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Das Ossi-Wessi-Macher-Duo

Die Firma Linde in Dresden als typischer Fall: West-Chef trifft auf Ost-Betriebsrat. Wie zwei verschiedene Männer ringen, ihr Unternehmen vor dem Aus zu bewahren.

Präsentieren sich als Macher-Duo: Betriebsrat Frank Sonntag (links) und der neue Geschäftsführer Dennis Schulz vom Linde-Standort in Dresden.
Präsentieren sich als Macher-Duo: Betriebsrat Frank Sonntag (links) und der neue Geschäftsführer Dennis Schulz vom Linde-Standort in Dresden. © Ronald Bonß

Dresden. Gar nicht so leicht, sich als Partner fürs Foto zu präsentieren: Der junge Chef, schlank, cool, feiner Anzug, muss sich neben dem großgewachsenen Haudegen vom Betriebsrat behaupten, fast könnte der sein Vater sein. Also fester Blick, entschlossene Geste, Arme vor die Brust. Der Betriebsrat seinerseits duckt sich ein wenig, natürlich nur fürs Foto. 

Das Bild soll schon übereinstimmen mit ihrer Selbstbeschreibung, auf die sie sich gerade verständigt haben: „Wir sind das Macher-Duo von Linde in Dresden.“ Klingt super. Aber war da nicht gerade noch Feuer unterm Dach? Die alte Geschichte muss erzählt werden, auch wenn Geschäftsführer Dennis Schulz und Betriebsrat Frank Sonntag sie nicht gern noch mal lesen werden. Zu viele böse Erinnerungen hängen daran, zu viele verletzte Gefühle.

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Um das Jahr 2015 herum liefen die Geschäfte des weltweit agierenden Konzerns, der Industriegase und Prozessanlagen dafür herstellt, nicht mehr so toll wie gewohnt. Es wurde ein Sparkonzept entwickelt, wie Unternehmen das so machen. Ein Standort mit mindestens 500 Beschäftigten sollte eingespart werden. Es traf Dresden. Warum? Lief es hier schlecht? Das Macher-Duo ist sich einig: Nein, keineswegs. Näher wollen sie sich dazu nicht äußeren. Linde-Mitarbeiter sind gesprächiger, allerdings nur anonym. 

Dresden habe das richtige Einsparpotenzial gehabt und sei schön weit weg von der Münchner Zentrale. Ein leichtes Opfer. Zuletzt hat Sachsen ein ähnliches Drama mit Siemens in Görlitz erlebt, auch hier die Zentrale im fernen München. Frank Sonntag saß damals im Aufsichtsrat und gehörte zu den Ersten, die von den Plänen erfuhren. Er hat schwer mit sich gekämpft, wie er mit der streng internen Information umgeht. 

Auf Protest folgt Kompromiss

Im November 2016 erschien die Sächsische Zeitung mit der Schlagzeile „Linde macht Standort Dresden dicht“. Die Nachricht schlug ein wie eine Bombe. Linde-Mitarbeiter protestierten, die Landesregierung schaltete sich massiv ein. Der Druck wurde so groß, dass die Konzernzentrale einlenkte. Mitte Dezember titelte die SZ: „Linde-Standort bis 2021 gesichert“. Ein Kompromiss. 

Die Mitarbeiter waren natürlich erleichtert, aber auch tief verunsichert. Das Vertrauen in die Zentrale war dahin. In dieser Stimmung schickte Linde zwei Manager nach Dresden, die die Scherben aufkehren sollten. Jürgen Velte wurde Geschäftsführer – er war in Dresden bereits als integrer und fähiger Chef bekannt – und Dennis Schulz als CFO, Sonntag sagt auf gut Ostdeutsch „Finanzer“. Drei Jahre lang bemühten sie sich, neues Selbstbewusstsein aufzubauen. Seit wenigen Wochen ist Schulz der Chef, aus dem Trio wurde das Macher-Duo.

Die Lebenswege der beiden unterscheiden sich deutlich. Frank Sonntag, 55, ist Dresdner und hat schon in der Schule im Rahmen der praktischen Arbeit im VEB Komplette Chemieanlagen (KCA) gearbeitet, dem Linde-Vorgänger. Weil es mit dem gewünschten Studienplatz nicht gleich klappte, war er erst mal vier Jahre hier Laborhilfskraft und lernte das relativ offene Klima im Unternehmen schätzen. 

