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Kritik an Dresdner Gastwirt nach Corona-Video

Ein Gastwirt redet sich wegen der Corona-Schließungen per Internetvideo in Rage. Nun steht er wegen Kontakten ins rechte Milieu selbst in der Kritik.

Gastwirt Mario Zichner zerdeppert in seinem Video-Wutausbruch Teller auf dem Boden seiner Küche.
Gastwirt Mario Zichner zerdeppert in seinem Video-Wutausbruch Teller auf dem Boden seiner Küche. © Screenshots: SZ

Ein Video auf der Facebookseite seines Restaurants hat dem Dresdner Gastronomen Mario Zichner unverhoffte Aufmerksamkeit beschert. Der 49-Jährige, der das Mittelalter-Restaurant Anno Domini betreibt, hatte sich in dem Video in Rage geredet.

Die versprochenen Novemberhilfen seien immer noch nicht eingegangen, wütete Zichner und wirft dabei Teller auf den Boden seiner Küche: „Das sind die Scherben der Existenzen.“ Sachsen Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) sprach er direkt an und forderte ihn auf, vorbeizukommen. Seiner Branche stehe das Wasser bis zum Hals.

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Der hundertausendfach angeklickte Wutausbruch hatte Erfolg. Kretschmer rief bei Zichner an. „Ich war überrascht, dass er sich so schnell gemeldet hatte.“ Man habe sich am Anfang ein wenig angekläfft. Aus der Staatskanzlei heißt es, Kretschmer habe sich über Zichners Wortwahl geärgert. Vor dem Anruf waren auf dem Konto des Gastwirts die staatlichen Hilfsgelder eingegangen.

Nun steht Zichner allerdings selbst in der Kritik: wegen seine Kontakte ins neurechte Milieu und wegen seines Engagements bei einem Dresdner Obdachlosenverein, für den er kocht. Fotos zeigen ihn mit Ex-Pegida-Organisatoren und einem Mann, der offenbar der Reichsbürger-Bewegung nahesteht.

Mitstreiter wegen Volksverhetzung verurteilt

Gegen den Chef des Obdachlosenvereins hat die Staatsanwaltschaft nach eigenen Angaben einen Strafbefehl wegen Beleidigung beantragt und weil er den Holocaust verharmlost sowie Religionsgemeinschaften beschimpft haben soll. Die Gerichtsentscheidung steht noch aus.

2019 produzierte das inzwischen vom Bundesamt für Verfassungsschutz als Verdachtsfall Rechtsextremismus beobachtete Netzwerk "Ein Prozent" ein Video über den Obdachlosenverein. Das Netzwerk bündelt nationalistische und völkische Initiativen und vernetzt sie. Außerdem unterstützt "Ein Prozent" die Identitäre Bewegung, die der Verfassungsschutz als rechtsextremistische Organisation eingestuft hat.

Der zweite Vorsitzende des Obdachlosen-Vereins, der Dresdner Bauunternehmer Uwe Riedel, wurde im Februar 2020 wegen Beleidigung und Volksverhetzung zu einer Geldstrafe in Höhe von 5.250 Euro verurteilt. Der Staatsanwaltschaft Dresden zufolge sei die Geldstrafe teilweise abgezahlt.

Beruhigungsspritze für Corona-Leugner

Zichner gibt an, vom Urteil gegen seinen Mitstreiter nichts gewusst zu haben. "Wenn die das politisch instrumentalisieren finde ich das auch nicht richtig, aber die tun trotzdem was." Er sei ein zutiefst liberaler Mensch und distanziere sich von Reichsbürgern, Extremisten und Corona-Leugnern; ebenso auf das „Allerschärfste“ von jenen, die auf derlei Art sein Video kommentiert hätten.

„Es ärgert mich im Nachhinein, was sich für Kanaillen auf meinen Post gesetzt haben.“ Corona habe eine Tragweite, die man bisher noch nicht absehen könne. „Leute, die sich auf die Straße beim Ministerpräsidenten vor die Tür stellen und dort krakeelen, denen gehört keine Impfung, sondern eine Beruhigungsspritze gegeben.“

Er kenne Leute, die völlig andere Ansichten haben oder den Reichsbürgern nahestehen. Mit denen diskutiere er „bis aufs Messer“. Deren politische Ansichten seien ihm egal, er sehe nur, dass auch solche Menschen anderen helfen würden und darum ginge es ihm.

