merken
PLUS Dresden

Jeder elfte Dresdner ist überschuldet

Die Schere zwischen den Stadtteilen wird immer riesiger. In manchen Vierteln können 20 Prozent der Bürger ihre Schulden nicht mehr begleichen.

Oft der letzte Ausweg für die Betroffenen: Professionelle Hilfe bei der Schuldnerberatung.
Oft der letzte Ausweg für die Betroffenen: Professionelle Hilfe bei der Schuldnerberatung. © dpa

Dresden. So viele Schulden zu machen, dass die aufgelaufenen Kredite nicht mehr zurückgezahlt werden können: Wenn das der Fall ist, spricht man im Bürokratiedeutsch von Überschuldung.

Davon betroffen sind auch viele Menschen in der sächsischen Landeshauptstadt, wie der Schuldneratlas 2020 zeigt, eine deutschlandweite Untersuchung des Unternehmens Creditreform. Der Konzern sammelt anhand der öffentlich zugänglichen Bundesregister Daten zur Kreditwürdigkeit von Personen und wertet diese aus. 

Wir haben für Sie die wichtigsten Erkenntnisse aus dem diesjährigen Schuldneratlas zusammengefasst und beantworten die drängendsten Fragen zur Situation in Dresden. 

Fahrrad
Rauf auf den Sattel
Rauf auf den Sattel

Fit unterwegs und immer auf der Suche nach etwas Sehenswertem? Auf unserer Themenwelt Fahrrad gibt es ganz viel zu entdecken!

Was unterscheidet Überschuldung von Verschuldung?

Überschuldung liegt laut genauer Definition dann vor, wenn ein Mensch seine Schulden "auch in absehbarer Zeit nicht begleichen kann und ihm zur Deckung seines Lebensunterhaltes weder Vermögen noch Kreditmöglichkeiten zur Verfügung stehen". 

Die Überschuldung ist ein Teufelskreis, aus dem die Betroffenen nur schwer selbst wieder herauskommen. Denn anders als bei der reinen Verschuldung reichen weder Einkommen noch Geld auf dem Konto, um Kredite in Raten abzubezahlen. Dann können die Verschuldeten sich auch ihre Miete und Lebensmittel nicht mehr leisten - ohne sich noch weiter zu verschulden. 

Wo liegt Dresden im bundesweiten Schnitt?

Dem Schuldenatlas zufolge ist die Überschuldung in Deutschland 2020 leicht zurückgegangen. Lag sie 2019 noch bei 10 Prozent, liegt sie in diesem Jahr bei 9,87 Prozent. Damit sind in Deutschland 6,85 Millionen Bürger überschuldet, rund 69.000 weniger als im Vorjahr. 

In Dresden liegt der Anteil überschuldeter Einwohner über 18 Jahren bei 9,25 Prozent, also leicht unter dem deutschlandweiten Schnitt. 41.625 Menschen können hier ihre Schulden nicht mehr aus eigenen Mitteln begleichen. Im Vergleich zum Vorjahr sind diese Zahlen ebenfalls relativ konstant. Rund 400 Personen konnten sich demnach aus der Schuldenfalle befreien, ein Rückgang um 0,2 Prozent. 

Insgesamt können sich die Zahlen durchaus sehen lassen. Nach Mainz, Potsdam und München ist Dresden die deutsche Landeshauptstadt mit der viertniedrigsten Überschuldungsquote. Außerdem schlägt Dresden sowohl den Durchschnitt in den Ost-Bundesländern (10,2 Prozent) als auch im Westen (9,82 Prozent). 

Wie schneidet Dresden im sachsenweiten Vergleich ab?

Im Vergleich der sächsischen Großstädte kommt Dresden beim Thema Überschuldung gut weg. In Leipzig liegt die Überschuldungsquote deutlich höher als in der Landeshauptstadt, denn hier sind 12,5 Prozent aller erwachsenen Einwohner in der Schuldenfalle gefangen, also 3,5 Prozent mehr als in Dresden.

Auch Chemnitz hat überdurchschnittlich viele überschuldete Bürger vorzuweisen. Hier sind es 11,9 Prozent. Insgesamt liegt Dresden im Mittelfeld der Kreise und kreisfreien Städte, so Creditreform-Dresden-Pressesprecherin Annett Grimm. 

Am niedrigsten ist die Überschuldungsquote mit rund 7,8 Prozent im Erzgebirgskreis, auch Bautzen und der Landkreis Sächsische-Schweiz-Osterzgebirge verzeichnen mit unter acht Prozent positive Zahlen. 

Wie ist die Situation in den Dresdner Stadtteilen?

