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Dresdner Firma „Octopus“: Mit Tinte läuft alles besser

Der Dresdner Tinten-Produzent „Octopus“ greift Trends im Netz auf und entwickelt im eigenen Labor schnell neue Produkte. So war es auch beim Alcohol Ink Painting.

Von Peter Ufer
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Der Herr der Tinte: Gunther Lange ist Geschäftsführer der Octopus Concept GmbH Dresden. Er weiß, die Anforderungen an Tinte sind höher als viele Kunden meinen.
Der Herr der Tinte: Gunther Lange ist Geschäftsführer der Octopus Concept GmbH Dresden. Er weiß, die Anforderungen an Tinte sind höher als viele Kunden meinen. © Jürgen Lösel

Wie ein wilder Fluss fließen Farben über den Untergrund. Bunte Strudel wirbeln scheinbar dahin und verharren in abstrakten Formen wie ein Regenbogen, den irgendjemand erst durcheinandergebracht und anschließend angehalten hat. Das Verfahren der Malerei gleicht auf den ersten Blick einem Aquarell, und doch funktioniert es ohne Wasserfarben und nicht auf normalem Papier.

Die Maltechnik heißt „Alcohol Ink Painting“ und schwappt als neuer Trend seit geraumer Zeit von den USA nach Deutschland. Gestaltet werden die Bilder mit Alkoholtinte. Wie es der Name sagt, bestehen die zum großen Teil aus Alkohol, der mit Farbpigmenten oder Farbstoff versetzt wird. Die Tinte befindet sich in kleinen Flaschen. Tropfen für Tropfen landen die Farben auf dem synthetischen Untergrund. Mit einem Fön können Verläufe inszeniert werden, mit Federn oder Schwämmen entstehen zusätzliche Effekte. Gemalt wird auf Metall, Glas, Porzellan oder Keramikfliesen, speziellem Yupo-Papier oder Stone Paper.

Verbraucht werden dabei weltweit literweise bis zu 100 verschiedene Tintenfarben, 50 davon liefert zurzeit das Dresdner Unternehmen Octopus. Denn Tinten zu entwickeln, herzustellen, zu vertreiben und sämtliches Zubehör mit zu liefern ist deren Geschäft. Den amerikanischen Trend aufgegriffen haben Alexandra Pohl und Luise Zschieschang, zwei junge Mitarbeiterinnen der Firma, die sich bei Youtube und Instagram regelmäßig darüber informieren, wer gerade was mit Tinten veranstaltet. So stellten sie schnell fest, dass sich Tausende Menschen von der Fluid-Art begeistern lassen und Youtubern folgen, die zeigen, wie sie ihre Kunstwerke fabrizieren.

Die Tinten dafür waren jedoch nur schwer oder gar nicht in Deutschland zu bekommen. „Ein Jahr hat es gedauert, und wir konnten eigene, speziell für diese Art der Malerei entwickelte Tinten anbieten“, sagt Gunther Lange, Geschäftsführer der Octopus Concept GmbH. 2004 entdeckte er die Tinte für sich, begann mit dem Aufbau von Tintentankstellen in Sachsen und handelte mit dem flüssigen Rohstoff.

2011 begann er nach der Insolvenz des bis dahin bekanntesten sächsischen Herstellers „Barock“ in Radebeul selbst mit der Produktion und gründete die Octopus Fluids GmbH & Co. KG. Auf der Hamburger Straße in Dresden befindet sich seitdem nicht nur die Produktionsstätte des Unternehmens, sondern auch ein eigenes Labor.

„Mit drei Chemikerinnen und Chemikern und einem ständig wachsenden Repertoire an Gerätschaften und Instrumenten wachsen bei uns die Möglichkeiten, in weitere Produktsegmente rund um Tinte und Farbe vorzustoßen“, sagt Lange.

Gestaltete Fliese in Alkohol Ink Art.
Gestaltete Fliese in Alkohol Ink Art. © Jürgen Lösel

Neben der Fluid-Tinte beschäftige er sich gerade mit Projekten zur Entwicklung von Tinte für den 3-D-SLA-Druck, Tinten für Polycarbonat, Neonschreibtinten, Druckertinten für die neuesten Canon-, Brother-, Epson- und HP-Druckermodelle sowie die Erweiterung des Sortiments der Alkoholtinten um Färbemittel für Epoxidharze. „Wir treiben uns permanent durch Innovationen voran. Dass da auch mal was schiefgeht oder wir im Einzelfall am Bedarf vorbei entwickeln, kalkuliere ich ein“, sagt Lange.

