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Dynamos vergeblicher Kampf

Sie geben alles im Ost-Duell bei Energie Cottbus aber das reicht nur zum 0:0, auch weil Ouali einen Elfmeter verschießt.

© dpa

Von Sven Geisler und Tino Meyer, Cottbus

Das ist kein normales Spiel. Ein Ost-Duell, manche nennen es Derby, sei es drum. Die regionale Nähe ist an diesem Freitagabend nicht entscheidend, sondern die in der Tabelle. Energie Cottbus empfängt Dynamo Dresden zum Kellerduell in der 2. Fußball-Bundesliga. Also ein Spiel, das „immense Bedeutung besitzt, richtungsweisend ist, finalen Charakter hat“, wie es Olaf Janßen sagt. Dynamos Trainer vermeidet das Wort Endspiel, „weil noch fünf Spieltage ausstehen“, aber er verweist auf die Konstellation. Ein Sieg, egal für wen, hätte „dramatische Folgen“.

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Das Dynamo-Spiel in Bildern

Kurz vor der Pause kann Idir Ouali die Weichen für Dynamo stellen. Linksverteidiger Thorsten Schulz wird bei seinem Ausflug in den Cottbuser Strafraum von Rivic attackiert und kommt zu Fall. Schiedsrichter Günter Perl entscheidet auf Elfmeter, und Ouali schnappt sich den Ball, Kapitän Romain Bregerie gibt ihm gute Wünsche mit auf den Weg zum Punkt. Doch beim Anlauf muss dem 25-Jährigen das Herz in die Hose gerutscht sein, denn sein Schüsschen fängt Energie-Torwart René Renno beinahe sicher. Kläglich. „Dass wir zu wenig aus unseren Möglichkeiten vorn machen, als dass wir dafür den Fußballgott verantwortlich machen könnten“, ärgert sich Janßen seit Monaten.

So auch in Cottbus, weil sie das Runde nicht ins Eckige bringen. Und einen zweiten Elfmeter nicht kriegen, als Madouni der Ball beim Abwehrversuch an die Hand springt. Es bleibt beim 16. Unentschieden – und schon wieder torlos.

Das Dynamo-Zeugnis

Die SZ-Noten:

1 = überragend

2 = stark

3 = solide

4 = mangelhaft

5 = enttäuschend

6 = indiskutabel

Benjamin Kirsten: Note 3

Hält stark gegen Fetsch (36.) Und hat das Glück bei Takyis Fernschuss an den Pfosten (68.) auf seiner Seite.

Thorsten Schulz: Note 3

Sein erster und einziger wirkungsvoller Vorstoß endet mit dem Elfmeterpfiff. Nutzt Rivic‘ ungestümes Einsteigen.

Romain Bregerie: Note 4

Der Kapitän macht eigentlich nur einen Fehler. Er überlässt Ouali den Elfmeter, obwohl er eingeteilt war.

Toni Leistner: Note 3

Rettet zwei, dreimal als letzter Mann, leitet in der ersten Hälfte ungewollt aber auch Energies beste Chance ein.

Cheikh Gueye: Note 3

Der zweikampfstärkste Spieler an diesem Abend. Seine eigentliche Stärke, den Offensivdrang, kann er nicht so einbringen.

Anthony Losilla: Note 3

Fordert den Ball, bringt sich ein, treibt den Spielaufbau voran. Das einzige Manko ist diesmal die fehlende Torgefährlichkeit.

Christoph Menz: Note 4

Schwachpunkt in der kämpferisch überzeugenden Elf, was am Zweikampfverhalten und emotionslos wirkendem Spielstil liegt.

Idir Ouali: Note 4

Sechs Schüsse, kein Treffer. Und das Schlimmste daran: Der schlechteste Versuch ist der vom Elfmeterpunkt. Baut nach der Pause ab.

Tobias Kempe: Note 3

Er spielt kaum weniger Fehlpässe als in der Vorwoche, dafür aber wesentlich engagierter, mit Zug zum Tor. Doch er verpasst die große Chance zur Führung, als sein Schuss abgeblockt wird (77.).

Marvin Stefaniak: Note 3

Der Jüngste ist der Auffälligste – in der Anfangsphase. Kann an den furiosen Auftakt danach allerdings nicht anknüpfen.

Robert Koch: Note 3

Kommt nicht zu mehr Chancen als die degradierten Poté und Dedic. Rennt und kämpft aber mehr als beide zusammen.

Mickael Poté: Note 3

Muss 63 Minuten auf seine Bewährungschance warten. Nutzt sie leidlich,

Vincenzo Grifo: Note 4

Auch er muss lange auf der Bank sitzen. Dass dies kein Fehler ist, zeigt er danach.

