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Droht der Bundeswehr die Ossifizierung?

Eine Unterschichtenarmee wird künftig Deutschland verteidigen, behauptet der Münchner Historiker Michael Wolffsohn.

Überdurchschnittlich viele Soldaten aus Ostdeutschland riskieren bei Auslandseinsätzen der Bundeswehr ihr Leben. Der Geschichtsprofessor Michael Wolffsohn spricht deshalb von einer „Ossifizierung“ der Bundeswehr. Den Soldaten aus dem Osten fehle häufig eine berufliche Alternative, sagte er jetzt der „Thüringer Allgemeinen“. „Die lebensgefährlichen, tödlichen Dienstleistungen sind den Unterschichten vorbehalten. Ich halte das für einen Skandal.“

Diese provokante These ist nicht neu. Aber seit den jüngsten tödlichen Vorfällen in Afghanistan, bei denen sieben Deutsche ums Leben kamen, hagelt es Kritik.

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Der scheidende Wehrbeauftragte Reinhold Robbe (SPD) spricht von „hanebüchenen Zusammenhängen“. Uwe Köpsel, der Landesvorsitzende Ost des Bundeswehrverbandes, widerspricht ebenfalls: „Die jungen Leute aus dem Osten kommen sicher mit einer anderen Sozialisierung. Sie hatten wohl schlechtere Aussichten auf einen Arbeitsplatz, aber keine schlechte Bildung.“ Die Bundeswehr rekrutiere ihren Nachwuchs nicht an sozialen Brennpunkten.

Wolffsohn wurde 1947 in Tel Aviv geboren. Mit sieben Jahren zog er mit seinen Eltern nach Berlin, wo er die Schule besuchte und Geschichte studierte. Seit 28 Jahren lehrt er an der Münchner Universität der Bundeswehr. Mit seinen Thesen eckte er wiederholt in der Öffentlichkeit an. Im Mai 2004 äußerte er sich zur Terrorismusbekämpfung: „Als eines der Mittel gegen Terroristen halte ich Folter oder die Androhung von Folter für legitim.“

Ein Jahr später wandte er sich gegen die vom damaligen SPD-Chef Franz Müntefering losgetretene Heuschrecken-Debatte über Finanzspekulanten. Zwei der Firmen, um die es ging, trugen jüdische Namen. „60 Jahre ‚danach‘ werden heute wieder Menschen mit Tieren gleichgesetzt, die als ‚Plage‘ vernichtet, ‚ausgerottet‘ werden müssen“, sagte er. Mitglieder der damaligen rot-grünen Bundesregierung forderten dienstrechtliche Konsequenzen, doch die blieben aus.

Politisch wird der 62-jährige Jude als konservativ bezeichnet. Als Publizist wirbt er um Verständnis für die israelische Position im Verhältnis zu Palästina. Über das deutsch-jüdische Verhältnis schrieb er neben mehreren Artikeln auch das Buch „Keine Angst vor Deutschland“. In dem beschreibt er, dass der Nationalsozialismus kein Grund sei, der gegen eine erfolgreiche Integration des Judentums in Deutschland spreche. Der Mehrheit der Deutschen bescheinigt er darin Geschichtsbewusstsein und Demokratieverständnis. (SZ/kde)