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Dresdner Friseurin plant Salon ohne Müll

Es wäre eine Revolution in Deutschland: Mitten in der Pandemie will eine Dresdnerin das Haareschneiden nachhaltig machen. Wie das funktioniert.

Sieht noch nicht nach Friseur aus, soll aber der erste Salon ohne Müll werden: Juliette Beke in ihrem neuen Reich in Dresden.
Sieht noch nicht nach Friseur aus, soll aber der erste Salon ohne Müll werden: Juliette Beke in ihrem neuen Reich in Dresden. © René Meinig

Dresden. Zwischen dem Privatleben und ihrem Beruf will Juliette Beke keinen Unterschied mehr machen. Seit sechs Jahren lebt die gelernte Friseurin und gebürtige Neustädterin nahezu komplett müllfrei.

Damit ist ein ziemlicher Aufwand verbunden, den sie aber der Umwelt zuliebe gerne auf sich nimmt, sagt Beke. "Ich kaufe lose ein oder in Papier und Glas verpackt, ersetze viele Drogerieartikel durch drei einfache Rohstoffe, die ich zu Deo, Zahncreme und Reinigungsmittel mische", erzählt sie.

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Friseurmeisterin: "Ich habe alles in Frage gestellt"

Es ist 2015 zur Zeit der Flüchtlingskrise als Beke, die damals im fränkischen Forchheim an einer Friseurschule als Dozentin arbeitet, ihr Leben komplett umstellt. "Ich habe diese schrecklichen Bilder gesehen und alles infrage gestellt", sagt sie.

Beke hört mit dem Rauchen auf und stellt ihre Ernährung um. Dann liest sie ein Buch über "Zero Waste", zu Deutsch "Null Müll", einem neuen Trend, bei dem so viel Abfall vermieden wird wie möglich, um die Umwelt zu schützen.

Natron, Zitronensäure und Seife: Mehr braucht Beke nicht, um ihre Hygiene- und Reinigungsprodukte weitgehend zu ersetzen. Damit spart die 40-Jährige nach eigenen Schätzungen mittlerweile so viel ein, dass sich ihr Müll auf fünf Kilogramm im Monat reduziert.

Am Anfang seien es viele Informationen gewesen, die sie habe aufnehmen müssen, viel recherchieren, Bücher lesen, Youtube-Videos anschauen. Doch mittlerweile sei alles einfacher. "Es gibt jetzt Unverpackt-Läden und viele Anleitungen online", sagt die Dresdnerin.

In Friseursalons fällt eine Menge Müll an

Genau so viel Energie wie in den Umweltschutz steckt Juliette Beke auch in den Friseurberuf. Eigentlich hat sie Abitur gemacht und hätte damit auch einen leichteren Weg zu einem höheren Verdienst mit weniger Druck und prekären Arbeitsbedingungen wählen können.

Doch schon früh wird ihr bescheinigt, handwerklich begabt zu sein, gleichzeitig mag Beke gestalterisches Arbeiten. "Etwas machen, das man gleich sieht", das zeichnet für sie den Friseurberuf aus.

Doch gerade ihre Affinität zu Umweltschutz beißt sich mit den Bedingungen in der Branche. "Berufs- und Privatleben sind zwei verschiedene Welten geworden, da in einem Friseursalon jede Menge Müll anfällt", sagt Beke.

Auch dass die meisten Haarfarben und Shampoos Kunststoffe enthalten, "die leider noch nicht aus dem Trinkwasser gefiltert werden können und die wir täglich mit unserem Leitungswasser aufnehmen", stört sie extrem.

Ein Friseursalon im Lahmann-Sanatorium

Nach der Umstellung ihres Lebensstils 2015 stellt die 40-Jährige fest, dass sich bisher niemand aus der Branche wirklich für das Thema interessiert hat. Als Nachhaltigkeit dann Jahr für Jahr immer mehr in den Mittelpunkt der gesellschaftlichen Debatte rückt, beschließt Beke sich selbstständig zu machen.

"Es sollte Dresden sein, weil hier meine Heimat ist." Im Januar 2020 kehrt sie von Franken zurück nach Sachsen, mietet eine 240 Quadratmeter große Ladenfläche, den Wartesaal des ehemaligen Lahmann-Sanatoriums auf dem Weißen Hirsch.

"Das passt gut, denn auch mein Ansatz für den Salon ist ein zutiefst naturverbundener", erzählt die Frau mit den Kräusellocken und der eckigen Hornbrille. Es soll der erste "Zero-Waste"-Salon Deutschlands werden, eine echte Revolution.

Das Interesse? "Jetzt schon riesig"

Doch Corona verschiebt das Projekt immer weiter nach hinten. In dieser Zeit entwickelt Beke neue Rezepturen für Haarwaschmittel und schließt Verträge mit Herstellern ab. Erst jetzt, als die Friseure im zweiten Lockdown wieder schließen müssen, steht der Laden von Juliette Beke fast in den Startlöchern.

Mitte Februar soll es losgehen, sagt sie. Aber wie genau funktioniert so ein Friseursalon ohne Chemie und Müll? Die Grundzutaten, sie sind ganz ähnliche wie bei Beke zu Hause.

"Die Haare der Kunden wasche ich mit einer Mischung aus Olivenöl, Soda und Seife, vor dem Färben gibt es eine extra Behandlung mit Natron." Allerdings bringt der Fokus auf Naturprodukte auch Einschränkungen, wie die Friseurmeistern zugibt.

Zum Beispiel bei der Wunschhaarfarbe: "Von sehr dunkel auf sehr hell ist nicht möglich, weil wir nicht bleichen." Stattdessen nutzt sie für das Färben von helleren Strähnchen gerne auch graue Haarpartien. "Sie nutzen uns, obwohl sie niemand wirklich gerne hat."

Das Interesse, sagt Beke, sei jetzt schon riesig. Mit vier Angestellten, darunter auch ehemalige Schüler, und einer Kosmetikern will sie nach dem Lockdown die deutsche Friseurbranche revolutionieren. Ohne Chemie und Müll, aber mit viel Fingerspitzengefühl.

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Auf der Crowdfunding-Seite "startnext" können Sie Juliette Beke und ihre Mitarbeiter in der Corona-Krise finanziell unterstützen. Bis zum 24. Dezember läuft dort ihre Kampagne, bei der unter anderem spätere Friseurdienstleistungen gekauft werden können.

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