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Nach Messerattacke: Sorgen ums Gedenken

Dresden soll einen Gedenkort für den islamistischen Messerangriff im Oktober bekommen. Das Ziel ist klar, der Weg noch nicht. Es gibt Befürchtungen.

Der provisorische Gedenkort am Bauzaun befindet sich hinter dem Kulturpalast in Sichtweite zum Schloss.
Der provisorische Gedenkort am Bauzaun befindet sich hinter dem Kulturpalast in Sichtweite zum Schloss. © Archiv/Sven Ellger

Dresden. Baywobau-Chef Bernd Dietze denkt laut: "Grundsätzlich spricht nichts dagegen, aber man muss eine ganze Reihe von Dingen bedenken. Man darf das nicht zu einer Stätte machen, wo die Polarisierung noch mehr hochgeht", sagt der Geschäftsführer des Unternehmens, das eine der letzten Neumarktflächen bebaut. "Schlosseck" heißt das Quartier hinter dem Kulturpalast. Viele werden es vor allem deshalb kennen, weil direkt daneben am 4. Oktober zwei Dresden-Besucher von einem Messerstecher angegriffen wurden. Einer der Männer starb kurz darauf im Krankenhaus. Bestätigen sich die bisherigen Ermittlungsergebnisse von Polizei und Staatsanwaltschaft, dann war das ein islamistisches Attentat. Der Täter, ein 20-jähriger Syrer, ist ein islamistischer Gefährder, haben sie erklärt.

Nachdem bekannt wurde, dass die zwei Dresden-Besucher ein homosexuelles Paar waren, organisierte der CSD e.V. gemeinsam mit anderen Initiativen eine Gedenkveranstaltung auf dem Altmarkt. CSD steht für Christopher Street Day. Beim CSD wird alljährlich an den ersten bekannt gewordenen Aufstand von Homosexuellen gegen die Polizeiwillkür in der New Yorker Christopher Street (1969) erinnert. Der Dresdner Verein denkt inzwischen weiter. Er möchte, dass an der Stelle, an der das Paar angegriffen wurde, ein Gedenkort entsteht.

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Furcht vor einem "Protestort"

Damit ist er nicht allein. Auch der Oberbürgermeister aus Krefeld unterstützt die Idee. Dort war Thomas L., der nach der Attacke verstorben ist, zu Hause. Die Dresdner FDP hat die Gedenkort-Idee inzwischen zu einem Thema für den Stadtrat gemacht. Auch sie unterstützt die Idee des CSD. Und Bernd Dietze.

"Das müsste größere Kreise ziehen", meint der Baywobau-Chef und will damit zu verstehen geben: Wie dort künftig an das Attentat, dessen Hintergründe und die Opfer erinnert wird, will gut überlegt sein. Bestenfalls denken Viele mit. "Der Text ist eine Herausforderung. Er kann gewissermaßen problematisch sein." Und dann könnte der Erinnerungsplatz nicht zu einem Gedenkort sondern zu einem Protestort werden, fürchtet Dietze. "Das bleibt ja nicht außerhalb des politischen Raums."

Das weiß auch Ronald Zenker, Vorstandssprecher des Dresdner CSD-Vereins. Am Freitag hatte er einen ersten Termin im Rathaus, bei dem über die Gedenkort-Idee gesprochen wurde. Die Stadt unterstütze dieses Ansinnen, sagte Zenker danach, "es wird was geben". Nur was, das ist noch unklar. Vielleicht eine Tafel an einer Wand oder auf dem Fußweg, vielleicht ein künstlerisch gestaltetes Denkmal.

Kränze und Blumen am Tatort

"Der Tenor war, dass man etwas machen möchte", hat Zenker aus dem Rathaus mitgenommen. Erster Schritt sollte jetzt ein Kontakt zwischen Oberbürgermeister Dirk Hilbert (FDP) und den Hinterbliebenen von Thomas L. sein, meint der CSD-Sprecher. Denn die Erwartungen, Gedanken und Wünsche dieser Menschen sollen eine Rolle spielen bei der Entstehung des Erinnerungsortes. Fest steht aus Zenkers Sicht dagegen schon, bis wann dort mehr als die jetzige provisorische Gedenkstätte entstanden sein soll. Spätestens am 4. Oktober wünscht sich der CSD e.V. ein Einweihung, vielleicht sogar früher. Zum Beispiel am 17. Mai, dem Tag gegen Homophobie, oder in der CSD-Woche im nächsten Jahr.

Die Bauarbeiten am Schlosseck werden dann fast zu Ende sein. Im Herbst soll an der Ecke Schloßstraße/Rosmaringasse das Restaurant Platzhirsch öffnen. Dort wird es schwierig sein, eine Wand zu finden, an der Platz ist für eine Gedenktafel, geben die Baywobau-Verantwortlichen zu bedenken. Dietze kann sich auch eine Tafel auf dem Fußweg vorstellen. Und er macht eine Zusage, die dem CSD bei der Umsetzung helfen wird. "Das könnten wir sogar bezahlen", sagt Dietze.

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Zunächst aber wird weitergebaut und die Bauarbeiten betreffen demnächst auch die Ecke, an der jetzt Kränze und Kerzen an die Messerattacke erinnern. Denn dort sind Fassadenarbeiten geplant. Dietze versichert, dass der provisorische Erinnerungsort nicht beräumt werden soll, er müsste aber vielleicht ein paar Meter zur Seite gerückt werden. Und er macht noch einen Vorschlag. "An der Schössergasse haben wir vier große Vitrinen, mannshoch und beleuchtet." In einer davon könnte künftig an die Opfer erinnert und der Hintergrund der Attacke erklärt werden. "Da kann ich gleich sagen: Das kriegen wir hin."

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