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Dresdner tanzen mit Tradition

Mit ihren 70 Jahren ist die Tanzschule Weise die älteste in der Stadt. Auch wenn die Zeit der großen Bälle längst vorüber ist, getanzt wird weiter.

© privat

Von Ralf Hübner

Schwer gefallen sei ihr die Entscheidung nicht, als sie 1985 ihr Ökonomiestudium gegen eine Ausbildung zur Tanzlehrerin getauscht hat, sagt Jaqueline Weise. „Ich habe sie noch keine Minute bereut.“ Die Rhythmen von Rumba, Cha-Cha, Tango und Walzer bestimmen seither ihren Alltag. Sie ist seit 1997 Chefin der jetzigen Tanzschule Weise, die Tanzschule in Dresden mit der längsten Geschichte. Vor 70 Jahren hatte Großvater Walther Heuer das Hobby zum Beruf gemacht. Das war 1947 in schwerer Zeit, als bei Bällen schon mal Braunkohlebriketts als Eintritt akzeptiert worden sein sollen, wie berichtet wird. „Er war ein glänzender Entertainer“, erinnert sich Jaqueline. Das Jubiläum ist mit einem Ball ausgiebig gefeiert worden.

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Die Dresdner sind einst fleißig in die Ballsäle gezogen. Mehr als 100 soll es vor gut 100 Jahren in Stadt und Umgebung gegeben haben. Richtig tanzen zu können, war fast selbstverständlich. Das allerdings war in Dresden damals nur an den Wochenenden und am Montag gestattet. Meist wurde Walzer getanzt, auch Polka, Rheinländer und Marsch. Höhepunkt jeden Balles war der Cotillon, ein kompliziertes Tanzspiel mit Einlagen und Partnerwechsel. Kurz vor dem Ersten Weltkrieg kam der Foxtrott aus Amerika. Anfang der 1920er-Jahre folgten der Black Bottom, die Rumba und 1925 der Charleston.

Lange war Jöhren-Trautmann am Schillerplatz die älteste Tanzschule. Der Zeichner Hans Jöhren war Anfang der 1930er- Jahre aus Paderborn nach Dresden gekommen und wollte an der Kunsthochschule studieren. Bei einem Künstlerball lernt er seine spätere Ehefrau Susanne Trautmann kennen. Deren Eltern leiteten seit 1907 eine Tanzschule auf der Grunaer Straße. Und so lässt Hans das Studium sausen und wird der Liebe wegen Tanzlehrer. Die Jöhren-Trautmanns trainierten Turniertänzer und errangen selbst Titel. 1963 stirbt Susanne unerwartet. Assistentin Helga Kreißl nimmt deren Platz ein. Als nach einer Sanierung des Hauses 1996 die Mieten für die Räume deutlich steigen, setzte sich Jöhren-Trautmann mit 91 Jahren zur Ruhe, die Geschichte seiner Tanzschule ist nach 89 Jahren zu Ende.

Von der einstigen Dresdner Ballhausherrlichkeit ist nicht viel geblieben. Als Walter Heuer 1947 seine Tanzschule gründete, wurden immerhin noch 21 Säle und 22 Tanzgaststätten gezählt. Getanzt wurde trotzdem und das auch sportlich. 1956 war das Tanzlehrerpaar Werner und Elfriede Graf nach Dresden gezogen und hatte in Pieschen ein Tanzstudio eröffnet. Sie waren als Turniertänzer und Gastlehrer viel im Ausland unterwegs, bildeten selbst Tanzlehrer aus und galten lange als die wohl renommierteste Schule in Dresden. Sie trieben den Turniertanz voran und organisierten unter anderem ab 1970 federführend das alljährliche Internationale Tanzfestival Dresden im Kulturpalast – ein hochkarätiges Turnier für Amateure und Profis mit Weltklasse-Paaren vor allem aus Großbritannien, Australien, Jugoslawien, Norwegen und Dänemark. „Das war die absolute Weltspitze. Ich war froh, wenn ich die Finalrunde erreichte“, erinnert sich Sohn Rainer, der selbst teilgenommen hat und die Schule von 1984 an lenkte und immerhin elf DDR-Meister-Titel errang. 1999 ging die 30. und letzte Festival-Auflage über die Bühne. 2001 hat die Tanzschule Lax mit einer Welttanzgala diese Tradition wieder aufleben lassen. Auch in jüngerer Zeit sind Dresdner Tänzer erfolgreich gewesen. Christoph Kies vom TSC Excelsior Dresden holte mit seiner Partnerin Blanca Ribas Turón von 2006 bis 2008 drei Welt- und zwei Europameistertitel in der Klasse über zehn Tänze. Das Tanzlehrerehepaar Tassilo und Sabine Lax gewann drei Deutsche sowie 2011 und 2012 Weltmeistertitel in den Standardtänzen.

1998 ist Jaqueline Weise mit ihrer Schule in den Räumen des ehemaligen Kameraherstellers Pentacon am Ernemann-Turm sesshaft geworden. Ihr Großvater und auch die Eltern sind noch als „Koffertanzlehrer“ von Saal zu Saal gezogen. Auch wenn die Zeit der großen Bälle vorüber ist und nur noch wenige Häuser regelmäßig zum Walzer, Tango oder Slowfox aufspielen: Das Interesse am Gesellschaftstanz ist ungebrochen. Die Tanzschule platze aus allen Nähten, sagt Jaqueline Weise. „Viele Paare sehen Tanzen als etwas, das sie gemeinsam machen können.“ Sie gingen wöchentlichen zum Kurs wie andere ins Fitnessstudio. Es gibt spezielle Programme für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Weises zwei Töchter arbeiten im Unternehmen mit – die nächste Generation steht bereit.