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Dresdner Kickstarterinnen

In der DDR wurden Sportler massiv gefördert, nur Fußballerinnen wollte keiner. Bis vor 50 Jahren in Dresden ein besessener Bulgare den ersten Damenverein gründete.

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Von Joshua Kocher

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Ein Stück Papier und ein Kasten Bier sollten die deutsche Fußballlandschaft für immer verändern. Höchstpersönlich brachte der bulgarische Student Wladimir Zwetkow im Jahr 1968 eine Annonce bei den Sächsischen Neuesten Nachrichten in Dresden vorbei. Um sicherzugehen, dass sie gelesen wird, stellte er einige Bierflaschen dazu. Sein Anliegen war ungewöhnlich für die Zeit: Zwetkow suchte fußballbegeisterte Frauen. Für die Gründung eines Damenfußballvereins.

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Begründer Wladimir Zwetkow (mit Fellmütze) mit seinen Damen.
Begründer Wladimir Zwetkow (mit Fellmütze) mit seinen Damen. © privat
Stürmerin Sabine Seidel (am Ball, gestreiftes Trikot), die „Turbine Potsdam“ fünfmal zur besten Mannschaft schoss.
Stürmerin Sabine Seidel (am Ball, gestreiftes Trikot), die „Turbine Potsdam“ fünfmal zur besten Mannschaft schoss. © privat
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Während seiner Trainingszeiten mit der zweiten Mannschaft von Dynamo Dresden hatte der Bulgare mehrfach beobachtet, wie einige Handballerinnen aus dem Nachbarverein auf einem Nebenplatz das Leder zum Ausgleich mit dem Fuß spielten. Handball war 1917 von Oberturnwart Max Heiser speziell für Frauen entwickelt worden, um mit dem körperbetonten Fußball zu brechen. Frauenfußball light.

Damit wollte sich Zwetkow nicht zufriedengeben. Bisher existierte weder in der DDR noch in der Bundesrepublik ein offiziell registrierter Verein, der sich dem Damenfußball verschrieb. Und das, obwohl dessen Geschichte eine fast ebenso lange ist wie die des Männerfußballs. Bloß 38 Jahre trennten die 1857 vollzogene Gründung des FC Sheffield als erstem Club überhaupt vom British Ladies Football Club, den Nettie Honeyball 1895 in London ins Leben gerufen hatte. Auch in Russland etablierten sich kurze Zeit später bereits drei Frauenfußballvereine.

In Deutschland lagen die Anfänge wohl in den 1920ern. Das emanzipatorische Klima der Weimarer Republik begünstigte auch den Frauenfußball. Erste kleinere Damenmannschaften bildeten sich in den großen Universitätsstädten. Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten brachte der gleichgeschaltete Deutsche Fußballbund (DFB) die Bewegung vorerst zum Erliegen.

DFB verbietet Frauenfußball

Das Kriegsende brachte den Ball am Frauenfuß jedoch bald wieder zum Rollen. Bis erneut der DFB, zumindest auf westdeutschem Boden, dazwischengrätschte. Auf seinem Bundestag im Sommer 1955 beschloss er ein Verbot des Frauenfußballs. Die Gründe waren wieder patriarchalisch und – vermeintlich – biologisch. Gerd Müller, der „Bomber der Nation“ und Ikone der deutschen Sportgeschichte, sagte: „Warum sollen auch Frauen hinter dem Ball herlaufen? Sie gehören doch hinter den Kochtopf.“

In der DDR ergab sich ein anderes Bild. Hier war der Damenfußball zu keinem Zeitpunkt verboten. Trotzdem war die Überraschung groß, als Wladimir Zwetkow 1968, damals 28 Jahre alt, mit seinem Anliegen bei der Betriebssportgemeinschaft Empor Dresden-Mitte vorsprach. Den Verein gab es seit 1950, bisher trafen sich nur die Männer, die in der Bezirksklasse aufgestellt waren, auf dem Sportgelände. „Plötzlich stand er bei mir im Büro und meinte, er wolle eine Damenelf gründen“, erinnert sich Ruth Franz, die zu diesem Zeitpunkt Organisationsleiterin des Vereins war. „Wir haben lange diskutiert, der Vorschlag war auch für mich eine völlig neue Situation“, sagt die heute 87-Jährige. Trotz ihrer Skepsis brachte sie Zwetkows Idee in die nächste Vorstandssitzung ein und war selbst verwundert, als die Vereinsleitung zustimmte. Zwetkow wurde wieder einbestellt und bekam die Zusage. Aber bevor er die Zeitungsannonce schalten konnte, musste er noch beim SED-Parteisekretär des Bezirks Dresden werben.

