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Drogenhändler im Visier

Das Landgericht verhandelt in Bautzen gegen fünf junge Männer aus Bautzen. Aktuelle Zahlen zeigen: Die Szene wächst.

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© dpa

Von Jana Ulbrich

Bautzen. Da stehen sie nun im großen Schwurgerichtssaal vor dem Jugendrichter: Artur S., 25 Jahre alt, Benjamin J., 24, Filip T., 23, Marco G., 22, und Ömer G., 27. Die jungen Männer sehen nicht wie gefährliche Drogendealer aus. Artur S., dem das meiste vorgeworfen wird, hat sich sogar ein weißes Hemd und einen schwarzen Anzug angezogen. Er steht wie drei der anderen Angeklagten an diesem Dienstag nicht zum ersten Mal vor Gericht. Nur Ömer G., der türkischer Herkunft ist und einen Übersetzer braucht, ist noch nicht vorbestraft.

© Uwe Soeder

Staatsanwalt Matthias Müller wirft den fünf jungen Bautzenern Drogenhandel im großen Stil vor. 114 Einzelfälle listet er in seiner Anklage akribisch auf. Gemeinschaftlich und gewerbsmäßig sollen die fünf jungen Männer in immer mal wieder wechselnder Zusammenarbeit einen florierenden Drogenhandel betrieben haben. Und jeder von ihnen habe bestens daran verdient: Von 12 000 bis 170 000 Euro sollen die Geschäfte ihnen jeweils eingebracht haben.

Zweimal in der Woche nach Tschechien

Artur S. und seine Freunde hatten sich auf Crystal spezialisiert, diese schlimme chemische Droge, die als die gefährlichste der Welt gilt – hergestellt in tschechischen Drogenküchen in bester Qualität. Die jungen Männer sind geständig. Bereitwillig schildern sie vor der Großen Jugendstrafkammer, wie das abgelaufen ist mehr als dreieinhalb Jahre lang:

Anfangs sind sie über den Grenzübergang in Sohland ins tschechische Rožany gefahren. Mindestens zweimal pro Woche. Bei Vietnamesen haben sie das Crystal gekauft, anfangs jedes Mal nur um die zehn Gramm, mindestens 50 Prozent Methamphetamingehalt. Zehn Gramm Crystal in dieser Qualität reichen für 100-mal konsumieren. 25 Euro pro Gramm haben die jungen Männer bezahlt, für 60 Euro haben sie den Stoff dann in Bautzen weiterverkauft. Artur S. ist meistens gefahren, einer der anderen ist der „Abstecker“, derjenige also, der sich die Drogenpäckchen in den Hintern schiebt, um sie so möglichst unbemerkt über die Grenze zu bringen.

Als der Stoff im nahen Rožany knapp wird, tut sich über Kontakte in der Szene eine neue Quelle in Liberec auf. Der Stoff aus Liberec soll sogar noch besser sein. Später fahren die Männer auch wieder regelmäßig nach Rožany und nach Petrovice. Aus den zehn Gramm pro Fahrt werden schnell 15, später holen sie jedes Mal gleich 50, 60 oder 70 Gramm auf einmal. „Bautzen ist eine große Stadt“, erklärt Artur S. den steigenden Bedarf, „Da ist man das Zeug ganz schnell wieder los.“

Gewinnabsicht vorgeworfen

Mehr als dreieinhalb Jahre floriert das Geschäft. Staatsanwalt Matthias Müller wirft den jungen Männern reine Gewinnabsichten vor. Das Crystal sei die Einnahmequelle gewesen, mit der die Fünf ihren Lebensunterhalt finanzierten. Akribische Polizeiarbeit macht dem Handel schließlich ein Ende. In den Vernehmungen erzählen die Angeklagten bereitwillig, beschuldigen sich auch mal gegenseitig, nennen noch zahlreiche andere Namen von Helfern und Abnehmern.

Das macht deutlich, wie groß und vernetzt der Drogenhandel im Landkreis ist. Der Fall, der seit Dienstag in Bautzen verhandelt wird, ist auch nur einer von vielen in der Region. In jeder siebenten Verhandlung, die im vorigen Jahr am Bautzener Landgericht stattfand, ging es um Drogengeschäfte. Dabei sind es nur die wirklich schweren Fälle – solche, in denen Haftstrafen von mehr als vier Jahren zu erwarten sind, die vor einem Landgericht landen.

Seit 2010, weiß der Görlitzer Staatsanwalt Till Neumann, haben sich die Verfahren wegen schwerer Drogenkriminalität in den Kreisen Bautzen und Görlitz nahezu vervierfacht. „Eine bedenkliche Entwicklung“, sagt Neumann. Sie wird in dieser Region vor allem durch die Grenznähe befördert. Es sind die kurzen Wege zu den Drogenküchen in Tschechien und Polen, die das Geschäft für die Dealer lukrativ machen. Und nicht nur für die Dealer. Auch für den schnellen Eigenbedarf.

Hohe Dunkelziffer befürchtet

Allein 2015 – aktuellere Zahlen liegen noch nicht vor – hatte die Görlitzer Staatsanwaltschaft 197 Verfahren mit Fällen schwerer Drogenkriminalität auf dem Tisch. 251 Beschuldigte waren darin verwickelt. Dazu kamen 1 768 Fälle, in denen es um kleinere Delikte wie die unerlaubte Einfuhr oder den Besitz geringerer Drogenmengen ging. Im Vergleich zu 2010 waren das sogar sechsmal mehr.

Auch wenn am Ende rund 40 Prozent dieser Verfahren eingestellt werden, etwa wegen Geringfügigkeit, machen die Zahlen die wachsende Dimension der Drogenszene in der Region deutlich. Dabei sind das nur die, die tatsächlich erwischt werden. In der Statistik der Polizeidirektion Görlitz tauchen für 2015 – auch hier werden noch keine aktuelleren Zahlen genannt – insgesamt 1 318 Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz auf. „Wir rechnen hier allerdings mit einem sehr hohen Dunkelfeld“, sagt Polizei-Sprecher Thomas Knaup.

Das vor allem macht auch Dirk Hertle, Richter am Bautzener Amtsgericht Sorgen. Immer häufiger geht es in seinen Gerichtsverhandlungen um Drogen. „Da stehen zum Teil junge Leute vor mir, die sind nur noch Wracks“, sagt er. „Sie haben extreme Ausfälle, Verhaltensstörungen, ausgefallene Zähne.“ Langjährige Crystal-Konsumenten würden besonders schlimm aussehen.

Hertle sieht die Aufgabe vor allem bei Zoll und Polizei. „Es muss mehr Kontrollen an den Grenzen geben“, sagt er. „Und wir müssen an die Drogenküchen in Polen und Tschechien herankommen.“ Vielleicht können die fünf jungen Männer auf der Anklagebank im Bautzener Schwurgerichtssaal ja dazu beitragen.