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Droht jetzt der Schleichverkehr?

Ab 1. Juli müssen Lkw auch auf Bundesstraßen Maut zahlen und könnten auf kleinere Straßen ausweichen. In manchen Dörfern fürchtet man deshalb mehr Lärm.

© Sebastian Schultz

Von Britta Veltzke, Jens Fritzsche und Jörg Richter

Demnächst könnte es an vielen Straßen im Landkreis Meißen lauter werden. Vor allem an Strecken, die sich für tonnenschwere Laster als Schleichweg eignen. Denn ab 1. Juli wird die Maut nicht nur auf Autobahnen, sondern auch auf Bundesstraßen fällig. Die blauen Kontrollsäulen der Firma Toll Collect, die sich ums Kassieren kümmert, stehen schon an zahlreichen Strecken bereit. Sechs sind es allein im Landkreis Meißen. Aber wie groß ist die Gefahr wirklich, dass die Laster jetzt auf Nebenstrecken ausweichen? Die SZ geht dieser Frage nach.

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Die Lkw-Maut-Kontrollstellen im Überblick.
Die Lkw-Maut-Kontrollstellen im Überblick. © Grafik/SZ

Wo könnte es zu Problemen durch Schleichverkehr kommen?

Die B 98 wird laut Glaubitz’ Bürgermeister Lutz Thiemig derzeit als Ausweichstrecke zwischen der A 13 und A 14 genutzt. Aus seiner Sicht wird es durch die Bundesstraßenmaut eine weitere Verlagerung geben, und zwar auf die Riesaer Straße in Richtung Nünchritz (S 88). Auch Zeithains Bürgermeister Ralf Hänsel hält es für möglich, dass Lkw mit einem Ziel im Nord-Westen künftig verstärkt über die S 88 fahren – und zwar bis zur Elbbrücke in Mühlberg, um sich den Weg über die B 169 und die B 182 über Strehla zu sparen. Gerd Barthold, Bürgermeister von Nünchritz, könnte sich vorstellen, dass die Straße durch Goltzscha Richtung Priestewitz noch stärker befahren wird. Der wachsende Verkehr, vor allem von Schüttgut-Lkw, sei dort schon jetzt ein Ärgernis. Gröditz‘ Bürgermeister Jochen Reinicke glaubt hingegen nicht, dass es zu Problemen kommen wird. „Dafür sind die Kontrollmöglichkeiten zu ausgefeilt und das Netz an Bundesstraßen zu dicht.“ Aus Richtung Riesa kommend, könnte über die Verbindung von Merzdorf über Großrügeln ausgewichen werden, heißt es aus Strehlas Rathaus. Das würde jedoch nur Lkw mit Endstation in Strehla nützen. „Bei einer Weiterfahrt in Richtung Torgau oder Mühlberg führt kein sinnvoller Weg an der B 182 vorbei.“ Schleichverkehr war und ist in Riesa immer ein Thema, und zwar in Oelsitz. „Der ausgebaute Abschnitt der B 169 von der Rostocker Straße bis in den berühmten Acker genügt nicht, weil die Lkw davor oder danach sowieso durch Seerhausen müssen. Da fahren viele eben gleich durch Oelsitz“, sagt Stadtsprecher Uwe Päsler. „Dagegen hilft nur der überfällige Weiterbau der B 169, damit die Lkw keinen Grund haben, runterzufahren und sich den Weg durch die Dörfer zu suchen. Mit oder ohne Maut.“ Eine weitere Mautsäule steht laut Stauchitz‘ Bürgermeister Frank Seifert auf der wichtigsten Verbindung zwischen Riesa und der Autobahn: an der B 169 bei Hof. Da das Dörfchen hinter der Landkreisgrenze liegt, ist es auf der Grafik dieses Artikels nicht verzeichnet. „Wir können uns schon vorstellen, dass wieder Schleichwege gesucht werden. Unsere Dörfer werden sicherlich wegen des erhöhten Aufkommens vor neue negative Herausforderung gestellt“, so Seifert. Er befürchtet etwa, dass Lkw künftig verstärkt am ehemaligen Edeka-Lager in Richtung Staucha/Stauchitz oder durch Hof unterwegs sein werden.

Welchen Sinn soll die Bundesstraßen-Maut erfüllen?

Es gehe bei der neuen Maut nicht darum, die „Lkw-Flucht“ von der Autobahn auf Bundesstraßen einzudämmen, heißt es aus dem Wirtschaftsministerium. „Zumal diese Ausweichverkehre nur marginal sind“, so Sprecherin Kathleen Brühl. Die Einnahmen sollen schlicht steigen – und in den Straßenbau fließen.

Droht nun eine weitere Verstopfung der Autobahnen?

Wenn die Bundesstraßen als kostenlose Alternative zu den mautpflichtigen Autobahnen wegfallen, könnte es auch zu einer Zunahme des Lkw-Verkehrs auf den Autobahnen kommen. Doch das sieht das Wirtschaftsministerium anders: „Da bisher nachweislich keine Ausweichverkehre von den Autobahnen auf die Bundesstraßen vorhanden waren, wird durch die anstehende Mautausweitung auch keine Rückübertragung auf die Autobahnen erfolgen.“

Was sagen die Speditionen?

Aus Sicht von Firmenchef Ingo Voigt von der gleichnamigen Riesaer Spedition liegt die Vermutung nah, dass künftig neue Ausweichstrecken gesucht werden. „Allerdings sind die Staatsstraßen noch schlechter ausgebaut. Den Zeitverlust wiegt das, was sie durch die Maut sparen, aber aus meiner Sicht nicht auf. Es bleibt uns also nichts anderes übrig, als die Mehrkosten an unsere Auftraggeber weiterzureichen.“ Die seien darauf bereits vorbereitet, so Voigt. „Dazu kommen derzeit die hohen Dieselpreise.“ Ähnlich sieht das Wieland Richter, Spediteur aus Großenhain und Chef des Verbandes des sächsischen Verkehrsgewerbes: „Aus meiner Sicht macht es keinen Sinn, auf andere Straßen auszuweichen. Da geht es knallhart nach Zeit.“