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Zittau

Durch Zufall brisant

In Zittau hatte am Sonnabend „Die Anarchistin“ Premiere. Leider ist es nicht so spannend, wie das Thema verspricht.

"Die Anarchistin" mit Sabine Krug (links) und Renate Schneider am Gerhart-Hauptmann-Theater Zittau,
"Die Anarchistin" mit Sabine Krug (links) und Renate Schneider am Gerhart-Hauptmann-Theater Zittau, © Pawel Sosnowski

Das Attentat von London hat dem Zwei-Personen-Stück „Die Anarchistin“, dessen Zittauer Inszenierung am Sonnabend Premiere hatte, eine unheimliche Aktualität verliehen. Während in diesen Tagen gefragt wird, wie der Attentäter von London, ein 2012 verurteilter Terrorist, vorzeitig auf Bewährung entlassen werden konnte, fragt im Stück die ehemalige Terroristin Cathy (Sabine Krug), ob sie nach 35 Jahren Haft, immer wieder bekräftigtem Schuldbekenntnis, innerer Läuterung und Hinwendung zum christlichen Glauben endlich entlassen werden könne. Ihr Vater sei alt, er brauche Pflege und solle noch Gelegenheit bekommen, ihr – einer ehemaligen Polizistenmörderin – zu vergeben. Ihre Vernehmerin Ann (Renate Schneider) beharrt als pflichttreue Vertreterin des Staates jedoch darauf, dass Cathy nach wie vor eine Gefahr für die Menschen sei und die Angehörigen der Opfer ihre Inhaftierung bis zu ihrem Lebensende forderten.

Das Thema Terrorismus und Haltung zu Tätern ist ohne Frage wichtig in Zeiten, da auch deutsche Großstädte vor Gewaltakten nicht sicher sind. Aber musste das Gerhart-Hauptmann-Theater gerade dieses Stück auswählen, um das Anliegen auf die Bühne zu bringen? Der Text stammt vom US-amerikanischen Dramatiker, Regisseur und Pulitzer-Preisträger David Mamet, der unter anderem die Drehbücher so großer Filme wie „Wenn der Postmann zweimal klingelt“ mit Jack Nickolson und Jessica Lange, „Die Unbestechlichen“ mit Kevin Costner und Sean Connery oder „Hannibal“ mit Anthony Hopkins geschrieben hat. „Die Anarchistin“ von 2011 zählt jedoch offenbar nicht zu seinen stärksten Werken. Obwohl das Stück auf der Zittauer Studiobühne in der Inszenierung von Christiane Müller nur eine Stunde und zehn Minuten dauert, zieht sich der Dialog zwischen den beiden Frauen in die Länge. Bis man endlich verstanden hat, was Cathy getan hat, ist unter den politischen Details und kleinlichen Vorwürfen der Vernehmerin die Hälfte des Stückes schon vergangen. Diese langsame Enthüllung ist weder trickreich noch spannend, sondern einfach nur zäh. Dass die Bühne von Antonia Kamp nur den Vernehmungsraum mit Tisch und zwei Stühlen zeigt, ist dem Text geschuldet, trägt aber nicht gerade zu mehr Dynamik bei.

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Die beiden Darstellerinnen und langjährigen Zittauer Ensemblemitglieder bemühen sich redlich, die Masse an Text möglichst lebendig und authentisch zu gestalten. Mit variierenden Haltungen und Positionen im Raum versuchen sie, ihren Dialog zu echten Szenen werden zu lassen. Vor allem, als Cathy, die sich 35 Jahre lang mit ihrer Schuld, ihrer politischen Haltung und ihrer Beziehung zu Jesus Christus auseinandersetzen konnte, Anns wunden Punkt berührt, gelingt dies sehr glaubwürdig. Cathy weiß, dass Ann – beide Figuren sind an die 60 – ihre Gefühle, ihre Sexualität, ihre Liebe und Lebendigkeit unterdrückt und für ein Leben in irrationalem Pflichtbewusstsein geopfert hat: und so zu einer Frau geworden ist, die sich voyeuristisch von den Schwächen anderer „ernährt“ und damit Macht über sie gewinnt.

Berührt zu werden, ob emotional oder tatsächlich, ängstigt die Justizbeamte. Und die ehemalige Terroristin testet diese Grenze aus, etwa indem sie, nun überlegen, Anns Wange berührt. Renate Schneider zuckt zurück und spielt glaubhaft die Bedrängung einer Frau, die um ihre Kontrolle fürchtet. Die Härte, die zur Rolle der Vernehmerin gehört, den Druck, mit dem Ann zu erreichen versucht, dass Cathy ihre Komplizin und einstige Geliebte verrät, nimmt man der Schauspielerin aber nicht ganz ab. Sabine Krug ist als Cathy sehr überzeugend, im Wechselspiel zwischen der moralisch Überlegenen, der Verletzten, der Bittenden, die vielleicht ihre Läuterung doch nur vortäuscht, der sich in Sicherheit Wiegenden, als ihre Vernehmerin einen Fehler macht, und der Resignierten, die ohnmächtig gegenüber Macht und Willkür ist. Obwohl aktuell viele empört über zu schwache Bestrafungen von Gewalttätern sind: Die Härte eines unnachgiebigen Staates und die Kälte seiner Diener bleibt auch auf der Zittauer Bühne unsympathisch.

Das Premierenpublikum belohnte das Team mit reichlich Applaus.

Weitere Termine in Zittau am 6. 12., 19. 1., 31. 1., 9. 2. und 3. 4.

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