Partner im RedaktionsNetzwerk Deutschland
Merken

Dritte Kur für das Biblische Haus

Ein Restaurator arbeitet an der wertvollen Sandsteinfassade. Die erhält jetzt auch ganz neue Elemente.

Teilen
Folgen
NEU!
© Pawel Sosnowski/80studio.net

Von Ingo Kramer

Behutsam arbeitet sich Sven Hübner voran. Zentimeter für Zentimeter kommt ihm die gesamte Fassade des Biblischen Hauses in der Görlitzer Neißstraße unter den Pinsel. Und überall findet er Dinge, die dort besser nicht sein sollten: Hier Schmutz am Relief, da eine offene Fuge. Einen halben Sommer hat der Diplom-Restaurator vom Atelier für Restaurierung Michael Lange aus Limbach-Oberfrohna Zeit, die wertvolle Sandsteinfassade aufzuarbeiten. In Görlitz ist es die einzige Fassade, die komplett aus Sandstein hergestellt ist.

Insgesamt, sagt der Görlitzer Architekt Frank-Ernest Nitzsche, ist die 1568 bis 1572 hergestellte Fassade in einem bemerkenswerten Zustand: „Seit 1572 wurde kein Stein ergänzt, sodass wir immer noch das absolute Original sehen.“ Zwar fehlt den Figuren hier mal ein Finger und dort eine Nase, aber das sei auf die Zeit von 444 Jahren gerechnet immer noch sehr gut: „Die Steine sind in ihrer Qualität nicht zu toppen, die muss ein hervorragender Bildhauer ausgesucht haben.“ Auch bei der jetzigen Sanierung werden keine Steine ergänzt.

Dennoch ist es nötig, die Fassade in diesem Jahr erneut anzufassen. Und das, obwohl sie bereits in den Jahren 2000 bis 2004 sowie 2012 aufgearbeitet wurde. Bei der umfassenden Sanierung zwischen 2000 und 2004 sei eine Konservierungsschicht auf die Fassade aufgetragen worden, erklärt Nitzsche: „Das ist die sogenannte Opferschicht. Sie wittert allmählich ab.“ Das sei völlig normal. Im Jahr 2012 hat die Stadt dann das Dach an den Gaupen des Vorderhauses instand gesetzt. Deshalb wurde erneut ein Gerüst aufgebaut.

So war es möglich, gleichzeitig die Fassade in Augenschein zu nehmen. Dabei fanden sich ein paar Schwachpunkte. „Wir haben damals nur die Simse notabgedeckt, weil das die kritischsten Stellen sind, an denen Wasser eindringen kann“, sagt Nitzsche. Für weitere Arbeiten reichte das Geld nicht. Die Stadt hat damals 56 000 Euro eingesetzt, davon 11 500 Euro für die Fassadensicherung. Und Nitzsche hat 2012 eine Schadenskartierung vorgenommen. Die ist die Grundlage für die jetzigen Arbeiten. Dieses Jahr stehen im Bauunterhalt rund 50 000 Euro für die Fassade des Biblischen Hauses bereit, darunter städtische Eigenmittel und Geld von der Altstadtstiftung.

Gerüchten, dass der Straßenbau Schäden an der Fassade verursacht hat, erteilt Ulf-Michael Lehmann vom städtischen Hochbauamt eine klare Absage: „Was wir jetzt machen, haben wir bereits 2012 geplant.“ Die Straßenbauer seien sehr sorgsam vorgegangen. Sie haben der vorgehängten Sandsteinfassade sogar erstmals ein Fundament gegeben, ohne sie dabei zu beschädigen. Nitzsche bestätigt das: „Wir haben 2002 eine Fugenkartierung gemacht, dadurch hatten wir eine Referenzlinie.“ 2012 folgte die nächste Kartierung, so konnte die Schadensentwicklung innerhalb von zehn Jahren abgebildet werden. Dieses Jahr stand die dritte Kartierung an: „Dabei haben wir keine Schäden gefunden, die auf den Straßenbau zurückgehen.“

Stattdessen nennen Lehmann und Nitzsche zwei andere Ursachen: Die üblichen Bodenbewegungen im Laufe der Jahreszeiten und die thermische Belastung. „Durch die gegenüberliegende Fassade kommt es zu einer starken Wärmespiegelung“, so Nitzsche. Die Konservierung 2000 bis 2004 sei gut gewesen, aber eine solche Fassade müsse man sich trotzdem alle zehn Jahre ansehen – und dann auch kleinere Arbeiten durchführen: „Die Fugen werden hier seit 300 Jahren regelmäßig repariert.“

Auch jetzt spielen sie neben der Reinigung die Hauptrolle in der Arbeit von Sven Hübner. Doch er ist nicht der Einzige, der derzeit auf dem Gerüst arbeitet. Die Klempner von der Lothar Tschierschke GmbH aus Markersdorf verleihen der Fassade auch ganz neue Elemente: Bleibleche. Die sollen ausgewählte Gesimse vor weiterer Verwitterung schützen. „Wir hatten 2004 darauf verzichtet und diesmal lange hin- und her- überlegt, ob wir das tun“, sagt Nitzsche.

Jetzt fiel die Entscheidung – gemeinsam mit dem Landesamt für Denkmalschutz und der Unteren Denkmalschutzbehörde – doch für die Bleche. „Auch die Denkmalpflege sieht sie als wichtig, um das Denkmal zu erhalten“, sagt Lehmann. Beim Schönhof sei ähnlich entschieden worden.

Das Biblische Haus wurde Anfang Juli eingerüstet. Anfang Oktober soll alles geschafft sein, sodass das Gerüst fallen kann. Hübner wird bis dahin noch eine Farblasur auf die Fassade auftragen, die das Gestein schützt. Und Nitzsche ist optimistisch, dass nicht in zehn, sondern diesmal erst in 15 Jahren wieder Hand angelegt werden muss: „Die Bleibleche, der neue Grundaufbau der Straße und die Verkehrsberuhigung sind gut für den Erhalt der Fassade.“