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Dresdner Straße gegen Amazon im Einkaufstest

Kann man die zehn beliebtesten Amazon-Produkte auf der Freitaler Hauptstraße kaufen? SZ-Volontär Maximilian Helm hat es ausprobiert.

Das Außenthermometer hat noch gefehlt. SZ-Volontär Maximilian Helm auf ungewöhnlicher Shopping-Tour. © Karl-Ludwig Oberthür

Er ist einfach schön, so ein Laden. Ich kann hineingehen, mich beraten lassen, die Produkte anfassen und Dinge kaufen, von denen ich bis vor einigen Augenblicken noch nicht wusste, dass ich sie jemals besitzen wollen würde. Doch das althergebrachte, kleine Geschäft hat es schwer. Vor allem an der Dresdner Straße verschwindet eines nach dem anderen und macht Friseuren, Versicherungsmaklern und Reisebüros Platz. Oder bleibt ganz leer.

Doch wie schlimm ist es wirklich? Wie weit ist der Verfall der Händler-Infrastruktur in der Freitaler Innenstadt vorangeschritten? Das will ich herausfinden, indem ich versuche, die beliebtesten Amazon-Artikel ganz analog zu besorgen. Eines vorweg: Ich bin erst den dritten Tag in Freital und kenne mich schlicht nicht aus.

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Auf der Einkaufsliste stehen indes: ein Trinklernbecher, LED-Leisten, ein USB-Stick, ein Außenthermometer, Vitamin-D3-Tropfen, Lüsterklemmen, eine Kofferwaage, ein Thermobecher, Gitarrensaiten und die neueste „Die Drei Fragezeichen“-Hörspielfolge. Simple Dinge des täglichen Bedarfs eben.

Ich beginne meine Tour mittags am Klinikum Richtung Potschappel. Die Luft ist klirrend kalt und etwas diesig, die Sonne scheint, ein auffallend schöner Tag im Januar. Bis auf einige Schulkinder sind kaum Menschen auf der Straße unterwegs. Die Liste in der Hand entdecke ich in einer Einfahrt verborgen den kleinen Heim- und Handwerkermarkt. Drinnen ist niemand, nur ein Verkäufer hat am Telefon mit Lieferschwierigkeiten bei Handkreissägen zu kämpfen. An der Wand hängen 25 verschiedene Bohrmaschinen, doch weder Lüsterklemmen noch LED-Lichter gibt es zu kaufen. Nicht einmal mit einem Thermometer kann mir der Verkäufer weiterhelfen. Sein Telefongespräch hatte er kurz zuvor leicht verärgert beendet. Mit leeren Händen verlasse ich den Markt.

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Ich komme an einem vielversprechenden, aber leider geschlossenen Asia-Markt vorbei, in dessen Schaufenster so ziemlich jeder denkbare Kleinkram liegt. Schade, er wäre ein heißer Kandidat für die Kofferwaage gewesen. Auf der anderen Straßenseite liegt dafür das PC-Werk. Hinein, den Schreck durch die verstörend klingende Ladenglocke überwunden und einen USB-Stick entdeckt. Das erste Häkchen auf der Liste: So könnte es weitergehen. Tut es aber nicht. Im nächsten Asia-Markt entdecke ich nur ein paar Funkwecker und bei Foto Feilotter habe ich zwar ein angenehmes Gespräch mit dem Inhaber über analoge Fotografie, die Einkaufsliste leert sich trotzdem nicht.

Doch dann, nach 300 Metern Weg: Die Papeterie Annett Knauer, die vor allem für ihr Sortiment an Schulranzen bekannt ist. Doch darüber hinaus gibt es allerlei Zubehör, Federmappen, Sporttaschen, Stifte, Lineale und: bunte Trinkflaschen. Die leichte Ähnlichkeit zum „Trinklernbecher“ genügt mir, ich entscheide mich für ein sehr dezentes Häkchen auf meiner Liste.

Sonne statt Tropfen

Ich habe bereits die Hälfte des Weges hinter mir und bin von meiner mageren Zwei- Häkchen-Ausbeute schwer enttäuscht. Der Bastelladen Mildner hat leider zufällig gerade keine LED-Leisten und schon gar keine Lüsterklemmen, und Musik Schubert, bei dem ich auf ein paar Gitarrensaiten spekuliert hatte, öffnet in Freital leider nur freitags. Bisher steht es 10:2 im Duell Amazon gegen die Dresdner Straße. Etwas geknickt laufe ich immer den Gehweg entlang durch das kleine Stück Niemandsland zwischen Deuben und Potschappel. Es ist nicht mehr weit bis zum Bahnhof, meinem eigentlichen Ziel.

Plötzlich taucht vor mir der kleine Laden „Sinus E-Technik“ auf. Ich wittere eine Chance. Die freundliche Verkäuferin ist zunächst sichtlich irritiert von meinem Vorhaben, vielleicht auch weil sie lange keinen 24-Jährigen mehr in ihrem Elektrogeschäft gesehen hat. Doch der Laden ist recht gut sortiert, und so zaubert die Dame LED-Leisten, verschiedene Thermometer, USB-Sticks und, endlich, auch eine Handvoll Lüsterklemmen hervor. So viele Häkchen auf einmal, ich kann mich kaum halten. Doch es ist nicht der letzte Halt auf meinem Weg. Im Reformhaus, das nebenan liegt, frage ich die Verkäuferin nach Vitamin D3. Sie erklärt, dass es sich dabei um das sogenannte Sonnenvitamin handele und empfiehlt mir im Falle eines Bürohöhlen-Alltags lieber ausgedehnte Spaziergänge im Sonnenschein. Falls dafür keine Zeit sei, sie greift in ein Regal, hätte sie auch Tropfen im Angebot. Ich mache das letzte Häkchen für heute.

Am Schluss habe ich auf der Dresdner Straße sechs von zehn beliebten Amazon-Produkten kaufen können. Das ist kein schlechter Schnitt, vor allem, weil die Ladendichte auf Freitals Magistrale inzwischen recht überschaubar geworden ist. Das ist schade für die schönen Geschäfte, die noch übrig sind. Je weniger reizvoll die Straße durch Ladenschließungen wird, desto weniger Laufkundschaft bleibt übrig. Doch noch ist nichts verloren, man kann immer noch seine anspruchsvolle Einkaufsliste zu großen Teilen abhaken. Nur bei Thermobechern, Gitarrensaiten und Hörspielfolgen scheint es ungestillten Bedarf zu geben. Und der nächste Händler, der an der Dresdner Straße richtig durchstartet, könnte ein Anbieter von besonders formschönen Kofferwaagen sein.

Sie wollen noch besser informiert sein? Schauen Sie doch mal auf www.sächsische.de/freital vorbei.

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