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Hermes streicht über 100 Jobs in Dresden

Der Konzern schleift den Dresdner Standort und bündelt die Produktion bei Hamburg. Das wollen die Mitarbeiter in Sachsen nicht hinnehmen.

CNC-Dreher Axel Klemm wechselt eine Schleifscheibe – und Hermes seine Pläne für das Dresdner Werk.
CNC-Dreher Axel Klemm wechselt eine Schleifscheibe – und Hermes seine Pläne für das Dresdner Werk. © Jörn Haufe

Frank Sonntag weiß, wie es sich anfühlt, wenn einem gesagt wird, man habe beruflich nur noch ein gutes Jahr zu leben. Der Betriebsratschef von Linde Engineering hatte die Diagnose im November 2016 bekommen. Die Konzernmutter in München wollte den Dresdner Anlagenbauer mit 480 Beschäftigten schließen, eine weltweit führende Adresse für Planung, Bau und Lieferung von Chemie-, Gas-, Biotechnologie- und Pharmaanlagen. Nach Protest der Belegschaft und einer Welle der Empörung, die auch die Politik erfasste, gab Linde eine Standortgarantie und verzichtet bis 2021 auf betriebsbedingte Kündigungen. Vier Jahre später sind die einst Totgesagten mit noch 340 Mitarbeitern gar Kompetenzzentrum für kleine und mittlere Anlagen.

Am Donnerstag war Sonntag mit kleinem Gefolge erneut auf der Straße – nicht in eigener Sache, sondern vor dem Tor der Hermes Schleifmittel GmbH. Am 1. Oktober hatte der Konzern mit Sitz in Hamburg erklärt, die Schleifkörperproduktion 2021 in Uetersen bei Hamburg zu bündeln und das Werk im Dresdner Osten stillzulegen – ein Jahr vor dessen 100. Geburtstag. 115 Beschäftigte, Hersteller von Schleifscheiben, -walzen, -schnecken, -stiften für die Auto- und Flugzeugindustrie verlieren ihre Jobs.

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Von der SZ nach den Gründen befragt, heißt es vom Konzern: Seit 2019 schwächle mit der Autoindustrie eine Hauptabsatzbranche im strukturellen Wandel. Viele Werkstücke aus Verbrennungsmotoren gebe es im Elektromotor nicht mehr, und es würden weniger Schleifwerkzeuge benötigt. Das habe schon vor Corona zu Umsatzeinbußen geführt, die Pandemie habe die Auslastungskrise verschärft. Am Dresdner Standort gelte seit 15 Monaten Kurzarbeit.

Protest vor dem Werkstor.
Protest vor dem Werkstor. © dpa

Der Ex-Kombinats- und Treuhandbetrieb wurde 1996 vom Hermes-Konzern gekauft. Laut Betriebsrat wurden fast immer schwarze Zahlen geschrieben. Das Werk selbst macht keine Angaben und geht in der Bilanz des Konzerns mit rund 1.100 Beschäftigten auf. 2018 standen dort bei 165 Millionen Euro Umsatz 5,4 Millionen Euro Überschuss. Die Zahlen für 2019 stehen aus. Die Frage, wo die Aktivitäten gebündelt werden, „ist eine technologische“, schreibt Hermes-Marketingchef Jörn Rybiczka. Da mache es mehr Sinn, das Werk im Westen fortzuführen, „da wesentliche Produkte und Technologien, die wir für den Markt in Zukunft für wichtig halten, heute schon in Uetersen gefertigt werden“. Die Geschäftsleitung sei „im kontinuierlichen Austausch mit der Arbeitnehmervertretung“.

„Mit uns wurden keine Gespräche geführt“, entgegnet Thomas Becker, stellvertretender Betriebsratsvorsitzender in Dresden. „Wir warten vielmehr seit zwei Wochen auf Beantwortung unseres Fragenkatalogs.“ Er spricht von einer „politischen Entscheidung über die Köpfe der Leute hinweg“ und nennt es „erstaunlich, dass Dresden dichtgemacht wird, während in Hamburg und Uetersen fast nichts passiert“.

Belegschaft fühlt sich verarscht

Für Norbert Winter von der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) ist es „dreist, die Belegschaft pünktlich vor dem 30. Jahrestag der deutschen Einheit vor vollendete Tatsachen zu stellen“, und sich nicht vorher mit dem Betriebsrat beraten zu haben, sei „ein Ding der Unmöglichkeit“. Linde-Betriebsrat Sonntag nennt die Argumentation des Managements „dünn“. Er sieht Parallelen zum eigenen Fall: „Man bohrt das Brett an der dünnsten Stelle und im Zweifel im Osten.“

Dabei lägen Dresdens Vorteile auf der Hand, argumentiert Hermes-Betriebsrat Becker vor Teilnehmern der Protestaktion: neben der Belegschaft und der Linde-Truppe auch Gesandte der Chiphersteller Global Foundries und Infineon sowie von Gewerkschaften. Demnach bekämen die Beschäftigten weniger Lohn als jene im Westen, weil sie jede Woche für fast das gleiche Geld zwei Stunden länger arbeiten müssten. Auch seien Liefertreue und Produktivität höher als in Uetersen. „Betriebswirtschaftlich nehmen sich die beiden Standorte nichts und in Bezug auf die Qualität auch nicht“, schreibt Marketingleiter Rybiczka.

Laut Geschäftsführung sei die Gebäudesubstanz zu marode für weitere Investitionen. Der Eigentümer habe 24 Jahre Zeit gehabt, das zu ändern, sagt Becker zur SZ. Hermes hat nach eigenen Angaben rund zwölf Millionen Euro in Dresden investiert, „vor allem in Maschinen und Anlagen“.

Der Betriebsrat erinnert an die Finanzkrise 2008/09. Um die Pleite der Konzernmutter abzuwenden, hätten die Dresdner einen Kredit über fast fünf Millionen Euro aufgenommen. Im Gegenzug sollte der Standort eigenständig werden. Heute fühlten sie sich „vom Management verascht“.

Verlust von Jobs und Know-how

Jan Cord Becker, seit 2010 Konzernchef, eigens aus Hamburg angereist, verfolgte den Protest nur von fern. „Unsere Mitarbeiter hier in Dresden machen einen tollen Job. Sie können sich nichts vorwerfen“, sagt der geschäftsführende Gesellschafter zur SZ. „Ich bedaure es sehr, dass es wohl zu Entlassungen kommen wird.“

„Wir haben einst Unterstützung erfahren“, sagt Frank Sonntag. „Das tat gut, hat Mut gemacht, uns wieder ins Spiel gebracht.“ Doch nach der Protestaktion geht der Linde-Betriebsrat mit zwiespältigen Gefühlen ins eigene Werk – auch wegen geringer Resonanz aus der Nachbarschaft. „Schade, dass man erst selbst betroffen sein muss, um ein Stück umzudenken“, kritisiert er Egoismus und fehlende Solidarität.

Anders als die Ingenieure des namhaften Anlagenbauers können die Hermes-Beschäftigten nicht auf Hilfe durch die Politik hoffen. Für Sachsens Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD) ist die Schließung des Traditionsbetriebs zwar „ein schmerzhafter Verlust – ein Verlust von Jobs und Know-how“, wie er der SZ sagt. „Unternehmerische Entscheidungen, wie hier infolge der Auftragssituation, müssen aber dem Unternehmen vorbehalten bleiben – auch wenn die Corona-Zeit die Situation erschwert.“

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