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Dresdner Tafel versorgt weiter Flüchtlinge

In Essen wollen Ausgabestellen wegen eines zu hohen Anteils von Ausländern nur noch Deutsche versorgen. Dresdens Tafel-Chef lehnt einen solchen Schritt grundsätzlich ab.

© René Meinig

Von Andreas Weller

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Die Tafel-Vereine versorgen Bedürftige mit Lebensmitteln. Nun sorgte die Tafel in Essen für Aufsehen, weil sie nur noch Deutsche aufnimmt. Die offizielle Begründung des Vereins: Aufgrund der Flüchtlingszunahme ist der Anteil ausländischer Mitbürger unter den Kunden auf 75 Prozent gestiegen. „Um eine vernünftige Integration zu gewährleisten, sehen wir uns gezwungen, zurzeit nur Kunden mit deutschem Personalausweis aufzunehmen“, heißt es auf der Internetseite. Es ist von Drängeleien und respektlosem Verhalten gegenüber Älteren und Frauen zu hören. Auch in Dresden gibt es Probleme mit Tafel-Kunden, allerdings laut Tafel keine, die mit der Nationalität zu tun haben.

„Wir lehnen so ein Vorgehen wie in Essen grundsätzlich ab“, so Dresdens Tafel-Chef Andreas Schönherr. „Wir wollen niemanden benachteiligen.“ In den sieben Dresdner Ausgabestellen seien keine Drängeleien bekannt. „Wir vermeiden das, indem wir wochentags vor der Öffnung Nummern ausgeben.“ Dadurch wisse jeder Kunde, wann er in die Ausgabe darf. Es werden immer nur 15 Einkaufswagen – egal ob Einzelpersonen oder Familien kommen – gleichzeitig hineingelassen. Bei der Spätausgabe dürfen 80 bis 90 Personen eintreten, danach muss gewartet werden.

Der weit überwiegende Teil der Kunden verhält sich laut Schönherr ordentlich. „Ich kann auch keine Unterschiede zwischen deutschen und ausländischen Kunden im Verhalten erkennen“, berichtet der Tafel-Chef. „Es gibt ein paar Unbelehrbare – aktuell haben wir etwa zehn Hausverbote erteilt.“ Diese werden ausgesprochen, wenn Kunden in den Geschäften pöbeln oder nicht einsehen wollen, dass es bei einigen Lebensmitteln Rationierungen gibt, wie etwa nur zwei Äpfel pro Familienmitglied. Diese Hausverbote gelten in der Regel für zwei Monate. Bei derzeit rund 3 800 Bedürftigen, die die Dresdner Tafel pro Woche versorgt, sei das aber überschaubar.

„Bei uns wird auch versucht, sich vorzumogeln“, so Schönherr. So werden teilweise Nummern gefälscht, um früher dranzukommen. Es gibt auch Wettrennen von Bus- oder Bahnstationen zur Ausgabestelle, um eine möglichst niedrige Nummer zu ergattern und früher an die Waren zu kommen. Aber auch da sieht Schönherr keine Unterschiede in den Nationalitäten.

„Wir teilen unsere Öffnungszeiten bereits so auf, dass möglichst viele sie nutzen können“, erklärt der Tafel-Chef. So gibt es auch Spätausgaben, bei denen zuerst junge Menschen in Ausbildung eingelassen werden, danach Berufstätige und erst dann alle anderen. Auch zwischen den einzelnen Standorten und Tagen gibt es Unterschiede. „Sonnabends kommen viele große Flüchtlingsfamilien, dafür suchen uns unter der Woche mehr deutsche Bedürftige auf.“ Die Ausgaben in Gorbitz, an der Rehefelder und der Großenhainer Straße werden vorwiegend von Deutschen genutzt, dafür ist in Prohlis der Anteil an Flüchtlingen sehr hoch. Die Kundschaft hat sich seit der Flüchtlingskrise von etwa 2 500 auf rund 3 800 versorgte Personen pro Woche erhöht. „Mittlerweile sind es mehr Ausländer als Deutsche. Wir haben uns bewusst für sie geöffnet“, erklärt Schönherr.

Grund für Änderungen an der Aufnahme- oder Ausgabepraxis sieht der Tafel-Chef nicht. Zwar habe er mal geplant, mittwochs eine Ausgabezeit für Bedürftige ab 55 Jahren einzuführen, es dann aber wieder verworfen. „Ich habe diese Personengruppe gefragt und es gab einfach keinen Bedarf. Die Ausgaben verlaufen für sie größtenteils spannungsfrei.“ In Wattenscheid, wo es ähnliche Probleme wie in Essen gibt, erhalten ältere Menschen eine halbe Stunde früher Zugang zur Ausgabe.

Hilfsorganisationen kritisieren unterdessen die Entscheidung in Essen. Diese sei Wasser auf die Mühlen von Rechtspopulisten. Schönherr sieht das nicht ganz so drastisch. Der Aufnahmestopp in Essen bedeute nicht, dass dort prinzipiell keine Flüchtlinge mehr versorgt werden. Die, die bereits Kunden sind, bleiben es auch.