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Drogenhändler packt aus

Dank der Aussagen eines Pulsnitzers fliegt im Kreis Bautzen ein großer Dealerring auf. Der 33-jährige Angeklagte hofft jetzt auf eine mildere Strafe.

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© Uwe Soeder

Bautzen. Stefan S. weiß genau, was der Anrufer will. „Hast du 30 Minuten Zeit?“ Das bedeutet: „Besorg mir 30 Gramm Crystal“. Bereitwillig schildert Stefan S. am Donnerstag vor dem Schöffengericht der Großen Strafkammer des Landgerichts in Bautzen, wie die Drogengeschäfte so abgelaufen sind in der Oberlausitz.

Es sind florierende Geschäfte – und Stefan S. ist mittendrin. Der junge Mann aus Pulsnitz ist sogar einer der Größten in der Szene. Als Zwischenhändler kauft er in Dresden oder Pirna in großen Mengen Crystal, Haschisch, Marihuana und Ecstasy ein und verkauft den Stoff im Kreis Bautzen gewinnbringend weiter. Mit Datum und Uhrzeit listet die Staatsanwaltschaft in ihrer Anklageschrift insgesamt 29 einzelne Taten auf. Mindestens 70 000 Euro soll S. auf diese Weise verdient haben.

Am 23. Mai 2016 ist Schluss mit dem florierenden Handel. Dresdner Zollfahnder kommen dem jungen Mann auf die Spur. Nach der Durchsuchung seiner Wohnung in Pulsnitz nehmen sie den 33-Jährigen fest. Stefan S. weiß, was ihn bei einer Verurteilung erwartet – und entscheidet sich für die Flucht nach vorn. Sieben Tage lang packt er aus, schildert den Ermittlern, wie und von wem er die Drogen beschafft und wie und an wen er sie weiterverkauft hat.

Stefan S. erzählt auch, wie das alles gekommen ist. Er stammt aus intakten Familienverhältnissen, er hat Abitur gemacht, er hat studiert. Aber irgendeine Prüfung hat er immer verhauen und sein Studium nie zu Ende gebracht. Doch ohne Abschluss und Beruf bekommt er immer nur schlecht bezahlte Jobs als ungelernter Leiharbeiter. Ein paar Ecstasy-Pillen, ein Tütchen Crystal sollen helfen gegen den Frust. Stefan S. wird schnell zum regelmäßigen Konsumenten. Er lernt Händler kennen und die Szene, und irgendwann denkt er sich: Da mache ich mit.

„Es war ganz unkompliziert“, erzählt er später vor Gericht. Schnell habe das Drogengeschäft für ihn immer größere Ausmaße angenommen. „Es war wie ein Zweitjob“, sagt er. Er habe es immer so gemacht, dass er an jedem Gramm, das er weiterverkauft, fünf Euro verdient. Das habe ihm gereicht, ein guter Zuverdienst zum Mindestlohn als Leiharbeiter. Auch dank seiner umfangreichen Aussagen nach seiner Festnahme fliegt im Kreis Bautzen ein ganzer Dealerring auf. Mehrere Beteiligte konnten inzwischen zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt werden und sitzen im Gefängnis.

Stefan S. selbst kann auf ein milderes Urteil hoffen. Normalerweise wird der unerlaubte Handel mit Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge mit einer Gefängnisstrafe nicht unter einem Jahr geahndet. Weil der Angeklagte selbst aber aktiv zur Aufklärung beigetragen hat, kommt in seinem Fall die Kronzeugenregelung zum Tragen, erklärt sein Verteidiger Arndt Holzhauser. Positiv für das Strafmaß soll sich auch die berufliche Perspektive auswirken, die der 33-Jährige gegenwärtig hat. Das Schöffengericht will das Urteil an diesem Freitag verkünden.