Obwohl Dresden eine unterdurchschnittliche Überschuldungsquote aufweist und damit deutlich besser dasteht als Städte wie Köln, Frankfurt und Düsseldorf, zeigt sich hier vor allem ein Problem: Die Schere zwischen den Stadtteilen klafft immer weiter auseinander. 

So sind in Langebrück, Weixdorf und am Weißen Hirsch nur zwischen 3,3 und 4,3 Prozent aller Anwohner überschuldet. Seit 2004 sinken die Quoten hier Jahr für Jahr leicht. Anders verhält es sich in den als Problemvierteln bekannten Dresdner Kiezen. So ist die Überschuldung in Prohlis in den vergangenen 16 Jahren um 6,8 Prozent in die Höhe geschossen, in Gorbitz sogar um 7,4 Prozent. 

Licht am Ende des Tunnels gibt es hingegen in Pieschen. Dass der Stadtteil sich immer mehr zum Anziehungspunkt für gut gebildete junge Menschen entwickelt und sein Schmuddelimage weiter ablegt, zeigt auch die Überschuldungsquote. Sie ist in Pieschen seit 2004 um 3,8 Prozent gesunken. 

Wie wirkt sich Corona auf die Überschuldung aus?

Wie kann es sein, dass sich trotz der Corona-Maßnahmen noch nicht mehr Menschen überschuldet haben? Thomas Schulz, Prokurist bei Creditreform in Dresden, geht davon aus, dass die Bombe später platzt und die Überschuldungsquote erst 2021 deutlich steigen wird. "Die Auswirkungen der Corona‐Pandemie sind noch nicht beim Verbraucher angekommen", sagt Schulz.

Der Grund: "Aufgrund ihrer kleinteiligen Struktur erweist sich die Wirtschaft im Freistaat als besonders krisenfest. Entlassungen werden zurzeit noch durch staatliche Fördermaßnahmen wie das Kurzarbeitergeld vermieden", so Schulz.

Doch im kommenden Jahr werde "gescheiterte Selbstständigkeit als Hauptursache für Überschuldung an Bedeutung gewinnen", ist er überzeugt. 

Welche Erfahrungen machen Schuldnerberater?

Gregor Gantert ist Schuldnerberater bei der AWO im Dresdner Stadtteil Prohlis. Hier bemerken die Mitarbeiter schon jetzt die negativen Auswirkungen von Corona. 

"Hier im Viertel haben viele Menschen prekäre Jobs, arbeiten zum Beispiel in Reinigungsfirmen und verdienen wenig. Wenn diese Leute ihre Arbeit verlieren oder in Kurzarbeit müssen, dann sind sie schnell nicht mehr in der Lage, ihre Verträge zu bedienen", sagt Gantert. 

Generell steige die jährliche Zahl der Anfragen bei der Schuldnerberatung der AWO in Prohlis seit Jahren. Dabei gehe es oft schnell ums Überleben, sagt Gantert. 

"Jemand, der vom Regelsatz lebt, hat keine Chance, mal einen Fehler zu machen." Da reiche eine Unterschrift unter einen Vertrag, um in der Schuldenfalle zu landen. "Ohne finanzielle Ressourcen ist das Risiko viel höher", erklärt Gantert die immer größer werdende Schere zwischen den Stadtteilen.

Dazu komme, dass besonders Migranten und weniger gebildete Menschen oft gar nicht verständen, was sie da unterzeichnet hätten. "Sie können auch die Folgen häufig nicht abschätzen", sagt Gantert. 

Er beobachtet auch, dass gerade in sozial schwierigeren Vierteln viel mehr Haustür- und Telefonvertreter unterwegs seien. Diese würden ausnutzen, dass viele der dort lebenden Menschen zu wenig über ihre Rechte wissen, wie etwa über das Widerrufsrecht bei Verträgen. 

Weiterführende Artikel

Schneller raus aus den Schulden

Schneller raus aus den Schulden

Eine Privatinsolvenz dauert künftig nicht mehr sechs, sondern drei Jahre. Eine Beraterin aus Bischofswerda erläutert, was Schuldner jetzt beachten müssen.

Schon vor den Schulden zur Beratung

Schon vor den Schulden zur Beratung

Das Geld wird weniger, die Rechnungen mehr, das Loch größer. Ein Berater der Arbeiterwohlfahrt sagt, wie man damit umgehen sollte.

Gantert hofft, dass die Bundesregierung in Kürze ihr Vorhaben umsetzt und die Dauer von Privatinsolvenzen von sechs auf drei Jahre reduziert. "Gerade in Anbetracht der Corona-Situation begrüßen wir das sehr", sagt Gantert. 

Abonnieren Sie unseren kostenlosen Newsletter "Dresden kompakt" und erhalten Sie alle Nachrichten aus der Stadt jeden Abend direkt in Ihr Postfach.

Mehr Nachrichten aus Dresden lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Dresden