Das Gebäude am Dresdner Postplatz gegenüber der HO-Gaststätte Am Zwinger trug zu DDR-Zeiten den Schriftzug Komplette Chemieanlagen, nach der Wende dann Linde – bis zum Abriss.
Das Gebäude am Dresdner Postplatz gegenüber der HO-Gaststätte Am Zwinger trug zu DDR-Zeiten den Schriftzug Komplette Chemieanlagen, nach der Wende dann Linde – bis zum Abriss. © Morgenstern/akg-images

Dann studierte er thermische Verfahrenstechnik an der TU Dresden und verfolgte von dort aus die Bildung eines Joint Ventures mit Linde im April 1990. Es war das erste deutsch-deutsche überhaupt. Damals versuchten die DDR-Behörden, es noch in letzter Minute zu verhindern, erst ein Ultimatum mit massiver Streikdrohung der Mitarbeiter setzten das Joint Venture durch. Die Dresdner versprachen sich Zukunftssicherung, die Münchner den Zugang zum Markt in Osteuropa und der Sowjetunion.

Neuer Chef wurde der alte: Günter Bruntsch, ein hoch angesehener Fachmann. Dresden und München wuchsen zusammen, es gab sogar einen Busshuttle, mit dem Hunderte Mitarbeiter zur Qualifizierung nach Bayern gefahren wurden. Frank Sonntag konnte dann nicht gleich nach dem Studium in der Firma anfangen, weil dort in den 90er-Jahren viele Stellen abgebaut wurden. Erst 2001 klappte es, er wurde als Projektingenieur eingestellt. Seit 2006 ist er Betriebsrat, seit zehn Jahren hauptamtlich. Sonntag gehört heute zu den Altgedienten, die eine Menge mitgemacht haben und das Unternehmen oft besser kennen als die Chefs.

Als das KCA-Linde-Joint Venture 1990 gegründet wurde, saß Dennis Schulz im Westberliner Stadtteil Charlottenburg in der ersten Klasse und lernte das Abc. Die Mauer hat er nie wirklich erlebt, schon in seiner Schule mischten sich Kinder aus Ost und West. Er weiß noch ganz gut, dass sich eine neue Klassenlehrerin aus Ostberlin auch als solche vorstellte und der Hoffnung Ausdruck verlieh, die Kinder mögen damit kein Problem haben. Wie jetzt?, fragten sich die Kinder. Warum sollten wir?

Erfahrungen aus China nützen in Dresden

Ganz selbstverständlich studierte Dennis Schulz dann von 2002 bis 2008 im Ostberliner Stadtteil Schöneweide an der heutigen HTW. Die Hochschule lockte mit dem neuen Studienfach Betriebliche Umweltinformatik, es geht dabei um regenerative Energie und Abfallverwertung in Unternehmen. Nebenher suchte er spannende Nebenjobs, lernte Chinesisch und war immer der Jahrgangsbeste. Er unterbrach sein Studium, um für Siemens am Aufbau des neuen Standortes in Schanghai mitzutun.

Solche Leute sind gefragt, Linde stellte ihn nach dem Studium in der Zentrale in München ein, er hatte gleich Prozesse zwischen Firmenbereichen zu koordinieren und Beratungsaufgaben zu übernehmen. Er war dann viel für Linde in Asien unterwegs, wurde Assistent der Geschäftsleitung und führte die Abteilung Unternehmensstrategie. Die klassische Karriere auf dem Weg zu einem Spitzenjob in der Wirtschaft.

Seit drei Jahren ist der 38-Jährige nun in Dresden. „Als wir 2017 aus München kamen“, sagt Schulz, „war die Stimmung gedrückt, das Vertrauen erschüttert. Ich habe allen versichert, dass ich freiwillig gekommen bin und habe kaum Versprechungen gemacht. Ich habe allen gesagt: ,Messt mich an meinen Taten.‘“ Er sei ein Mensch, der sich überall schnell zurechtfindet und sich anpassen kann. In China war er der Einzige in der Firma, der mitten unter Chinesen wohnte und nicht abgeschirmt im Ausländer-Getto. Diese Erfahrungen sehr weit im Osten, meint er und lacht, sind auch in Dresden ganz nützlich.

Was sich Ossis und Wessis am Arbeitsplatz wünschen

Die Unternehmensberatung Twist Consulting Group und die FH Erfurt haben Ost- und Westdeutsche über ihre Zusammenarbeit am Arbeitsplatz befragt.Zwei Wunschlisten sind entstanden.

Ossis wünschen sich von Wessis:
Seid offen für unsere Erfahrungen
Weniger Selbstdarstellung bitte
Kein blinder Aktionismus
Lasst auch andere zu Wort kommen
Unterschätzt uns nicht laufend
Weniger auf Herkunft, mehr auf Charakter schauen

Wessis wünschen sich von Ossis:
Seid stolz und selbstbewusst
Traut euch in den Streit
Wendet euch uns auch persönlich zu
Seid flexibler und klebt nicht an festen Abläufen und Vorgaben
Ergreift öfter selbst die Initiative
Seid nicht arrogant zum Westen
Reagiert weniger empfindlich

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Ziel des neuen Geschäftsführers ist es, den Linde-Standort so gut aufzustellen, dass nie wieder jemand auf dumme Gedanken kommt. Dazu gehört ein „tragfähiges Produktportfolio“. Der Aufbau petrochemischer Anlagen für Polymere in der ganzen Welt steht dabei ganz oben auf der Liste. Gerade entsteht die größte Polypropylen-Anlage Nordamerikas in Texas mit einem Auftragswert von einer halben Milliarde Dollar. 