Er lese keine Zeitung und schaue kein Fernsehen, sagt Zichner. Aber er kandierte bei den Freien Wählern für die letzte Stadtratswahl. Auch wenn er kein Mandat errang, fanden nach der Kommunalwahl Treffen der Freien Wähler häufig bei Zichner statt, berichten Teilnehmer.

Ritterschlag durch dubiosen "Orden"

Die AfD Dresden beging 2019 ihre Weihnachtfeier in Zichners Lokal. Der Wirt gilt in diesen Kreisen als großzügig, als ehrlicher, direkter Typ, deftig und impulsiv, der auch aufbrausend sein kann.

Im Oktober war der Gastronom wegen seines Engagements für Obdachlose von einem „Orden“ mit dem Titel „The Sovereign Order of St. John of Jerusalem. Knights of Malta OSJ“ in Rom zum „Ritter geschlagen“ worden. Vom "Orden" habe es in diesem Zusammenhang eine Spende gegeben, ohne die das Weihnachtsessen 2020 für Obdachlose wohl nicht stattgefunden hätte.

Der bekannte eigentliche Malteserorden bezeichnet die Gruppierung als „dubiose Organisation“, die wegen Namensverletzung sowie Münzfälschungen über Firmen in den USA und den Niederlanden angezeigt worden sei. Derlei Organisationen verdrehten die Geschichte, um eine Legitimation zu konstruieren.

"Ich habe gesagt, der Orden passt zu meiner Mittelalterkneipe, was da dran hängt, ist mir erst später klar geworden", sagt Zichner. "Aber ist das wichtig? Oder geht es darum, das man was für Menschen macht?" Es gebe sicher den ein oder anderen Verrückten, aber der "Orden" äußere sich nicht politisch, sondern engagiere sich weltweit humanitär.

Anno-Domini-Wirt Mario Zichner ist schon lange im Geschäft. Dieses Bild von 2007 zeigt ihn mit Mittelalterkleidung und dem damaligen Gasthaushuhn Elfriede.
Anno-Domini-Wirt Mario Zichner ist schon lange im Geschäft. Dieses Bild von 2007 zeigt ihn mit Mittelalterkleidung und dem damaligen Gasthaushuhn Elfriede. © Steffen Füssel

Dass er für seine Kontakte nun kritisiert werde, jucke ihn schon. Er fühle sich diskriminiert. „Es ist nicht so, dass ich nicht Angst habe, dass mir das mal auf die Füße fällt, aber da bin ich ietzig und mache meinen Stiefel. Vielleicht ist meine Welt zu klein, um das große Ganze zu überblicken, aber ich fühle mich wohl darin.“

Zichner sagt, er finde es nach wie vor inakzeptabel, wie lange die Auszahlung der Novemberhilfen dauerte. "Das Geld hilft mir komplett, ich hab jetzt keine Bauchschmerzen mehr. Die sollen bis Ostern alles zu lassen, meine Kollegen in der Gastronomie und ich werden das alles überleben."

Mit den Hilfen will er nun auch seinen Mitarbeitern wieder finanziell unter die Arme greifen und das Kurzarbeitergeld aufstocken. "Man muss ja weiterdenken, man braucht die Leute, wenn es wieder weitergeht."

Gastwirt fordert scharfen Lockdown

Zichner sagt, seine Eltern und seine Frau gehörten zur Risikogruppe. „Ein ganz scharfer Lockdown hilft dem Land mehr, als das Kleinklein“, sagt er. „Einmal richtig, aber wirklich richtig, dann können wir vielleicht auch irgendwann raus.“

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Das Gespräch mit dem Regierungschef sei informativ und konstruktiv gewesen. Der Staatskanzlei zufolge habe Kretschmer mit Zichner über die pandemische Situation gesprochen, über Wirtschaftshilfen und konsequente Corona-Maßnahmen. Aus der Staatskanzlei heißt es, ein Treffen Kretschmers mit dem Gastwirt werde es nach den Telefonat nicht geben.

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