Bis dahin lehnte der Präsident des Deutschen Fußballverbands (DFV) – das DDR-Pendant zum DFB – Wolfgang Riedel, alle Anfragen zur Gründung eines Frauenvereins ab. Es gibt zwar Berichte über erste Zusammenschlüsse bereits zu Beginn der 60er-Jahre, doch offiziell angemeldet war davon keiner. Zwetkows Überzeugungstalent zahlte sich aus. Wichtig schien wohl auch das Argument zu sein, dass es ein Mann war, der erstmalig einen solchen Antrag stellte. Zuvor hatten es nur Frauen versucht. Nun offiziell genehmigt, sollte sich die Zeitungsannonce des Bulgaren als Volltreffer herausstellen. Er schien lang gehegte Sehnsüchte geweckt zu haben. Kurz darauf meldeten sich zwölf Frauen begeistert auf das Gesuch. Gerade genug für eine Mannschaft. Sie sollten die erste Frauenelf der DDR formieren.

Intensivtraining und viel Theorie

So euphorisch die Frauen im Frühjahr 1968 waren, so skeptisch gaben sich die männlichen Mitglieder des Vereins, erzählt Ruth Franz 50 Jahre später in Dresden. „Aber in den Weg gestellt hat sich niemand.“ Statt sanftem Einstieg verordnete Zwetkow gleich vier Trainingseinheiten pro Woche mit intensiver Theorieschulung an der Magnettafel. Einige seiner Schützlinge erinnern sich noch heute an sein hartes Training.

Bis zum ersten Spiel der Dresdner Damen musste mehr als ein Jahr vergehen. Gegner gab es anfänglich noch keine. Erst am 4. August 1969 wurde eine Partie vereinbart. Anlässlich der Festtage „50 Jahre Fußball in Possendorf“ empfing die Damenabteilung von Empor Possendorf, im Dresdner Umland gelegen, die Zwetkow-Elf zur historischen Premiere.

Oertel hatte Aktie am ersten Spiel

Um Werbung für das Match zu machen, stieg Zwetkow bei einem Oberliga-Spiel von Union Berlin auf den Sprecherturm des Stadions. Begeistert berichtete er Heinz Florian Oertel, dem Kultkommentator der DDR, vom Vorhaben der beiden Damenmannschaften, was Oertel daraufhin dem Union-Stadionsprecher steckte. Und tatsächlich: In der Halbzeitpause wurde das erste Frauenfußballspiel der DDR angekündigt. 1 500 Zuschauer strömten kurz darauf zu den Possendorfer Festtagen, um das Spiel der Damen zu sehen. Die Pioniere aus Dresden schlugen Possendorf in einer spannenden Partie mit 2:0.

Ein einziger Verein reichte Zwetkow jedoch nicht, er gründete gleich drei weitere. Gegner gab es ohnehin fast keine, und wenn, dann mussten sie aufwendig per Annonce gesucht werden. Größtenteils fanden die Spiele, wie in Possendorf, auf Volksfesten oder vor den Spielen der Männer statt.