Große Hoffnung setzt Schulz in ein neues Feld: Anlagen zur Herstellung von grünem Wasserstoff. Gespräche mit der Politik sind gerade angelaufen, kürzlich war erst Sachsens Wirtschaftsminister Dulig im Betrieb. Nicht ganz ohne Stolz berichtet der neue Geschäftsführer, dass die Zahlen stimmen am Standort Dresden, trotz Corona. Das Werk sei hoch profitabel, in seinem Segment sogar Weltspitze. Genauer geht’s nicht. „Nur so viel: Mit fünf Prozent Rendite wären wir nicht zufrieden.“

Sind denn dann auch die Gehälter angeglichen? Nein, das nicht, aber ein großes Problem sei das nicht, sagen sowohl Schulz als auch Sonntag. Im Ost-Vergleich seien die Gehälter sehr gut, aber nicht so hoch wie in München. Das Macher-Duo hat denn auch gemeinsam ausgerechnet, dass – wenn man die Lebenshaltungskosten berücksichtigt – die Gehälter ein vergleichbares Leben wie in München ermöglichen. Davon können viele Beschäftigte im Osten, etwa in der Lebensmittelindustrie, nur träumen.

Ostdeutsche müssten besser Erfolge darstellen

Das Ost-West-Thema ist auch deshalb kein großes, weil die meisten Führungsjobs in Dresden von Ostdeutschen besetzt sind. Also alles paletti, keine Unterschiede? Doch schon, meint Dennis Schulz und verweist auf die unterschiedliche „Risiko-Affinität“. Ostdeutsche würden etwa selten die Firma wechseln. „Sie sind tolle Fachleute, aber es fehlt manchmal die andere Sicht.“ Auch hätten zu wenige den Mut, sich für Führungsaufgaben von sich aus zu bewerben, obwohl es genug geeignete Leute gibt. 

Schulz geht deshalb auf seine Mitarbeiter zu, schaut, wie sie ticken, und motiviert sie, „mehr ins Risiko zu gehen“. Frank Sonntag meint, dass die Ostdeutschen vor allem lernen müssen, ihre Erfolge darzustellen. „Es geht nicht darum, wie ich es in München erlebt habe, schon am Start die Arme hochzureißen. Aber es überleben eben nicht immer die, die leise die beste Arbeit machen.“

Wieso funktioniert die Zusammenarbeit der beiden Macher? Sonntag sagt, die Chefs seien für ihren soliden Job geachtet, Schulz habe eine rasche Auffassungsgabe und treffe schnelle Entscheidungen. „Er ist nicht immer bequem, aber dafür wird er ja auch nicht bezahlt.“ Wichtig sei, und Schulz nickt dazu, dass man sich in die Rolle des anderen hineinversetzen kann.

Frank Sonntag (l.) und Dennis Schulz.
Frank Sonntag (l.) und Dennis Schulz. © Ronald Bonß

Klar, meint Schulz, man könne sich leicht gegenseitig die Projekte blockieren. Aber davon hat niemand was. Sonntag sei „ein angenehmer und vertrauensvoller Sparringspartner“. Dass der Betriebsrat auch bei Belangen des Unternehmens mitreden wolle, war für ihn neu, aber in Ordnung. Der Betriebsrat habe ja gute Anregungen, die auch umgesetzt werden.

Nach ihrem größten Wunsch befragt, antworten beide ganz ähnlich: Sonntag wünscht sich, dass Dresden ein selbstbewusster Standort werde, Schulz will eine Erfolgsgeschichte, von der alle sagen: „Wow, was die geschafft haben.“ Und er will die Leisetreterei seines Unternehmens in der Öffentlichkeit beenden. Es gibt jetzt einen Mann für die Öffentlichkeitsarbeit, und zum ersten Mal seit Langem wurde ein Journalist ins Haus gelassen.

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Für die Mitarbeiter waren das bisher alles gute Vorsätze, die Standortgarantie endet aber 2021 – und rückt immer näher. Ob denn der neue Geschäftsführer schon irgendetwas weiß? Dennis Schulz antwortet überraschend klar. Erstmals sagt er öffentlich diesen Satz, der das Zeug zur Schlagzeile hat: „Die Schließung ist vom Tisch.“

Die Serie "Ossi-Wessi-Wossi" gestaltet sächsische.de, ganz im Einheitsgedanken, in Kooperation mit dem Bonner General-Anzeiger.

Hier geht es zu allen bisher erschienenen Episoden.

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