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70 Kilometer lange Flucht auf der Autobahn Richtung Dresden: "Ein ganz krasser Fall"

Ein junger Hesse rast Richtung Osten. Sein Ziel ist Sotschi. Doch die Autobahnpolizei beendet die nächtliche Irrfahrt. Jetzt fand der Prozess am Amtsgericht statt.

Von Alexander Schneider
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Nach einer Raserei auf der Autobahn 4 Anfang Januar landete ein Heranwachsender zunächst in Untersuchungshaft. Der Hesse, der keinen Führerschein hatte, war unterwegs in Russland. Nun hat sein Prozess am Amtsgericht stattgefunden.
Nach einer Raserei auf der Autobahn 4 Anfang Januar landete ein Heranwachsender zunächst in Untersuchungshaft. Der Hesse, der keinen Führerschein hatte, war unterwegs in Russland. Nun hat sein Prozess am Amtsgericht stattgefunden. © Symbolfoto: Eric Weser

Dresden. Er startet im hessischen Alsfeld und will mit seinem eigens für die Reise gekauften Mercedes zu seiner Mutter nach Sotschi, der russischen Perle am Schwarzen Meer. Die kürzeste Verbindung, 3.200 Kilometer, führt durch die Ukraine und über die Halbinsel Krim. Wegen des russischen Angriffskrieges dürfte der junge Fahrer sie nicht ernsthaft in Erwägung gezogen haben. Der Umweg über Belarus verlängert die Tour um mindestens 500 Kilometer.

Der 19-jährige Russlanddeutsche hatte zwar keinen Führerschein, aber einen ambitionierten Plan, als er sich am 5. Januar nachmittags ans Steuer setzt. Doch Sachsens Autobahnpolizei stört die Reisepläne empfindlich. Bei Wüstenbrand erspähen die Beamten nachts in ihrem zivilen BMW den A-Klasse-Benz. Das mit einem Kurzzeit-Kennzeichen ausgestattete Auto fährt konsequent auf dem mittleren Fahrstreifen, obwohl nichts los ist.

Den Polizisten fallen neben dem ignorierten Rechtsfahrgebot auch die ruckartigen Lenkbewegungen des Fahrers auf, weshalb sie ihn in Chemnitz für eine Kontrolle herauswinken. Der Mercedes folgt artig – doch in der Ausfahrt gibt er plötzlich richtig Gas und rast auf der A4 weiter. Der BMW hinterher. Eine wilde Verfolgungsjagd beginnt.

Mehrfach versuchen die Beamten, den Mercedes auszubremsen und zu stoppen. Doch der Fahrer kann ihnen immer wieder entwischen – mal überholt er rechts oder gar über den Standstreifen, mal kachelt er über einen Parkplatz. Er wechselt wild die Fahrspuren, um den Polizei-BMW abzudrängen, rammt einen unbeteiligten Pkw. Über 70 Kilometer geht das so, auch als der Verkehr dichter wird. Erst an der Abfahrt Dresden-Neustadt verlässt der Mercedes die A4, nimmt eine rote Ampel am Elbepark, aber bekommt die Kurve nicht. Er kracht in das Geländer einer Haltestelle. Hier endet die Flucht. Im Auto entdecken die Beamten auch noch Amphetamin.

Bewegte Vergangenheit

Der 19-Jährige ohne festen Wohnsitz wird verhaftet. Nach vier Wochen kommt er raus, lebt jetzt in Dresden, meldet sich vorbildlich bei der Jugendgerichtshilfe, hatte bereits 80 Arbeitsstunden im Vorfeld geleistet. Nun stand er unter anderem wegen illegalen Kfz-Wettrennens, Fahrens ohne Fahrerlaubnis und Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte am Amtsgericht Dresden. Dort räumte er die Vorwürfe weitgehend ein.

Er habe zurück nach Russland gewollt, zu seiner Mutter beichtete er. Der Heranwachsende hat eine bewegte Vergangenheit hinter sich. Er brach die Schule ab, um zu seinen Eltern zu reisen, die damals in Spanien lebten, war wochenlang alleine unterwegs. Später lebte er in Sotschi bei der Mutter, musste jedoch zurück nach Deutschland, weil er keine gültigen Dokumente hatte. Zuletzt arbeitete er in einem Corona-Testzentrum, ehe er seine Wohnung kündigte und das Auto kaufte.

