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Dresdner erinnern an rassistischen Mordanschlag

2009 wurde Marwa El-Sherbini im Dresdner Landgericht niedergestochen. Das Motiv des Täters war Fremdenhass. Nun jährt sich die Tragödie zum fünften Mal.

© AP

Von Alexander Schneider

Marwa El-Sherbini wurde in einem Prozess am Landgericht Dresden ermordet. Das Motiv des Täters war Fremdenhass. Er stand vor Gericht, weil er die 31-jährige Ägypterin an einem Spielplatz beleidigt hatte. Nach ihrer Zeugenaussage sprang der Mann auf und stach mit einem Messer auf die Frau ein. Sie erlag noch im Gerichtssaal ihren Stichverletzungen. Elwy Okaz, ihr Ehemann, der versucht hatte, den Täter abzudrängen, wurde lebensgefährlich verletzt. Am kommenden Dienstag jährt sich die grausame Tat zum fünften Mal.

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Marwa wurde in einem Gerichtsprozess niedergestochen. Das Motiv des Täters war Fremdenhass.
Marwa wurde in einem Gerichtsprozess niedergestochen. Das Motiv des Täters war Fremdenhass. © dpa

Der geplante Mordanschlag des damals 28-jährigen Russlanddeutschen hatte weltweit Entsetzen ausgelöst. Noch im Herbst desselben Jahres wurde der Mann am Landgericht Dresden wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt und wird mindestens 15 Jahre sitzen müssen. An dem Strafprozess hatten auch Anwälte aus Frankreich und Ägypten als Vertreter der Angehörigen Marwa El-Sherbinis teilgenommen.

Im Foyer des Landgerichts erinnert eine Gedenktafel an den Mordanschlag – und die Sicherheitsschleuse am Eingangsbereich. Seit der Tat werden – wie auch in allen anderen sächsischen Gerichtsgebäuden – Besucher auf Waffen kontrolliert. Unter der Gedenktafel wird Justizminister Jürgen Martens (FDP) am Dienstag um 13 Uhr vor geladenen Gästen eine kurze Rede halten und der jungen Ägypterin gedenken. Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Aiman Mazyek, wird da sein, Oberbürgermeisterin Helma Orosz (CDU), Vertreter der Justiz, des Ausländerrats, Dresdner Muslime. Auch Hiba Omari wird an der Gedenkveranstaltung teilnehmen. Die Studentin aus Jordanien ist die erste Marwa-El-Sherbini-Stipendiatin Dresdens. Es ist ein würdevoller Rahmen im kleinen Kreis. Mehr ist im Foyer des Justizzentrums am Sachsenplatz nicht möglich.

Ab 17 Uhr werden dann Dresdner öffentlich vor dem Haupteingang des Landgerichts an den sinnlosen Tod der stolzen Muslima erinnern. „Marwa El-Sherbini lebte mit ihrer Familie hier in Dresden. Als studierte Pharmakologin arbeitete sie als Apothekerin, ihr Mann war am Max-Planck-Institut tätig. Sie wollte das Land und seine Menschen kennenlernen und verstehen, schloss Freundschaften mit Nachbarn, den Müttern und Erzieherinnen des Kindergartens, mit ihren Kolleginnen und Kollegen. Sie wehrte sich mit juristischen Mitteln gegen Beleidigung, Fremdenhass und Intoleranz und berief sich auf den Schutz ihrer Rechte durch die Justiz und den Staat“, heißt es in der Einladung des Ausländerrats Dresden. Die Studentin Hiba Omari wird auch hier dabei sein.

184 Todesopfer seit 1990

Ein Vorbereitungskreis, dem neben dem Ausländerrat weitere Initiativen angehören, bereitet alljährlich die öffentliche Veranstaltung vor. Im Anschluss an eine Rede von Marianne Thum von der RAA Beratungsstelle für Opfer rechter Gewalt werden die Namen von 184 Todesopfern rechter Gewalt seit 1990 in Deutschland verlesen. Für jeden Toten wird eine weiße Rose auf die Stufen der Eingangstreppe gelegt. „Der Zusammenhang ist uns wichtig“, sagt Mitorganisatorin Elisabeth Naendorf vom Ökumenischen Informationszentrum.

Die einen mittags drin, die anderen abends draußen – ein gemeinsames Gedenken von Justiz und Dresdner Bürgern an die ermordete Ägypterin gibt es bislang jedoch nicht. Sebastian Vogel, Chef des Dresdner Ausländerrats, hat sich vor einigen Wochen mit dem Vorschlag, etwas Gemeinsames zu machen, an das Justizministerium gewandt. Doch für dieses Jahr war die Zeit zu knapp, sagt Sprecherin Birgit Eßer-Schneider: „Der Terminkalender des Ministers ließ das nicht mehr zu.“ Grundsätzlich sei die Idee interessant. „Wir würden uns freuen, die Vorstellungen einmal kennenzulernen“, so die Sprecherin.

Das Dresdner Ratshaus verweist gefragt nach Folgen des Mords an Marwa El-Sherbini auf Erfolge des „Lokalen Handlungsprogramms für Toleranz und Demokratie und gegen Extremismus“. Mehr als 150 Projekte seien seit 2010 in der Stadt gefördert worden. Eines davon: das Marwa-El-Sherbini-Stipendium. Hiba Omari studiert seit 2012 an der TU Dresden Elektrotechnik. „Sie ist eine Botschafterin für Weltoffenheit und Toleranz geworden“, lobt Rathaussprecher Kai Schulz. Am 13. Februar etwa sei die Studentin den ganzen Tag mit der Oberbürgermeisterin unterwegs gewesen. Anfang Juni habe das Kuratorium beschlossen, das Stipendium der jungen Frau für ein weiteres Jahr zu verlängern, der Stadtrat müsse noch zustimmen.

Der Stadtrat wird wohl auch ein weiteres Projekt erneut vorgelegt bekommen: Die Benennung einer Straße nach der ermordeten Ägypterin. Vor zwei Jahren fand der Vorschlag keine Mehrheit. Auch diese Entscheidung zeigt: Erinnerungskultur ist in Dresden ein schwieriges Feld.

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