Stürmerstar startete in Rossendorf

Einer dieser Zwetkow’schen Nachzügler war der ZFK Rossendorf. Dort, am Dresdner Stadtrand, schnürte Sabine Seidel als 13-Jährige zum ersten Mal die Fußballschuhe. Die Flügelstürmerin sollte später zum Star des DDR-Frauenfußballs werden. Auch ihre Karriere begann unter dem ballbegeisterten Bulgaren. „Am Anfang haben wir lediglich trainiert – oder gegen Handballmannschaften gespielt. Viel mehr Auswahl gab es ja nicht“, sagt die heute 61-Jährige. Nur schleppend hätten sich zu Beginn der 70er auch anderswo erste Strukturen entwickelt. Seidel berichtet, dass es zwar so gut wie keinen Widerstand gegeben habe. „Wer bolzen wollte, hat das einfach getan und in seiner Freizeit an der Weiterentwicklung gearbeitet.“ Doch auch im Sozialismus hatte die Gleichberechtigung ihre Grenzen. „Die Frauenfußballbewegung in der DDR musste sich in einem männerdominierten Sport durchsetzen“, sagt Carina Sophia Linne, die für ihr Buch „Freigespielt“ zur Geschichte des DDR-Frauenfußballs forschte. So wurde der Frauenfußball nie als Leistungssport angesehen, sondern als Freizeit- und Erholungssport.

Lange Zeit gab es keine Nationalmannschaft und somit auch keinen Grund für eine staatliche Förderung. Und das, obwohl laut Linne 1972 schon 266 Damenmannschaften im Osten trainierten. Alles Freundschaftsbegegnungen. Der Frauenfußball sei die große Ausnahme „in dem an Förderung und Unterstützung gewöhnten DDR-Sport“, sagt die Forscherin. Sabine Seidel erklärt das so: „Es gab ja keine olympischen Medaillen damit zu gewinnen.“ Zu groß sei die Gefahr gewesen, dass die Damenmannschaften den olympischen Disziplinen die Talente wegschnappten.

Während der DFV im Osten die Damenvereine 1971 in die Spielordnung aufnahm, sodass diese richtige Turniere austragen konnten, hob der DFB im Westen zur selben Zeit das Fußballverbot für Damen erst auf. Ungeachtet des Verbots hatten sich aber vor allem im Ruhrgebiet Dutzende Mannschaften formiert, auch eine inoffizielle Nationalmannschaft gab es. Als diese 1970 ins Sportstudio eingeladen wurde, kommentierte Moderator Wim Thoelke: „Decken, decken – nicht Tisch decken“.

In der DDR hatten die neuen Regeln für die ersten Turniere ab 1971 wenig mit jenen für Männerspiele gemein: Gespielt werden sollten zweimal 30 statt 45 Minuten. Bei Temperaturen unter minus fünf Grad durfte der Ball überhaupt nicht rollen. Und Partien waren nur zwischen Mannschaften desselben Bezirks gestattet.

Erst 1979 - inoffizielle - DDR-Meisterschaft

Trotz dieser Einschränkungen blieben die Spiele spannend. Bereits bei den ersten Dresdner Bezirksmeisterschaften kam es zum Showdown. Da die beiden Pioniervereine aus Dresden-Mitte und Possendorf am Ende punkt- und torgleich an der Spitze der Tabelle standen, musste ein Entscheidungsmatch her. Vor 700 Zuschauern behielten die Kickerinnen aus Possendorf die Nerven und siegten mit 2:0 nach Elfmeterschießen.

Bis zu einer regulären Meisterschaft mit Fahrten in die ganze Republik dauerte es aber noch. Erst 1979 gab es eine landesweite Bestenermittlung, also eine inoffizielle DDR-Meisterschaft in Turnierform. Ausgerechnet Dresden-Mitte sollte sich kein einziges Mal dafür qualifizieren. Zwetkow war zu diesem Zeitpunkt lange nicht mehr als Frauentrainer aktiv, er leistete nur Gründungsarbeit und wechselte bald wieder zurück zum Männerfußball.

Eine DDR-Frauennationalmannschaft wurde im Frühjahr 1990 von Trainer Bernd Schröder auf ihr erstes und zugleich letztes Länderspiel vorbereitet – mit Adidas-Bällen, Schuhen und Trainingsanzügen. Doch es half alles nichts. Dreimal krachte es am 9. Mai im deutschen Tor des Potsdamer Karl-Liebknecht-Stadions. Am Ende verloren die Spielerinnen 0:3 gegen die haushoch überlegene Tschechoslowakei, die bereits auf fast 200 Länderspiele zurückschauen konnte. Der Höhepunkt war gleichzeitig das Ende.