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Sport

Dresdner fahren auf Kollisionskurs

Rollstuhl-Rugby erinnert zwar an Autoscooter. Der Sport hat aber auch mit Schach zu tun und bietet so viel Spektakel, dass die Erfinder ihn Mörderball nennen.

Daniel Friedrich posiert mit Ball und seiner Mannschaft Rug’n Rolls des USV TU Dresden.
Daniel Friedrich posiert mit Ball und seiner Mannschaft Rug’n Rolls des USV TU Dresden. © kairospress/Thomas Kretschel

Dresden. Dynamo muss am Sonntag ohne ihn auskommen. Er hat am Wochenende etwas anderes vor. Daniel Friedrich spielt an beiden Tagen selbst – beim sechsten Dresdner Rollstuhl-Rugby-Cup in der Margon-Arena. „Bei Dynamo rege ich mich derzeit eh mehr auf“, sagt er. Aufregend findet der Fußball-Fan mit der Jahreskarte des Zweitligisten auch das, was er betreibt. „Es ist ein Mix aus Autoscooter und Schach“, sagt der 30-Jährige. „Wir arbeiten mit den Rollstühlen aneinander, fahren ineinander – anders als beim Rollstuhl-Basketball – und blocken den Gegner weg.“ Genauso benötigt er taktisches Verständnis, muss clever agieren, das Spiel des Gegners lesen, um ihn an Toren zu hindern.

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Die Crashs, bei denen die Rollstühle ohne Gummipuffer gegeneinander knallen, lassen erahnen, warum die Erfinder in den späten 1970er-Jahren in Kanada diese Rugby-Variante einst als Mörderball bezeichneten. „Verletzte Eishockey-Profis, für die Sledge-Hockey aufgrund ihrer Behinderung nicht machbar war, kamen auf die Idee mit dem Rollstuhl-Rugby“, erzählt Friedrich. Bei seinem Sport sitzen Männer und inzwischen auch Frauen mit Einschränkungen an mindestens drei Gliedmaßen im Rollstuhl. Er ist querschnittsgelähmt und in seiner Mannschaft stärker behindert als andere. Daher gehört der Spielersprecher zu den Verteidigern, wirft den Ball ein und macht den Weg frei. Die weniger eingeschränkten Teamkollegen sind meist flotter unterwegs, greifen an und bringen den Volleyball über die Torlinie.

Der Thiendorfer spielte früher Handball. 2006 veränderte ein Badeunfall sein Leben. Er war mit Freunden wie so häufig an der Kiesgrube Stölpchen. „Wir kannten uns da bestens aus. Ich wollte kurz vorm Gehen den Ball aus dem Wasser holen“, erzählt Friedrich. Er machte einen Köpfer und landete auf einer Sandbank. „Wahrscheinlich wegen Bauarbeiten, denn eigentlich geht es da gleich runter. Das war der finale Sprung“, sagt Friedrich. Er spürte nichts mehr. Seine Kumpels holten ihn raus. Am Tag danach diagnostizierten die Ärzte bei ihm einen Bruch zwischen dem fünften und sechsten Halswirbel. Drei Tage später kam Friedrich in die Rehabilitationsklinik nach Kreischa und da dank einer Physiotherapeutin zum Rollstuhl-Rugby.

Denn Sport treiben wollte er unbedingt wieder, und zwar in einer Mannschaft. „Da treiben wir uns gegenseitig an“, sagt Friedrich. „An schlechten Tagen fängt das Team einen auf. Wir sind Gleichgesinnte und haben ein internes Netzwerk, das einem über Rollstuhl-Rugby hinaus hilft.“ Er fühlt sich durch diesen Sport auch fitter fürs Leben und möchte ihn nicht mehr missen. Außerdem feiert die Mannschaft Erfolge in der Regionalliga und darüber hinaus. „Wir haben in Greifswald ein 24-Stunden-Turnier gewonnen.“ Ausdauer haben die Dresdner also – und die notwendige Dynamik, Härte, Kampfkraft und Robustheit auch. Damit kennt Friedrich sich als ehemaliger Handballer aus. Jetzt geht es vier gegen vier über viermal sechs Minuten zur Sache, und zwar netto. Zeitstrafen gibt es auch.

In der Woche lebt er in Dresden. Der technische Zeichner arbeitet bei der Deutschen Bahn in der Anlagendokumentation. „Wir kümmern uns bei DB Energie um den Strom für die Züge.“ Sein Alltag ist ähnlich durchgetaktet wie deren Fahrpläne. Morgens und abends hilft ihm ein Pflegedienst. Am Montag und Dienstag geht er zur Physiotherapie. Mittwochs erledigt er Wege. Am Donnerstag trainiert Friedrich mit bis zu acht anderen Rollstuhlfahrern in der Turnhalle des Marie-Curie-Gymnasiums. An spielfreien Wochenenden fährt er zu seinen Eltern nach Lüttichau. Dort wohnt er in einer barrierefrei und behindertengerecht umgebauten Scheune. Friedrich interessiert sich für die Jagd, baut Wildkameras auf und beobachtet die Tiere. „Das ist im Herbst wegen der Brunft ein interessantes Spektakel“, sagt er. Es gilt genauso für Rollstuhl-Rugby – und Dynamo natürlich.