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Wie viele Patienten wurden bestohlen?

Ein 23-jähriger Altenpfleger fällt mehrfach in Dresdner Seniorenresidenzen auf und dealt mit Drogen. Nun meint es ein Strafrichter sehr gut mit dem Mann.

Ein Altenpflegehelfer soll mehrfach in verschiedenen Einrichtungen Patienten bestohlen haben. Nun wurde der Mann am Amtsgericht Dresden verurteilt.
Ein Altenpflegehelfer soll mehrfach in verschiedenen Einrichtungen Patienten bestohlen haben. Nun wurde der Mann am Amtsgericht Dresden verurteilt. © Symbolbild: Marion Doering

Dresden. Drei von vier Anklagen hat Sebastian S. ohne Wenn und Aber abgenickt und die Vorwürfe gestanden. Da gab es auch nichts zu bestreiten. Bei den Diebstahls-Vorwürfen aus Anklage vier war das jedoch anders. Seine Zurückhaltung sollte sich für den 23-jährigen Dresdner lohnen. Für den gelernten Altenpfleger ohne Abschluss ging es um die Frage, ihm für ein paar Jahre eine vergitterte Unterbringung auf Staatskosten zu stellen.

Im Februar 2021 hatte er in einer Seniorenresidenz am Pohlandplatz einem Patienten 40 Euro und die EC-Karte gestohlen. Danach hob er sechsmal an verschiedenen Geldautomaten 4.000 Euro ab. In weiteren Fällen blieb es beim Versuch, da er kein Geld erhielt. Es gibt Bilder des Angeklagten beim Abheben, ein Automat stand vor seiner Haustür. Bestreiten zwecklos.

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Von Ende 2019 bis Juli 2020 handelte der Mann mit Marihuana. Nachdem er Anfang Juli auf frischer Tat mit 20 Gramm erwischt worden war, fanden die Ermittler in seiner Wohnung weitere 14 Gramm nebst Feinwaage, Tütchen und Ähnlichem. Aus der sichergestellten Handy-Kommunikation rekonstruierte die Polizei 20 einzelne Handlungen. Auch diese Taten waren nicht zu leugnen, wie drei Schwarzfahrten mit Straßenbahnen Anfang 2020.

Beweise wiegen schwer

Bei den schwersten Vorwürfen geht es wieder um Verfehlungen „im Dienst“. Zwischen März und Mai 2020 war der Angeklagte zur Probezeit in einer Seniorenresidenz in der Königsbrücker Straße beschäftigt. Dort soll er dreimal demenzkranken Bewohnern Geld aus dem Nachttisch ihres Zimmers gestohlen haben – 700, 600 und 200 Euro. Im Mai wurde er von einem Kollegen erwischt. Da stand er am Nachttisch einer Patientin mit deren Geldbörse in der Hand. Die kranke Dame hatte er zuvor für die Abendwäsche in ihrem Rollstuhl ins Bad gestellt und die Tür verschlossen, heißt es in der Anklage.

Diese Taten hat er bestritten. Die Bewohnerin habe ihm Geld geboten, damit er sie nicht wasche. Er habe sich einen Schein aus ihrer Geldbörse nehmen sollen, die sie ihm gereicht habe. Er habe das abgelehnt, die Frau ins Bad gerollt und dann, bei geöffneter Badtür, die Geldbörse wieder in den Nachttisch legen wollen.

Viele Besuche während des Corona-Lockdowns?

Das habe sein Mandant auch damals so ausgesagt, sagte Verteidiger Ulli Boldt. Allerdings machte Sebastian S. auch zahlreiche Angaben, die falsch waren und ihn offensichtlich entlasten sollten: Mehr als 30 Mitarbeiter hätten Zugang zu den Patientenzimmern, Besuche von Angehörigen seien damals möglich gewesen - es habe also nach wie vor viel Betrieb in der Einrichtung geherrscht. Kurz: Jeder hätte es gewesen sein können.

Ex-Kollegen und -Vorgesetzte dagegen berichteten als Zeugen, nur neun Mitarbeiter hätten in dem Wohnbereich Zugang zu den Zimmern gehabt. Zudem sei die Residenz coronabedingt für alle Besucher dicht gewesen - wie alle anderen Pflegeeinrichtungen damals auch. Selbst die Polizei durfte zum Ermitteln das Gebäude nicht betreten. Das bestätigte ein Beamter. Er habe seine Vernehmungen schriftlich erledigt.

Unter Beobachtung

Hinzu kommt, dass S. in der damaligen Einrichtung unter Beobachtung gestanden hatte, weil er mehrfach gelogen habe, wie ein Altenpfleger berichtete. Einmal habe der Angeklagte etwa felsenfest behauptet, er habe eine Patientin soeben gewaschen, dabei seien im Badezimmer alle Becken, alle Handtücher und Waschlappen trocken gewesen. Ein Altenpfleger, der seit 2009 dort angestellt ist, sagte, dass in der Einrichtung in dieser Zeit noch nie etwas Derartiges vorgekommen sei - und nach dem Weggang von S. auch nicht wieder.

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Die Beweise und der gestandene EC-Kartendiebstahl wogen sehr schwer. Doch all das reiche nicht aus, um zweifelsfrei von der Schuld des Angeklagten überzeugt zu sein, sagte Strafrichter Roland Wirlitsch. Es gebe noch immer zu viele Unsicherheiten. Wirlitsch verurteilte den Angeklagten für die gestandenen Taten - Handel mit Betäubungsmitteln, Diebstahl, Computerbetrug - zu einer Bewährungsstrafe von eineinhalb Jahren und 60 Arbeitsstunden. Für die vier Diebstahlsvorwürfe wurde S. jedoch freigesprochen.

Das Urteil ist bereits rechtskräftig.

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