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Dynamos Plan B

Die Dresdner wollen mal alles anders machen, doch erfolgreich sind sie auch damit nicht. Was nun?

© Fotostand

Von Sven Geisler

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Journalisten sind eine heimtückische Spezies. Besonders jene, die über Dynamo Dresden berichten. Sie hatten doch den Wechsel geradezu heraufbeschworen nach dem 1:3 gegen den FC St. Pauli. Müsste man sich nicht mal hinten reinstellen und den Gegner kommen lassen? Von der Tabelle her ist man Außenseiter, zudem auswärts sowieso nicht in der Pflicht, das Spiel zu machen. Auf Konter lauern, ein Tor erzielen, einen dreckigen Sieg einfahren.

Nun haben sie es genauso gemacht in Sandhausen, also bis auf das Tor, das war am Ende ihr Pech. Trotzdem steht Florian Ballas wieder vor den Mikrofonen und soll diesmal erklären, warum sie in der Offensive so wenig Mut gezeigt haben. Seine Antwort: „Ihr habt doch am Donnerstag noch die Frage gestellt, ob man vielleicht etwas am System ändern müsste.“ Niemand sollte jetzt davon ausgehen, dass die Medien die Macht hätten, die Spielweise zu beeinflussen. Das wäre wirklich zu viel der Ehre.

Natürlich hat es Uwe Neuhaus entschieden, in Absprache mit der Mannschaft und aus gutem Grund. Der Trainer erklärt die taktische Neuausrichtung damit, dass Sandhausen im Hinspiel das System seiner Mannschaft entschlüsselt hatte. Dynamo wurde im eigenen Stadion mustergültig ausgekontert, die Klatsche fiel mit dem 0:4 deftig aus. „Die wollten wieder genau das: Dass wir Fußball spielen, dass wir mutig agieren“, meint Manuel Konrad. „Aber wir haben ihnen nicht in die Karten gespielt.“

Sondern den Gegner überrascht. Das gibt sogar Kenan Kocak zu. Mit einer Doppelspitze von Anfang an hatte der SVS-Coach die Dresdner nicht erwartet. Noch viel weniger aber wohl damit gerechnet, dass hinter der vermeintlich offensiveren Aufstellung eine defensive Idee steckt. „Wir wollten nicht wieder für die Attraktivität des Spiels zuständig sein und am Ende mit leeren Händen dastehen“, erklärt Neuhaus. Deshalb greift sozusagen der Plan B: Dynamo soll abwarten. Das sei defensiv zu hundert Prozent aufgegangen. Und nach vorn mehr mit dem lang geschlagenen Ball agieren, den die Stürmer auf die schnellen Außenspieler ablegen. „Das ist nicht so ganz aufgegangen“, meint der Trainer.

Deshalb hat auch Teil drei des Plans nicht funktioniert: mehr Präsenz im Strafraum bei Flanken. 22-mal war der Ball gegen St. Pauli reingeflogen, nur fand er keinen Abnehmer. In Sandhausen kamen nun aber gerade mal vier Eingaben, die Stürmer „hatten es nicht leicht“, sagt Konrad. Wirklich torgefährlich wird Dynamo nur nach Standards. Man könnte den Schluss ziehen, der Systemwechsel habe nichts gebracht außer Ergebniskosmetik: diesmal eben nur 0:1 verloren. Das Gegentor fällt jedoch nach dem Platzverweis für Haris Duljevic, als die taktische Ausrichtung ohnehin über den Haufen geworfen ist.

Keinen Stürmer in Reserve

Zwei Angreifer bleiben eine Variante, aber für Dynamo eher nicht von Anfang an. Im Moment nicht. Erstens fehlt dann ein kreativer Spieler im Mittelfeld, zwischen Abwehr und Angriff klafft eine Lücke. Das wiederum hat zur Folge, dass die Spitzen selten gezielt eingesetzt werden, sondern eher als Luftkämpfer gefragt sind. Der zweite Grund könnte noch entscheidender sein: Es fehlt eine offensive Option, um in der Schlussphase reagieren zu können. Neuhaus brachte erst Kreuzer, also einen Verteidiger mit Drang nach vorn, dann Aias Aosman, einen spielintelligenten Mittelfeldmann, der in dieser Saison jedoch erst zwei Tore erzielt hat.

Das Problem: Es war kein Stürmer mehr in Reserve. Eero Markkanen hat sich aus dem Staub gemacht, für den erst 17 Jahre alten Vasil Kuseij käme ein Zweitliga-Einsatz unter dem Druck der derzeitigen Situation zu früh und Pascal Testroet ist nach seinem Kreuzbandriss einige Wochen vom Comeback entfernt. Bisher gibt es keinen echten Ersatz für den zum meistbietenden Ligakonkurrenten FC Ingolstadt abgewanderten Torjäger Stefan Kutschke.

Dynamo müsste also eine Verstärkung für die Offensive holen, und zwar unabhängig von der taktischen Formation. Bis Mittwoch, 18 Uhr, ist das sogenannte Transferfenster geöffnet. Es sei nicht auszuschließen, dass noch einer kommt, meint Ralf Minge auf Nachfrage. Der Sportgeschäftsführer wiederholt, wie schwierig es ist, im Winter jemanden zu finden, der sportlich sofort weiterhilft sowie menschlich und finanziell passt. Das gilt für alle Positionen, und Stürmer sind besonders begehrt.

Dynamo braucht Lösungen, denn das Heimspiel am Sonntag gegen den VfL Bochum wird nun wieder mal ein Kellerduell. Und von den Journalisten kommt diesmal direkt nach dem Abpfiff kein guter Rat, wie sie das anzugehen haben.