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"Dresden ist unsere ostdeutsche Käseglocke"

Ein junges Unternehmerpaar will den deutschen Kosmetik-Markt mit künstlicher Intelligenz erobern. Wie das geht und warum sie dafür nicht nach Berlin ziehen.

Wollen in Dresden bleiben: Maria-Liisa Bruckert und ihr Mann Martin Pentenrieder in ihren Geschäftsräumen in der Prager Straße.
Wollen in Dresden bleiben: Maria-Liisa Bruckert und ihr Mann Martin Pentenrieder in ihren Geschäftsräumen in der Prager Straße. © Christian Juppe

Dresden. Wenn Maria-Liisa Bruckert und ihr Ehemann Martin Pentenrieder in diesen Tagen aus den tiefen Glasfenstern ihres Büros auf die Prager Straße blicken, dann sehen sie dort vor allem eines: Leere. Nur wenige Menschen laufen momentan durch die Fußgängerzone, die Läden sind dicht, der gewaltige Pullman Tower gegenüber hat für Touristen geschlossen.

Ohne Corona mindestens drei Tage pro Woche unterwegs

Es ist ein Bild, das die beiden Jungunternehmer kaum gewohnt sind. "Außerhalb von Corona sind wir an mindestens drei Tagen die Woche auf Geschäftsreise", sagt Pentenrieder, der mit 29 Jahren eine beeindruckende Liste an ehemaligen Arbeitsorten vorweisen kann.

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2011 lernen sich der Münchner und die Spreewälderin als Erstsemester an der TU Dresden kennen und verstehen sich auf Anhieb - auch, weil die Wirtschaftsstudierenden ähnliche Ziele verfolgen. Ihr Freundeskreis, er besteht heute "zu 80 Prozent aus Unternehmern", sagt Bruckert.

Sie wollte zunächst vor allem die Karriereleiter hinaufklettern, sagt sie. Bei Siemens arbeitet sich die zierliche Frau mit den hellbraunen Locken in der Vertriebsabteilung nach oben, geht für ein Jahr als Exzellenzstudentin nach Taiwan.

"Das Leben besteht vor allem aus Arbeit"

Pentenrieder hingegen beendet sein Studium nicht, wandert stattdessen 2013 mit anderen Dresdner Studienkollegen in die USA aus, lebt in New York und San Francisco, arbeitet dort in der Elektromobilitätsindustrie. "Ich bin ein extremer Verfechter von grüner Energie", sagt der 29-Jährige, der nach dem frühen Tod seiner Mutter schnell lernen musste, selbstständig zu sein.

Das Leben, es besteht aus Pentenrieders Sicht vor allem aus Arbeit, die keine Tages- und Nachtzeit kennt - und aus großen Visionen. Im Silicon Valley hilft er schließlich dem Dresdner Sascha Kühn dabei, das insolvente Dresdner Brennstoffzellen-Start-up Ezelleron zu retten, das heute wieder unter neuem Namen in Sachsen produziert.

Dann kehrt der Jungunternehmer nach Dresden zurück - und fühlt sich nach drei Jahren zum ersten Mal urlaubsreif. "Dann haben Maria und ich uns aber stattdessen für ein Kind entschieden", erzählt er und lacht.

Auch der Mitgründer von Lovoo ist an Bord

Doch auch diese Ruhe soll nicht lange anhalten. "Mir ist nach kurzer Zeit in der Elternzeit die Decke auf den Kopf gefallen", sagt Bruckert. Das Ehepaar beschließt trotz Kind, den großen Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen: Ein Start-up soll es sein, eines, das künstliche Intelligenz nutzt, um Kosmetikprodukte zu verkaufen, die genau auf den Kunden zugeschnitten ist.

In Asien, wo beide über mehrere Jahre gelebt haben, sind individuelle Cremes und Co. schon länger ein riesiger Renner. "Uns geht es aber nicht nur um Schönheit, sondern auch um maschinelles Lernen", erklärt Pentenrieder.

Sqin heißt die App, die ein 20-köpfiges Entwicklerteam programmiert hat, auch der ehemalige Lovoo-Gründer Björn Bak ist an Bord der Dresdner Firma, die sich vor etwas mehr als einem Jahr gegründet hat.

Das Prinzip: Die App führt per Kamera beim ersten Einrichten eine Hautanalyse des Nutzers durch. Dafür greift sie auf rund 30.000 unterschiedliche Bilder von Gesichtern zurück und vergleicht die Haut des Nutzers mithilfe von insgesamt 10 Millionen Datensätzen aus diesen Fotos - in Sekundenschnelle.

Nutzer können ihr Hautalter bestimmen lassen

"Wir nehmen alle Daten auf, die auch eine Kosmetikerin interessieren", sagt Bruckert. Die Analyse, die unter anderem das "Hautalter" des Nutzers ermittelt, soll dabei helfen, die richtigen Kosmetikprodukte zu finden.

"Insgesamt kaufen Menschen weltweit 120 Milliarden Schönheitsprodukte, der große Teil davon landet nach der ersten Benutzung im Müll", erklärt Bruckert die Idee.

Deshalb können die Nutzer von Sqin ihre eigenen Cremes abfotografieren - die App sagt ihnen dann, wie gut diese für ihren Hauttyp sind. Jeden Tag bekommen sie dann im eigenen Online-Shop Produkte angeboten, die genau auf sie zugeschnitten sein sollen - Personalisierung nennt man das im Fachjargon.

Bald auch Zusammenarbeit mit Kosmetikern geplant

Das digitale Profil des Einzelnen: Ein Prinzip, das - glaubt man den Prognosen von Experten - in den kommenden Jahrzehnten auch die Medizin revolutionieren wird. "Wenn wir ernsthafte Hautprobleme wie Akne erkennen, empfehlen wir natürlich einen Arztbesuch", sagt Bruckert.

Gewinne machen sie bei Sqin momentan noch nicht, auch wenn bereits über 100.000 Menschen die App über das Google-Betriebssystem Android heruntergeladen haben. Doch das Unternehmerpaar hat für 2021 große Pläne.

"Wir wollen auch mit Kosmetikern vor Ort zusammenarbeiten, indem wir zum Beispiel bestimmte Behandlungen in der App anbieten", sagt Bruckert. Auch einen "Trainingsplan" für die Haut mit täglichen Aufgaben soll es geben.

"In Dresden kann man sich einen höheren Lebensstandard leisten"

Und das Corona-Jahr? "Es war anstrengend, weil wir unsere Netzwerke nicht so gut pflegen konnten wie normalerweise", sagt Pentenrieder. Als Jungunternehmer sei es nun mal vor allem wichtig, mit Investoren und anderen Gründern ins Gespräch zu kommen.

Die wenigsten von ihnen aber sitzen in Dresden. Stattdessen tummelt sich die Szene in München, Berlin und Hamburg. Warum Pentenrieder und Bruckert trotzdem hiergeblieben sind?

"Dresden ist unsere ostdeutsche Käseglocke", sagt der 29-Jährige und lacht. Hier könne man sich einen deutlich besseren Lebensstandard leisten als in den Metropolen des Landes. Auch die Kinderfreundlichkeit und Ruhe der Stadt habe die geschäftigen Jungunternehmer überzeugt.

"Außerdem hat unsere Reise hier angefangen", sagt Maria-Liisa Bruckert und blickt ein wenig sehnsüchtig zu ihrem Mann. Eine Reise, die erfolgsversprechend begonnen hat.

Kürzlich wurde die 27-Jährige von Google als eine der zehn besten Gründerinnen Europas ausgezeichnet und in das begehrte Mentorenprogramm des Konzerns aufgenommen.

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