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Droht ein Erziehernotstand?

Viele Kita-Mitarbeiter gehen in den nächsten Jahren in den Ruhestand. Höchste Zeit, zu handeln.

© dpa

Von Dörthe Gromes

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Badespaß und Erholung zugleich

Das Freizeitzentrum "Hains" ist für erholsame Stunden und schweißtreibende Sportangebote bekannt.

Landkreis. Ein Blick auf die Grafik macht es deutlich: In absehbarer Zeit erreicht ein Großteil der gut 1 600 Erzieher in Kindergärten und Krippen im Landkreis Meißen das Rentenalter. Eine Mehrheit der Beschäftigten ist 45 Jahre und älter. Das geht aus einer Antwort des Freistaats auf eine Anfrage der Grünen-Landtagsabgeordneten Petra Zais hervor. „Zwar werden derzeit so viele Erzieherinnen und Erzieher wie noch nie ausgebildet“, sagt die Politikerin. Dennoch stehe die Alterspyramide Kopf: Weit über 10 000 der aktuell rund 26 500 Beschäftigten in sächsischen Kitas sind älter als 50 Jahre. „Etwa ein Viertel des Personals ist über 55 Jahre alt und wird damit in absehbarer Zeit in den Ruhestand gehen“, teilt die Abgeordnete mit.

Laut Auskunft der Arbeitsagentur Riesa sind im Landkreis Meißen derzeit 34 offene Stellen im Bereich Kinderbetreuung und -erziehung gemeldet. „Im Jahresdurchschnitt 2017 betrug die Vakanzzeit der gemeldeten Stellen in diesem Bereich im gesamten Landkreis 46 Tage“, erklärt Berit Kasten, Pressesprecherin der Arbeitsagentur. Das sagt jedoch noch nichts darüber aus, wie leicht oder schwer es im konkreten Fall ist, eine Stelle zu besetzen.

Die Volkssolidarität Elbtalkreis-Meißen e.V. hat aktuell einen Bedarf an sechs pädagogischen Fachkräften, unter anderem in ihren Kindertagesstätten in Radebeul, Weinböhla und Meißen. Diese seien kurzfristig frei geworden, etwa durch Schwangerschaften mit dem damit oft verbundenen Beschäftigungsverbot, sagt Manuela Müller-Stritzke, die Personalchefin der Volkssolidarität. Bewerbungsverfahren für diese Stellen laufen.

Die Volkssolidarität Elbtalkreis-Meißen e. V. betreibt insgesamt 20 Kitas in den Landkreisen Meißen, Sächsische Schweiz-Osterzgebirge und Bautzen sowie in der Stadt Dresden. „Rund ein Viertel unserer knapp 400 pädagogischen Fachkräfte wird in den kommenden zehn Jahren in den Ruhestand gehen. Darum schöpfen wir alle Möglichkeiten aus, unseren Nachwuchs selbst heranzuziehen und im Unternehmen zu halten“, sagt Manuela Müller-Stritzke. Aktuell bilden die VS 17 Erzieherinnen und Erzieher aus, wovon vier dieses Jahr fertig werden.

Weitere fünf fangen dieses Jahr ihre Ausbildung an. Drei Mitarbeiter absolvieren gerade das berufsbegleitende Studium der Sozialpädagogik, um künftig eine Leitungsposition in der Kita übernehmen zu können. „Außerdem sind wir Praxispartner für einen Studenten der Staatlichen Studienakademie Breitenbrunn, der das duale Studium Soziale Arbeit absolviert.“ Wer sich noch nicht sicher ist, ob der Erzieherberuf der Richtige ist, kann auch das Freiwillige Soziale Jahr bei der VS zur beruflichen Orientierung nutzen. Zurzeit machen das gerade 15 junge Leute. Die Volkssolidarität nutzt in ihren Einrichtungen aber auch die gesetzlich neu geschaffene Möglichkeit, Assistenzkräfte in den Kitas einzusetzen. Diese müssen keine Ausbildung als staatlich anerkannter Erzieher vorweisen, sondern können eine Qualifikation in anderen sozialen Berufen haben wie z.B. als Sozialassistent, Kinderkrankenschwester, Gesundheits- und Kinderkrankenpfleger oder Kindertagespfleger. Assistenzkräfte unterstützen die Erzieherinnen und Erzieher bei der pädagogischen Arbeit im Krippenbereich. Durch sie ist es möglich, die angespannte Personalsituation in Sachsens Kitas zu entschärfen.

Manuela Müller-Stritzke: „Um als Arbeitgeber attraktiv zu sein, haben wir in den vergangenen Jahren verschiedene Instrumente geschaffen. Dazu gehören Erholungsbeihilfe, arbeitgeberfinanzierte Altersvorsorge, leistungsabhängige Gratifikationszahlungen, betriebliche Gesundheitsvorsorge und Unterstützung bei der Gesundheitsprävention. In der Kita „Rosenmühle“ in Nossen und der Kita in Barnitz sollen in diesem und im nächsten Jahr keine Erzieherinnen und Erzieher in Rente gehen. „Wir führen aber laufend Gespräche mit Bewerberinnen und Bewerbern für andere unserer Einrichtungen und können sagen, dass eine Nachbesetzung bisher immer möglich war“, so der Dienststellenleiter der Johanniter Unfallhilfe e.V. in Coswig, Edgar Kaidel.

Dem stellvertretenden Leiter der Kindertagesstätte „Weinbergwichtel“ in Weinböhla, Jens Hoffmann, zufolge, werden dort in nächster Zeit drei Erzieherinnen in den Ruhestand verabschiedet. Bewerber gäbe es zwar keine, aber im Moment seien ausreichend Erzieherinnen und Erzieher angestellt.

„Die Rahmenbedingungen für den Erzieherberuf in Sachsen sind schlechter als in anderen Bundesländern“, findet Andreas Giersch, Sekretär der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Sachsen (GEW). Deshalb würden viele sächsische Absolventen später anderswo Arbeit suchen. Ein Problem sei nicht nur die Bezahlung, sondern die permanente Zeitnot des Personals. „Wir fordern, dass Zeit für Elterngespräche, Dokumentation der Arbeit und Teamberatungen in die Arbeitszeitkalkulation einbezogen wird“, sagt der GEW-Vertreter. Auch sei der Betreuungsschlüssel in Sachsen ungünstiger als in anderen Bundesländern, sprich: Ein Erzieher muss mehr Kinder betreuen. Ein verbesserter Betreuungsschlüssel allerdings erhöht auch den Bedarf an Erziehern.