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Dürfen Wölfe geschossen werden?

200 Menschen demonstrierten in Bautzen gegen das bisher praktizierte Wolfsmanagement. Rückenwind erhalten sie durch eine Forderung des Landrats.

© Uwe Soeder

Von Jana Ulbrich

Bautzen. Carola Tuschmo aus Zescha bei Bautzen hält die erste Rede ihres Lebens. Noch nie hat sie vor Kameras und Mikrofonen gestanden. Aber jetzt! Jetzt redet sich die 48-Jährige alle Sorgen und alle Angst von der Seele. Erzählt, wie das ist, wenn morgens auf der Weide die toten Schafe liegen und – schlimmer noch – die schwer verletzten, von den Wölfen wie im Blutrausch gerissen. „Das kann so nicht weitergehen“, sagt Carola Tuschmo. „Wir bauen mittlerweile Festungen für unsere Tiere, und trotzdem nehmen die Wolfsangriffe zu.“

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Bilder von der Demonstration gegen Wölfe

Fast 200 Menschen hören ihr zu, viermal so viele, wie sie erwartet hatte: Tierhalter aus der ganzen Lausitz sind gekommen, aus der Sächsischen Schweiz, aus Brandenburg, sogar aus Niedersachsen, viele in ihrer Schäfertracht, manche mit Transparenten. Der Förderverein der Deutschen Schafhaltung hat einen Infostand aufgebaut und sammelt Unterschriften. Der Infostand ist beklebt mit Fotos von gerissenen Tieren.

Wolfsmanager wollen die Worte nicht hören

Carola Tuschmo hat zum ersten Mal in ihrem Leben eine Protestdemo organisiert. Die Demonstranten drängen sich am Dienstagnachmittag an der Ecke gegenüber dem Bautzener „Best-Western-Hotel“ zusammen. Im Hotel tagen zur gleichen Zeit die Wolfsmanager aus ganz Deutschland und beraten über neue Maßnahmen zum Herdenschutz. Die Wolfsmanager wollen die Worte der Demonstranten draußen nicht hören. Nach wie vor ist der Schutzstatus des Wolfes in Deutschland eine Heilige Kuh, die keiner schlachtet.

In einer sechsseitigen Presseerklärung begründen die Fachleute vom Lausitzer Wolfsbüro auch umgehend, warum das nicht nötig ist: Statistisch gesehen würden Nutztiere nur ein Prozent der Nahrung der Wölfe ausmachen, heißt es in der Erklärung, und dass die bisherigen Schutzmaßnahmen durchaus erfolgreich seien, wenn sie denn auch angewandt werden.

Tierhaltung ist nicht artgerecht

Die Demonstranten gegenüber sehen das anders. „Wir sind alle betroffen“, sagt ein Wanderschäfer aus Brandenburg. „Wölfe, die nicht in der Wildnis leben, sondern mitten in der Zivilisation, leben nicht artgerecht“, ist er überzeugt, „und Schafe, die wir einsperren müssen, tun das auch nicht.“ Die Forderung der Tierhalter ist deshalb eindeutig: Wölfe müssen wieder bejagt werden dürfen, wenn sie sich in einer Region zum Problem entwickeln. Obwohl das Gesetz das in Ausnahmefällen zulässt, ist die „Entnahme“ von Wölfen aus einem bestimmten Gebiet bisher ein Tabu.

Aber mit zunehmender Wolfsdichte wird vor allem in Sachsen der Ruf nach einer Abschussmöglichkeit immer lauter. Der Landesjagdverband hat das jetzt öffentlich gefordert und auch der Landesbauernverband. Der Bautzener Landrat Michael Harig (CDU) hat beim Sächsischen Umweltministerium offiziell einen Antrag auf „Entnahme“ des Rosenthaler Rudels gestellt. Das Wolfsrudel, das in der Region nordöstlich von Kamenz lebt, gilt inzwischen als besonders problematisch. Mehr als 150 Schafe wurden in seinem Territorium bereits gerissen. Die Wölfe haben offenbar gelernt, die bisher als sicher geltenden Schutzzäune zu überspringen und lassen sich auch vom Flatterband nicht abschrecken, das die Tierhalter seit Kurzem als zusätzlichen Schutz verwenden. Das Umweltministerium hat den Antrag Harigs abgelehnt. Der Landrat hat seine Forderung inzwischen erneuert und mit neuen Zahlen und Fakten begründet. Die Antwort aus Dresden steht noch aus.

Tierhalter dürfen nicht aufgeben

„Wir haben hier eine Konfliktsituation“, sagt Michael Harig. Er ist überzeugt, dass der Artenschutz nicht länger gegen die Interessen der Menschen durchgesetzt werden könne. „Der Schutz der Wölfe darf nicht dazu führen, dass Tierhalter aufgeben“, sagt der Bautzener Landrat.

Genauso sehen das auch die Demonstranten vor dem Tagungshotel. „Wir wollen den Wolf ja nicht ausrotten“, sagt Andrea Wiedmer, die aus Kaltwasser bei Horka nach Bautzen gekommen ist. Erst vorige Woche hat ihr Mann mehr als ein Dutzend Schafe in einer Nacht verloren. Sie waren vorschriftsmäßig eingezäunt. „Die Schafe sind unsere Existenz“, sagt sie. „Es kann doch nicht sein, dass der Naturschutz Existenzen gefährdet.“ Sie traut sich ebenfalls vors Mikrofon. „Das kriegen wir doch nicht mehr beherrscht“, ruft sie und bekommt lauten Beifall. Die Wolfsmanager, die gegenüber zum Herdenschutz tagen, hören sie nicht.