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Droht ein Erziehernotstand?

Viele Kita-Mitarbeiter gehen in den nächsten Jahren in den Ruhestand. Höchste Zeit, zu handeln.

© Daniel Naupold/dpa

Von Dörthe Gromes und Paul J. Grunze

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Ein Blick auf die Grafik sagt mehr als tausend Worte: In absehbarer Zeit erreicht ein Großteil der gut 1 600 Erzieher in Kindergärten und Krippen im Kreis das Rentenalter. Eine Mehrheit der Beschäftigten ist 45 Jahre und älter (siehe Grafik). Das geht auf eine Antwort des Freistaats auf eine Anfrage der Grünen-Landtagsabgeordneten Petra Zais zurück. „Zwar werden derzeit so viele Erzieherinnen und Erzieher wie noch nie ausgebildet“, sagt die Politikerin. Dennoch stehe die Alterspyramide Kopf: Weit über 10 000 der aktuell rund 26 500 Beschäftigten in sächsischen Kitas sind mehr als 50 Jahre alt. „Etwa ein Viertel des Personals ist über 55 Jahre alt und wird damit in absehbarer Zeit in den Ruhestand gehen,“ teilt die Abgeordnete mit.

© Grafik/SZ

Laut Auskunft der Arbeitsagentur Riesa sind im Landkreis Meißen derzeit 34 offene Stellen im Bereich Kinderbetreuung und -erziehung gemeldet. Auf Riesa und angrenzende Gemeinden entfallen davon sechs Stellen. „Im Jahresdurchschnitt 2017 betrug die Vakanzzeit der gemeldeten Stellen in diesem Bereich im gesamten Landkreis 46 Tage“, erklärt Berit Kasten, Pressesprecherin der Arbeitsagentur. Das sagt jedoch noch nichts darüber aus, wie leicht oder schwer es im konkreten Fall ist, eine Stelle zu besetzen.

Zwei der sechs Stellen, die in Riesa derzeit vakant sind, entfallen auf das Deutsche Rote Kreuz (DRK), das in Riesa die Kitas „Kinderland“ und „Am Technikum“ betreibt. „Derzeit ist der Arbeitsmarkt leer gefegt“, sagt DRK-Chef Falk Glombik dazu. „Geeignetes Personal zu finden, ist schwer wie überall, wo Fachkräfte gesucht werden.“ Am besten seien die Chancen, neue Leute einzustellen im Sommer, wenn sich die Absolventen der Erzieherausbildung bewerben würden. „Dann sollte man sich mit Zusagen nicht zu lange aufhalten“, so Glombik. Gezahlt wird beim DRK nach dem Tarifvertrag Wohlfahrts- und Gesundheitspflege. Außerdem gibt es eine betriebliche Altersvorsorge, die Möglichkeit zur beruflichen Weiterbildung sowie Prämien bei der Erreichung von Zielvereinbarungen. „Der Altersdurchschnitt unserer Beschäftigten liegt bei etwa 40 Jahren, ein Generationswechsel hat also bereits stattgefunden“, sagt Falk Glombik.

In der Kita „Rosenmühle“ in Nossen und der Kita in Barnitz sollen in diesem und im nächsten Jahr keine Erzieherinnen und Erzieher in Rente gehen. „Wir führen aber laufend Gespräche mit Bewerberinnen und Bewerbern für andere unserer Einrichtungen und können sagen, dass eine Nachbesetzung bisher immer möglich war“, so der Dienststellenleiter der Johanniter Unfallhilfe e.V. in Coswig, Edgar Kaidel. Dem stellvertretenden Leiter der Kindertagesstätte „Weinbergwichtel“ in Weinböhla, Jens Hoffmann, zufolge, werden dort in nächster Zeit drei Erzieherinnen in den Ruhestand verabschiedet. Bewerber gäbe es zwar keine, aber im Moment seien ausreichend Erzieherinnen und Erzieher angestellt. „Die Rahmenbedingungen für den Erzieherberuf in Sachsen sind schlechter als in anderen Bundesländern“, findet Andreas Giersch, Sekretär der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Sachsen (GEW). Deshalb würden viele sächsische Absolventen später anderswo Arbeit suchen. Ein Problem sei nicht nur die Bezahlung, sondern die permanente Zeitnot des Personals. „Wir fordern, dass Zeit für Elterngespräche, Dokumentation der Arbeit und Teamberatungen in die Arbeitszeitkalkulation einbezogen wird“, sagt der GEW-Vertreter.

Auch sei der Betreuungsschlüssel in Sachsen ungünstiger als in anderen Bundesländern, sprich: Ein Erzieher muss mehr Kinder betreuen. Ein verbesserter Betreuungsschlüssel allerdings erhöht auch den Bedarf an Erziehern.

Der Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) betreibt ebenfalls mehrere Kindertageseinrichtungen in Riesa sowie jeweils eine in Strehla und Gröditz. Dort sind momentan keine Stellen vakant, in sechs bis sieben Jahren gehe aber eine größere Zahl Mitarbeiter in den Ruhestand. „Das wird wahrscheinlich ein Problem“, erklärt Geschäftsführer Andreas Krüger.

In seinen Augen muss der Beruf vor allem besser bezahlt werden, um attraktiver zu werden. „Natürlich bemühen wir uns um ein gutes Betriebsklima und bieten den Beschäftigten beispielsweise bestimmte Gesundheitsdienstleistungen an“, so der ASB-Chef. Trotzdem läge die Bezahlung bei den freien Trägern immer etwas unter den Sätzen öffentlich getragener Einrichtungen. Krüger sieht vor allem den Freistaat in der Pflicht, sich diesem Problem zu stellen.