Dresden

Das grausame Beziehungsdrama von Freital

Immer mehr unglaubliche Details werden im Prozess um den Tod einer 37-jährigen Freitalerin am Landgericht Dresden bekannt.

Roberto M. mit seiner Verteidigerin Ines Kilian, die hinter einem Corona-Schutz sitzt. Da Foto etnstand zum Prozessauftakt am Landgericht Dresden. Der 39-Jährige schweigt bislang und das wird wohl auch so bleiben..
Roberto M. mit seiner Verteidigerin Ines Kilian, die hinter einem Corona-Schutz sitzt. Da Foto etnstand zum Prozessauftakt am Landgericht Dresden. Der 39-Jährige schweigt bislang und das wird wohl auch so bleiben.. © Sven Ellger

Dresden. Seit zwei Woche steht Roberto M. wegen Totschlags vor dem Landgericht Dresden. Langsam wird in der Beweisaufnahme klar, wie sehr der 39-Jährige seine Partnerin in seiner Gewalt gehabt haben muss und wie schwer es der 37-jährigen Anne W. gefallen sein muss, sich gegen ihn zu wehren. Sie hat offenbar fast alles hingenommen, möglicherweise auch aus Angst vor dem Mann.

Roberto M. soll die Frau in der Nacht zum 26. Januar dieses Jahres bei einer Auseinandersetzung in der gemeinsamen Wohnung in der Freitaler Bergstraße getötet haben. Doch erst vier Wochen später ist die Tat bekannt geworden, am Nachmittag des 23. Februar, einem Sonntag.

Anzeige
Stellvertretender Bereichsleiter (m/w/d)
Stellvertretender Bereichsleiter (m/w/d)

Die UKH Service GmbH sucht zum nächstmöglichen Zeitpunkt einen stellvertretenden Bereichsleiter (m/w/d) für das Uniklinikum Halle/ Saale.

Eine Nachbarin hatte den seltsamen Nachbarn Roberto M. und einen Kumpel vor ihrem Haus vorbeilaufen sehen. Er soll wohl mehr getorkelt als gegangen sein. Dabei hatte die Zeugin vom Fenster aus Worte wie "Leiche" aufgeschnappt und auch den Vornamen des Angeklagten verstanden. Die Zeugin wusste von einer Schwester des Opfers, dass im Haus gegenüber offenbar etwas nicht stimmte. Seit Wochen schon hatte es kein Lebenszeichen mehr von Anne W. gegeben. Die Nachbarin alarmierte die Polizei.

Spezialeinheit stürmt Wohnung

Die Beamten rückten wenig später mit einem schwer bewaffneten Spezialkommando an. Niemand konnte ahnen, was passieren würde. Roberto M. war den Beamten bekannt, auch seine Neigung zur Gewalt. Die Männer spähten die Erdgeschosswohnung zunächst aus, dann brachen sie die Wohnungstür auf, weil kein Lebenszeichen zu vernehmen war. In der Wohnung fanden sie die sterblichen Überreste von Anne W. Sie lagen zugedeckt im Bett, teilweise mumifiziert, wie es in den Akten heißt.

Nun kamen die Tatortexperten der Polizei zum Sichern von Spuren.

Immer nur Alkohol. Und Schläge.

Der Alkohol hatte das Leben des ungleichen Paars bestimmt. In der Wohnung fanden die Ermittler rund 250 leere Bierflaschen. Das sind mehr als ein Dutzend Kästen. Die Möbel waren demoliert, es gab kaum mehr Porzellan. Bei den vielen Auseinandersetzungen des Paars muss regelmäßig Geschirr geflogen sein. Aufzuklären, was genau sich in den vier Wänden abgespielt hat, ist eines der Ziele des Schwurgerichts. Wusste M., was er tat? Hatte er sich im Griff? Warum hat sich Anne nicht gegen ihn gewehrt?

Wochenlang hatten sich Nachbarn über den Lärm aus der Wohnung beschwert. Immer wieder hatten sie die Polizei zu dem Mehrfamilienhaus gerufen, weil es zwischen Roberto M. und Anne W. ständig zu Auseinandersetzungen gekommen war. Doch Anne W. hatte ihren „Freund“ nie angezeigt, so dass die Polizeibeamten ihn der Wohnung hätten verweisen können. Bei der allerletzten Auseinandersetzung in der Nacht zum 26. Januar rief dann niemand mehr die Polizei. Annes Tod blieb einen Monat lang unbemerkt.

Es hieß, Anne W. sei wieder in einer Therapie. Roberto M. hatte kurz nach der Tat offenbar einen Zettel im Hausflur ausgelegt, aus dem das hervorging. Anne W.s Kleidung, die mehrere Wochen in der Waschmaschine im Gemeinschaftskeller lag, erregte nicht das Misstrauen der leidgeprüften Hausgemeinschaft. Man freute sich, dass endlich wieder Ruhe war.

Ohne sichtliche Regungen

Roberto W. sitzt jetzt vor Gericht und verfolgt seinen Prozess meist ohne bemerkenswerte Regungen. Er hört aufmerksam zu, er nickt auch schon mal, wenn ihn der Vorsitzende Richter Herbert Pröls fragend ansieht. Doch zu den Vorwürfen hat sich der 39-Jährige bisher nicht eingelassen. Manchmal flüstert er mit seinen Verteidigern Ines Kilian und Hansjörg Elbs. Mehr lässt sich über den Mann kaum sagen.

