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Dresdner Apotheke sagt Online-Riesen den Kampf an

Der Druck der großen Versandhändler wächst. Mit einem Online-Lieferdienst will Carsten Stein die Zukunft seiner Dresdner Apotheke sichern.

Carsten Stein, Inhaber der Dresdner Panorama-Apotheke: Kaum Chancen im Preiswettbewerb gegen Online-Händler.
Carsten Stein, Inhaber der Dresdner Panorama-Apotheke: Kaum Chancen im Preiswettbewerb gegen Online-Händler. © René Meinig

Dresden. Carsten Stein ist mit Herz und Seele Apotheker. Der Thüringer kam mit seiner Frau Ende der 90er-Jahre nach Dresden, beide gründeten hier ihre eigenen Geschäfte. "Wir hatten uns über 80 Standorte angeschaut, sind aber irgendwie hier hängengeblieben", erzählt Stein und lacht.

Fast genau vor 24 Jahren, am 12. März 1997 eröffnete er die Panorama-Apotheke im Dresdner Stadtteil Kleinpestitz. Mit Erfolg: Über die lange Zeit hat sich der Mann mit der eckigen Brille ein großes Stammpublikum aufgebaut, Kunden schätzen die zuverlässige Beratung und die Atmosphäre vor Ort.

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Große Medikamentenhändler locken mit billigen Preisen

Doch in den vergangenen fünf Jahren hat sich auch bei den Apotheken einiges verändert. Der einst geschützte Raum wird zunehmend von außen belagert. Große Versandhändler wie Doc Morris oder Sanicare locken mit billigen Medikamentenpreisen und der Lieferung direkt nach Hause. "Bald wird auch Amazon ins Geschäft einsteigen", sagt Stein.

Die Digitalisierung, sie hat längst auch den Gesundheitssektor erobert. Carsten Stein hingegen möchte die Arbeitsplätze seiner Mitarbeiter erhalten - auch weil er fest an die Vorteile der lokalen Apotheke vor Ort glaubt.

"Das ist vor allem die Beratung", sagt er. "Ich sehe das besonders im Notdienst: Ärzte schreiben Medikamentendosierungen auf, die gar nicht für den Kunden passen oder die seine Krankenkasse nicht zahlt, weil sie nicht mit dem jeweiligen Hersteller die Verträge hat."

Dann kämen die Kunden letztlich doch in seine Apotheke - mit einem Rezeptschein, der zuvor von einem Online-Händler zurückgeschickt wurde. "Wir telefonieren am Tag x-Mal mit Arztpraxen, um Fragen abzuklären. Das nervt zwar die Ärzte, geht aber gar nicht anders, weil wir Medikamente ansonsten nicht ausgeben dürften", erklärt der Apotheker.

"Jedes zehnte Rezept braucht eine Rücksprache"

Und Rezepturen, besonders für Kinder - auch die könnten die Versandhändler nicht herstellen. "Oft ist es nötig, ein Medikament entsprechend zu verdünnen. Das kann nur der Apotheker vor Ort."

Insgesamt benötige etwa jedes zehnte Rezept letztlich eine Rücksprache. Doch Carsten Stein will nicht nur kritisieren. Stattdessen ist der Apothekeninhaber bereits vor mehreren Jahren in den Angriffsmodus übergegangen.

Wobei er stets betont, dass es ihm nicht darum gehe, anderen Kollegen ins Geschäft zu pfuschen. Doch der lokale Service und der Online-Handel müssten sich doch verbinden lassen, war Stein bereits 2016 überzeugt.

Er lässt von einem Bekannten ein Imagevideo für die Website der Apotheke drehen. Parallel eröffnet das Team der Panorama-Apotheke einen Online-Shop, kooperiert mit verschiedenen Anbietern für die Lieferung von Medikamenten. Doch Stein merkt schnell, dass es schwer ist, den Kunden das zu bieten, was sie wünschen.

"Es gibt einfach zu viele Apps, technische Probleme und ehrlicherweise waren wir bisher einfach nicht so weit, das komplett alleine und reibungslos auf die Reihe zu bekommen", gibt der Apotheker zu. Um online Erfolg zu haben, brauche es ein komplettes Marketing-Team, das er sich schlicht und einfach nicht leisten könne.

Die Schwester des Gründers leitet eine Apotheke

Doch Stein gibt nicht auf, recherchiert intensiv in Fachzeitschriften, sucht nach einer Lösung. Im Dezember 2020 liest er dann in einem der Magazine von einem Start-up aus Köln, das genau auf kleinere Vor-Ort-Apotheken wie seine abzielt.

Er kontaktiert die Gründer des neuen Portals arzneipost.de - und ist von Anfang an von der Idee begeistert. Hinter Arzneipost stecken zwei Kölner: Phillip Dempke und Daniel Kauffmann. Kauffmann ist gelernter Programmierer und hat bereits vor mehreren Jahren eine App mitentwickelt, mit der Essen auf Rädern online bestellt werden kann.

Kauffmanns Schwester Stefanie leitet in Köln die Viktoria-Apotheke im Stadtteil Kalk. Dempke wiederum ist studierter Gesundheitsökonom. Die Männer lernen sich kennen, weil auch die Freundin von Dempke als pharmazeutisch-technische Angestellte in der Viktoria-Apotheke arbeitet.

Corona: "Viele trauen sich nicht mehr raus"

Im Sommer 2020 entwickeln die Gründer eine neue Plattform, über die Kunden direkt bei ihrer Apotheke vor Ort Medikamente bestellen und liefern lassen können - innerhalb von nur zwei Stunden. Dafür gibt man seine Postleitzahl auf der Homepage an, wählt dann seine Apotheke und das jeweilige Arzneimittel aus.

Ein Bote der Apotheke bringt die Medikamente dann nach Hause, verfolgt werden kann das Ganze live über das Smartphone oder den PC. "Über 90 Prozent aller deutschen Apotheken bieten bereits einen Botendienst an", sagt Kauffmann. So auch Carsten Stein. "Wir fahren zurzeit einmal morgens und einmal abends Lieferungen aus", sagt Stein.

Gerade in der Corona-Zeit habe der Apotheker gemerkt, dass insbesondere nach Einbruch der Dunkelheit deutlich weniger Menschen in sein Geschäft kommen als normalerweise. "Viele trauen sich dann nicht mehr vor die Tür, dazu kam auch die Ausgangssperre, die verunsichert hat", sagt Stein. Da sei ein Lieferdienst eine gute Idee.

Mit den Kölner Gründern ist sich Stein jetzt sicher, Partner gefunden zu haben, denen die lokalen Apotheken auch so wichtig sind wie ihm selbst. "Die anderen Händler werden immer preiswerter sein", sagt der Wahldresdner. Aber das persönliche Gespräch - das könne niemand ersetzen.

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