Nicht zu bewerten: Cristian Fiel

1 / 15

Wie viel auf dem Spiel steht, verdeutlicht schon ein Blick auf die Ränge. 18.500 Zuschauer – eine solche Kulisse hatte es in Cottbus schon lange nicht mehr gegeben, ausverkauft war das Stadion der Freundschaft zuletzt im September 2012 bei der Partie gegen Hertha BSC. Zu den 14 Heimspielen dieser Saison kamen durchschnittlich nur 9 124 Fans, das sind weniger als in der letzten DDR-Oberliga-Saison 1989/90 mit damals 11 069.

„Man muss die Ruhe bewahren in der aufgeheizten Atmosphäre“, hatte Energie-Coach Jörg Böhme gesagt. „Wer zuerst den Kopf verliert, verliert am Ende das Spiel.“ Sein Kollege Janßen kündigte an, seine personellen Konsequenzen nach der Nullnummer gegen Sandhausen werde man an der Startelf sehen – und er macht Ernst. Das form- und zuletzt einsatzschwache Sturm-Duo Mickael Poté/Zlatko Dedic blieb draußen. Außerdem musste Vicenzo Grifo weichen. Neu ins Team rücken Robert Koch als Sturmspitze, Marvin Stefaniak auf Linksaußen und Christoph Menz im defensiven Mittelfeld. Taktisch agiert Dynamo im 4:2:3:1-System, Tobias Kempe rückt in die offensive Dreierreihe.

Auch bei Energie gibt es eine Überraschung: Torjäger Boubacar Sanogo, der schon zehn Mal getroffen hat, bleibt auf der Bank. Er schlappt vor dem Anstoß gemeinsam mit Poté über den Rasen zu seinem ungewohnten Sitzplatz. Von dort sehen beide dann, wie die Dresdner nach einer kurzen Orientierungsphase zuerst die Initiative übernehmen. Der Plan ist klar. „Entscheidend wird sein, dass wir in der Umschaltbewegung nach vorn besser agieren, entschlossener sind und die Kugel mal reinbringen“, erklärt Janßen.

Energie mit klareren Chancen

Letzteres aber bleibt das Problem. Stefaniak traut sich zwar was, zieht zweimal ab, aber einmal geht der Ball drüber, dann ist Renno im kurzen Eck, klärt zur Ecke. Koch fehlen nach Kempe-Freistoß ein paar Zentimeter zum Kopfball, Kempe selbst die Schusskraft. Zwischenfazit nach einer halben Stunde: viel Aufwand, wenig Ertrag, Nichts Neues also im Osten. Cottbus berappelt sich, auch wenn Marco Stiepermann wegen Gelb-Rot-Gefahr zeitig raus muss (37.). Plötzlich hat Energie die beste Chance, aber Benjamin Kirsten pariert überragend gegen Mathias Fetsch, und als der ins Tor schießt, hat Perl gepfiffen: Ahmed Madouni hat gegen Cheikh Gueye das Bein zu hoch. Nach dem verschossenen Strafstoß ist klar: Die zweite Halbzeit wird ein Kampf auf Biegen und Brechen.

Kein Problem, meint jedenfalls Janßen, und er lebt die Leidenschaft an der Seitenlinie vor. „Wir haben nicht die Wochen und Monate gearbeitet wie verrückt, sind körperlich in einem Top-Zustand, um uns vom Gegner abkochen oder niederrennen zu lassen“, erinnert der Chefcoach seine Jungs in der Kabine: „Ich erwarte von meiner Mannschaft, dass sie genau das jetzt auf den Platz bringt, wofür wir die ganze Zeit geschuftet haben.“ Es fehlt nicht am Willen, am Einsatz. „Wir müssen den Sieg erzwingen mit Kampf und Verstand“, hatte Schulz angekündigt – und den springenden Punkt genannt: „Wir müssen halt das eine Tor schießen.“

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Aber wie, wenn Fehlpässe keinen Kombinationsfluss zulassen? Aus Kampf wird Krampf, so etwas nennt man einen offenen Schlagabtausch, mit Dresdner Übergewicht. Ouali versucht es zweimal aus der Distanz, aber auch das ist nicht wirklich gefährlich. Anders auf der anderen Seite, als erst Erik Jendrisek den Ball quer am Tor entlangschiebt und dann Charles Takyi freistehend aus Nahdistanz den Abschluss verweigert. Dynamo strapaziert das Glück. Und Janßen bringt Poté, ein zweiter Stürmer für den defensiven Menz. Ein Signal? Koch zieht aus 18 Metern ab, das Netz zappelt, aber der Ball springt nur obendrauf. Cottbus kommt dem Treffer wieder näher: Takyi aus 20 Metern an den Pfosten.

Das Spiel kann in beide Richtungen kippen, aber auch Kempe prallt am roten Abwehrriegel ab. Sie wollen den Sieg, aber so abgedroschen es ist: Wer keine Tore schießt, kann nicht gewinnen.