Doch wer mit ihm als Nachbar unter einem Dach gelebt hat, ist auch nach einem knappen Jahr noch aufgewühlt. Eine Frau sagt, sie habe Angst vor M. gehabt, auch wenn es keine persönlichen Kontakte mit ihm gegeben habe. Die Schwurgerichtskammer befragte in den vergangenen zwei Wochen zahlreiche Mitbewohner aus dem Haus in der Bergstraße, Nachbarn, Freunde und Bekannte, Polizisten und M.s Bewährungshelfer. Sie alle haben wenig Positives über den Angeklagten berichtet.

Er wird als Sonderling beschrieben, der Selbstgespräche führt und dabei einen derben Ton angeschlagen habe, voller Wut und Beleidigungen. Auch die Altenpflegerin W. war zuletzt arbeitslos. Sie hätte ihr Kind, das damals vorübergehend in der Obhut der Großmutter war, gerne wieder zu sich genommen.

Immer wieder Streit

Die Zeugen berichteten von einem ungleichen Paar mit massiven Alkoholproblemen und von massiver Gewalt. Sie sahen ihn oder sie, wenn sie Leergut wegbrachten und neue Alkoholvorräte anschleppten. Manche hatten Angst um die Autos vor dem Haus, wenn sich Anne W. oder Roberto M. betrunken ans Steuer setzten.

Die beiden seien etwa ein Jahr zusammen gewesen, im August 2019 etwa sei er bei ihr eingezogen. Schon da habe es immer wieder lautstarke Auseinandersetzungen in der Wohnung des Paares gegeben. Manchmal bis in die frühen Morgenstunden. Bald sei Anne auch geschlagen worden, schließen Nachbarn aus den Geräuschen und später auch aus Hilferufen. Wiederholt haben Nachbarn aus Sorge die Polizei alarmiert. Sie befürchteten das Schlimmste. Doch geholfen hatte das nichts. Ohne eine Anzeige waren die Beamten machtlos.

Die 37-Jährige habe selbst im Dunklen Sonnenbrille getragen, damit man ihre Wunden nicht sieht, versteckte ihren geschwollenen Kopf auch unter eine Mütze.

Bis zuletzt kein Haftbefehl

Das war offenbar auch nach dem 6. Januar nicht anders, als M. seine Partnerin lebensbedrohlich verletzt hatte. Erst krachte es in der Wohnung, dann soll er sie durchs Treppenhaus hinausgezerrt und ihr dabei büschelweise Haare ausgerissen haben. Wieder riefen die Nachbarn die Polizei. Die Beamten fanden das Paar auf dem angrenzenden Spielplatz. Die 37-Jährige wurde mit lebensbedrohlichen Verletzungen in eine Klinik gebracht.

Dort soll M. dann wenig später randaliert haben und auf einen Pfleger losgegangen sein. Die Polizei hatte zu tun, den betrunkenen Mann später festzunehmen. Doch für einen Haftbefehl reichten die Vorwürfe offenbar nicht. Wenige Tage später soll es wieder eskaliert sein.

Eine Bekannte, die Anne W. erst im Herbst bei einer gemeinsamen Therapie in Bad Liebenwerda kennengelernt hatte, war mehrere Stunden bei ihr zu Besuch und versuchte, der Frau zu helfen. Erfolglos. Die Zeugin schilderte nun eine beklemmende Szene. Sie habe versucht, etwas aufzuräumen. Die Splitter der Glasplatte des demolierten Esstischs hätten sich in der ganzen Wohnung verteilt, erzählte die Frau. Dann habe dort ein Messer gelegen. Als Anne W. die Klinge gesehen habe, habe sie zu zittern begonnen. M. habe apathisch auf einem Stuhl gesessen, kaum reagiert.

Sie sei nicht gegangen, ehe M. ihr in die Hand versprochen habe, er werde noch an diesem Abend die Wohnung verlassen. Natürlich ging er nicht, nachdem die Zeugin das Haus verlassen hatte. „Ich wusste nicht, was ich tun sollte“, sagte die. Auch sie hatte offenbar resigniert, weil Anne W. sich nicht habe helfen lassen wollen.

Resignierter Bewährungshelfer

Resigniert hatte auch M.s Bewährungshelfer. Er habe das Unheil kommen sehen, berichtete er von seinen Treffen mit dem Angeklagten in den letzten Jahren. Er habe den Mann jedoch nicht erreicht. Er beklagte, dass auch ihm die Hände gebunden seien und auch er auf die Mitwirkung der Klienten angewiesen sei: "Das zu ertragen, ist nicht leicht."

Weiterführende Artikel

Dresdner Totschlagsprozess: 37-Jährige erwürgt

Dresdner Totschlagsprozess: 37-Jährige erwürgt

Tod einer Altenpflegerin aus Freital: Nach zwei Monaten werden im Prozess gegen Roberto M. am Freitag die Plädoyers erwartet. Was bisher bekannt ist.

Vier Wochen neben der toten Partnerin

Vier Wochen neben der toten Partnerin

Ein 39-jähriger Freitaler soll seine Freundin getötet haben. Zum Prozessauftakt schwieg der Mann am Dienstag.

Im Prinzip war die Arbeit mit M. schon lange vor dem Tod von Anne W. gescheitert. M. war 2015 aus dem Gefängnis entlassen worden und hatte in kürzester Zeit wieder allerhand Ermittlungsverfahren gesammelt. Dafür, dass diese Verfahren auf der langen Bank lagen, kann der Bewährungshelfer nichts. Es ist die Sache von Staatsanwaltschaften und Gerichten.

Der Prozess wird fortgesetzt.

Abonnieren Sie unseren kostenlosen Newsletter "Dresden kompakt" und erhalten Sie alle Nachrichten aus der Stadt jeden Abend direkt in Ihr Postfach.

Mehr Nachrichten aus Dresden lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Dresden