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Durchgezählt

Wer liest am meisten? Und was? Die Bibliotheken der Region haben für die SZ nachgeforscht.

© Matthias Weber

Von A. Beutler, R. Altmann-Kühr, S. Sodan, H. Gutte, M. Sefrin

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Region. Karin Thau weiß genau, wie viele Bücher sie und ihre Helfer in den vergangenen Tagen geschleppt haben: 8 000 waren es. Die Bernstädter Bibliothek zieht gerade um, vom Obergeschoss ins Erdgeschoss des Heimatmuseums, in dem auch die Bücherei ihren Platz hat. Im Erdgeschoss wird sie in Zukunft gerade für ältere Bernstädter, die vielleicht nicht mehr so gut zu Fuß sind, leichter erreichbar sein. In das Zimmer im Obergeschoss wird dafür das Dokumenten-Archiv des Museums ziehen. Großes Um- und Ausräumen ist im Heimatmuseum Bernstadt gar nichts Neues mehr. Seit 2016 wird das gesamte Gebäude saniert. Nächster und letzter Schritt ist das Obergeschoss. Das Dachgeschoss ist bereits fertig, das Erdgeschoss auch: Die Wände im künftigen Bibliotheksraum – gleich links, wenn man das Heimatmuseum betritt – sind in zartem Beige gestrichen, der Boden mit frischem, gelbem Belag überzogen. Ein Viereck im Belag ist grün, statt gelb. Kommt dort die Ausleihtheke hin? Nein, sagt Karin Thau, der grüne Bereich wird die Ecke für die Kinderbücher. „Die Theke kommt neben die Tür“, sagt sie.

Ihr steht noch viel Arbeit bevor: Die Bücherregale, die diese Woche nach unten getragen wurden, müssen wieder eingeräumt werden. Aber Karin Thau freut sich darauf, die Besucher bald in den neuen Räumen empfangen zu können – und nutzt die Möglichkeit für eine Inventur. So wie in Bernstadt gibt es auch in anderen Gemeinden Orts- oder gar Ortsteilbibliotheken. Hier ein Überblick über die derzeitige Lage:

Zahlen: Leserstamm und Ausleihen bleiben generell konstant

In Oderwitz, Eibau, Bernstadt sowie den Herrnhuter und Mittelherwigsdorfer Ortsteilbibliotheken sind die Besucherzahlen generell konstant. Das bestätigen die Leiter und Mitarbeiter der Einrichtungen. Die Größe und vor allem der Umfang der Öffnungszeiten sind dabei im Einzelnen sehr unterschiedlich: Sind beispielsweise in Berthelsdorf und Herrnhut im vergangenen Jahr 329 beziehungsweise 928 Besuche von Gästen registriert worden, waren es in Oderwitz im Schnitt zwischen 550 und 600 pro Jahr. In Bernstadt sind 510 Leser derzeit in der Bibliothek angemeldet. „Ich denke, etwa 370 sind ganz aktive Leser“, erklärt Karin Thau. Auch ausgeliehen wird kräftig: Bis zu 33 000 Ausleihen verzeichnet beispielsweise die Oderwitzer Bibliothek pro Jahr. Die Bernstädter Bibliothek kommt für vergangenes Jahr auf 7 600 Ausleihen. 2017 galten in Bernstadt allerdings Ausnahmebedingungen, wegen der Schließzeiten durch die Bauarbeiten am Gebäude. In den Vorjahren lag die Zahl der Ausleihen bei über 9 000.

Bücherfans: Bibliotheken profitieren von Kitas und Schulen

Oderwitz und Berthelsdorf liegen einfach günstig: Schule beziehungsweise Kita sind gleich nebenan und davon profitieren die Büchereien spürbar: „Die Bibliothek wird von den Grundschulkindern sehr gut genutzt“, freut sich Steffi Seliger von der Oderwitzer Bibliothek. Und wenn die Grundschüler zu Gast kommen, bringen sie gleich Geschwister oder Eltern und Großeltern mit. Ein ähnliches Phänomen kennt auch Katrin Teichgräber in Berthelsdorf: Dort stöbern die Familien nach dem Kitabesuch gern einmal in der Bibo gegenüber. Auch in Eibau hat die Anzahl der lesefreudigen Kinder in den vergangenen Jahren zugenommen. In Mittelherwigsdorf dominieren hingegen Besucher zwischen 50 und 60 Jahren, erklärt Marion Mosig von der Oberseifersdorfer Bibliothek. Karin Thau in Bernstadt sagt, die größte Gruppe seien die Leser im Alter von 45 bis über 70 Jahren. „Kinder unter sechs Jahren, die mit ihren Eltern kommen, sind auch viele dabei“, sagt Frau Thau. „Grundschüler hatte ich früher allerdings deutlich mehr hier.“ Anders war das, als Bernstadt noch eine Grundschule hatte.

Lieblingsstücke: Jede Bibliothek beobachtet eigene Trends

Katrin Teichgräber von der Berthelsdorfer Bibliothek hat einen besonders eifrigen Hörbuch-Fan. Der Besucher komme regelmäßig und bringt es im Jahr auf bis zu 300 Hörbücher, freut sie sich. Auch in Oderwitz steigt die Fangemeinde der kleinen und großen Hörbuchfans seit Jahren stetig. Hier hat sich innerhalb von zwei Jahren auch die Ausleihe von Brettspielen sehr gut etabliert, bestätigt Frau Seliger. Allerdings ist eine solche Auswahl auch nicht in allen Bibliotheken vorrätig. Alle greifen jedoch auf die Möglichkeiten der Kreisergänzungsbibliothek zurück: Bei der Christian-Weise-Bibliothek in Zittau können die Büchereien Wünsche ihrer Leser bestellen, die dann den Lesern vor Ort zur Ausleihe zur Verfügung stehen. „So hat man eine schöne Abwechslung auch an neuen Werken“, betont Herrnhuts Fremdenverkehrschef Konrad Fischer. Auch für Karin Thau in Bernstadt ist die Christian-Weise-Bibliothek sehr wichtig. Sie fährt jede Woche nach Zittau, um interessante Neuerscheinungen und Wunschbestellungen für ihre Leser zu holen. Denn Geld für eigene Anschaffungen haben die meisten Gemeinden nicht in Größenordnungen eingestellt.

Geschenke: Neue Bücher werden gern genommen

Erst in dieser Woche hat die Oberseifersdorfer Bibliothek Reisebeschreibungen über Pakistan und Indien erhalten. Und etwa 100 Bücher gab es kürzlich auch von fantastischer Literatur, berichtet Frau Mosig. Beschenken lassen sich die Ortsbüchereien alle gern – vor allem mit aktuellen, wenig gelesenen Werken. „In unserer Wegwerfgesellschaft ist das Weitergeben an eine Bibliothek sicher eine gute Sache“, schätzt auch die Oderwitzerin Seliger ein. Genauso sieht es Karin Thau in Bernstadt. Gekauft, gelesen, verschenkt: Auch in Bernstadt sei es nicht selten, dass Leser Bücher vorbeibringen. „Die sind fast immer in einem Topzustand“ sagt Karin Thau. „Vergangenes Jahr waren viele Kinderbücher dabei, das hat mich sehr gefreut.“