In seinem Labor entstand beispielsweise kürzlich eine spezielle Tinte, die in Deutschland nur bei Octopus zu bekommen ist. Lange erklärt: „Als ich mit einem Segler sprach, erzählte der mir, dass in seiner Jacht beim Aufzeichnen der Barometerdaten auf das Streifenpapier regelmäßig in der Nadel die Tinten eintrocknet. Er fragte, ob wir dafür eine Lösung hätten. Unser Labor fand eine, auch wenn wir davon keine großen Mengen absetzen, so bedienen wir doch eine feine Nische.“

Auch die nächste Idee setzten seine Leute mit Freude um, obwohl nicht zu erwarten war, dass das ein Umsatztreiber wird. „Wir wurden 2019 angefragt und haben uns an einer internationalen Ausschreibung beteiligt, um Wahltinte für die Wahlen im Irak herzustellen“, erzählt Gunther Lange. Diese Tinte werde als Farbstoff auf den Zeigefinger von Wählern aufgebracht. Betrug könne so vorgebeugt werden, denn niemand mit geschwärztem Finger dürfe erneut zum Urnengang. Lange sagt: „An Wahltinte werden ganz besondere Anforderungen gestellt. Sie muss hautverträglich sein und darf sich gleichzeitig 96 Stunden lang nicht vom Finger abwaschen lassen.

Tinten von Octopus
Tinten von Octopus © Jürgen Lösel

Um diese Eigenschaften zu erfüllen, enthält diese Spezialtinte Silbernitrat.“ Mehrere Monate sei damals der Chemiker mit schwarzen Fingern an den Händen herumgelaufen, um persönlich die Qualität der Tinte zu testen.

Der Irak-Auftrag umfasste 0,5 Tonnen violette Tinte in 5.300 Flaschen zu je 80 Milliliter. Das sei der erste Erfolg gewesen, jetzt habe sein Unternehmen als eines der wenigen auf der Welt die besonders in Entwicklungsländern gefragte Tinte vorrätig. Der Geschäftsführer weist darauf hin, dass seine 30 Mitarbeitenden ein Durchschnittsalter von 35 Jahren haben. „Ich fühle mich mit meinen fast 50 Jahren hier wie so eine Art Alterspräsident“, sagt Lange. Doch er genieße die Neugier und den Ideendrang seiner Leute.

Über 400 Tinten-Rezepturen

Über 400 Tinten-Rezepturen nenne der Betrieb inzwischen sein Eigen. Im Lager warten Tinten für den T-Shirt-Druck, für Stempelkissen, den Druck auf Styropor oder für den Druck von Haltbarkeitsdaten auf Lebensmittelverpackungen sowie Bierflaschen auf die Auslieferung. Den größten Umsatz erwirtschaftet Octopus allerdings mit der Produktion von Tinten zum Nachfüllen der Patronen in Druckern sowie mit Forschungs- und Entwicklungsaufträgen externer Unternehmen. „Wir sind in den vergangenen Jahren kontinuierlich jährlich um 15 Prozent gewachsen. Im Jahr 2020 stieg unser Umsatz auf 4,5 Millionen Euro. Das waren 50 Prozent mehr als ein Jahr davor“, sagt Lange.

Durch Lieferengpässe von vor allem asiatischen Herstellern wurden deutsche Produzenten wie die Dresdner noch wichtiger. „Das Bedürfnis zur Absicherung der Zulieferkette spürten auch wir“, sagt Lange. Die Zusammenarbeit mit sächsischen Herstellern von Schreibgeräten, wie beispielsweise Diplomat, habe geholfen, Prozesse zu optimieren. Das Homeoffice sei wesentlich wichtiger geworden, und die kreative Beschäftigung in den eigenen vier Wänden nehme zu. Der Internethandel spiele außerdem eine immer größere Rolle. 50 Prozent seiner

Waren verkaufe er allein über Amazon. „Unser eigener Web-Shop wächst permanent“, sagt Lange. Dabei sind neben den Tinten für Drucker die Kreativ-Tinten ein kleiner, aber wichtiger Bestandteil der Produktion. Dazu gehören neben den Alcohol-Ink-Painting-Produkten auch Tinten für Füllfederhalter.