Die beiden Polizisten der Autobahnpolizei, die sich als erste in ihrem zivilen BMW an die Fersen des jungen Fahrers geheftet hatten, nachdem er ihr rotes Signal "Bitte Folgen" an der Abfahrt Chemnitz ignoriert hatte, berichteten von einer "haarsträubenden" Fahrt. Immer wieder hätten sie versucht, den Mercedes zum Anhalten zu zwingen, ihn sogar mithilfe anderer Fahrzeuge "einzukesseln". Doch sie hätten im letzten Moment Vorsicht walten lassen, um einen Unfall zu vermeiden.

Noch während der wilden Verfolgung erfuhren die Beamten aus ihren Auskunftssystemen, dass der Halter des Fluchtautos wegen Drogen- und Waffendelikten vorbestraft war. Sie hätten aber nicht erkennen können, ob der Fahrer alleine in dem Mercedes saß oder noch weitere Insassen. Der Mann am Steuer habe sich "hektisch" verhalten.

"Ein ganz krasser Fall"

"Warum haben Sie nicht angehalten?" habe er den Fahrer schließlich nach dem Unfall am Elbepark gefragt. "Ihr wart als Polizei nicht zu erkennen", habe der 19-Jährige ihnen geantwortet. Er sei überrascht gewesen, dass der Angeklagte keinen Führerschein gehabt habe: "Ich bin Fahrlehrer und muss ihm Respekt zollen" sagte er zu der Fahrweise des Täters.

Der zweite Zeuge, Fahrer im BMW, sagte, die gesamte Fahrt hätten sie zwischen 140 und 200 Stundenkilometer auf dem Tacho gehabt. "Der Mercedes hat versucht, uns abzudrängen", so der 36-Jährige. Gefährlich sei es auch gewesen, weil es geregnet hatte.

Ein dritter Polizist, er war von der Dresdner Autobahnpolizei, hatte geringe Mengen Amphetamin und Cannabis auf der Mittelkonsole des Unfall-Autos sichergestellt und den Fahrer festgenommen: Der junge Mann habe sich "kooperativ verhalten und sofort alles gestanden." Er habe nicht angehalten, weil er keine Fahrerlaubnis hat.

In seinem Plädoyer zählte der Staatsanwalt eine ganze Reihe von Straftatbeständen auf, die der Angeklagte an jenem Abend gesammelt habe und betont, dass er einen Schaden von mehr als 14.000 Euro verursacht habe. Dennoch sei die Flucht vor der Polizei eine Kurzschlussreaktion gewesen. Er forderte eine Jugendfreiheitsstrafe von acht Monaten auf Bewährung, sowie weitere Auflagen und eine Sperre der Fahrerlaubnis von zwei Jahren.

Verteidiger René Zebisch argumentierte, eine Sperre der Fahrerlaubnis sei kontraproduktiv. Es sei besser, seinen Mandanten dazu zu verurteilen, möglichst schnell die Fahrerlaubnis zu erwerben.

Das Jugendschöffengericht verurteilte den 19-Jährigen zu einer Jugendstrafe von acht Monaten auf Bewährung und verhängte eine nur einjährige Fahrerlaubnissperre - "um eine Fahrerlaubnissperre kommt man nicht herum bei diesen Delikten", sagte die Vorsitzende Richterin, sprach von einem "ganz krassen Fall" des Angeklagten: "Sie hatten mehr Glück als Verstand, anders kann man es nicht bezeichnen." Bei seiner Raserei hätten mehrere Menschen ums Leben kommen können. Allerdings sei der 19-Jährige jetzt auf einem guten Weg.

Der Angeklagte selbst hatte gesagt, dass er sich in Dresden wohler fühle, als in Hessen, wo er aufgewachsen sei. Was das für seine ursprünglichen Pläne bedeutet, zu seiner Mutter nach Sotschi zu ziehen? Man weiß es nicht.