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Eifersuchtsattacke mit einem Kissen

Ein Inder soll seine Frau tyrannisiert und versucht haben, sie umzubringen. Nun verstrickt er sich in Widersprüche.

Von Yvonne Popp
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© Symbolfoto: dpa

Ein Alkoholproblem hat Chirag P. nicht erst, seit er in Deutschland lebt. Schon in seiner Heimat Indien trank er regelmäßig und wohl auch recht exzessiv. Seiner Frau, die eine Kaste unter ihm stand, soll das nichts ausgemacht haben. Sie hatte ihn trotz seiner Trinkerei geheiratet. Nach zwei gescheiterten Versuchen, ein eigenes Geschäft aufzubauen, floh Chirag P. mit seiner Frau vor seinen Gläubigern nach Deutschland. Die beiden gemeinsamen Kinder ließ das Paar in Indien bei den Großeltern zurück.

2017 eingereist, lebte das Paar bis vor Kurzem in Sebnitz. Während die Frau auf sozialer Ebene Anschluss und später auch Arbeit suchte, trank ihr 48-jähriger Mann meist den ganzen Tag. Oft kam es zu Streitigkeiten, weil Chirag P. nicht wollte, dass seine Frau Behördentermine ohne ihn wahrnahm oder sich auch alleine mit Freunden traf. „Sie hat ein Verhältnis mit einem Pakistani“, beschwerte sich P. am Landgericht in Dresden, wo er sich seit Dienstag wegen versuchten Totschlags verantworten muss.

Er soll, so lautet die Anklage, seine Frau über Monate hinweg immer wieder misshandelt haben, in dem er sie an den Haaren durch die gemeinsame Sebnitzer Wohnung gezogen und dabei auch geschlagen hatte. Am Abend des 14. August 2018 eskalierte die Auseinandersetzung schließlich. Da soll P. versucht haben, seine Frau mit einem Kissen zu ersticken. Dabei hatte er wohl auf ihr gekniet und ihr das Kissen minutenlang auf das Gesicht gedrückt. Die Frau bekam Atemnot und Panik. Sie wehrte sich nach Kräften. Schließlich soll es ihr gelungen sein, ihrem Mann so heftig in die Hand zu beißen, dass er von ihr abließ. Anschließend floh die Frau und rief nach Hilfe.„In 19 Jahren Ehe habe ich meine Frau nur ein einziges mal geschlagen und das war an diesem Abend“, jammerte P. zum Prozessauftakt. Da habe er sich aber nur gewehrt, weil sie ihm zuvor in die Brust geboxt hatte. Das Kissen habe er ihr dann lediglich nur nachgeworfen, behauptete der Inder weiter.

Ob diese Schilderung der Wahrheit entspricht, ist mehr als zweifelhaft. Sowohl bei der Polizei als auch beim Ermittlungsrichter hatte Chirag P. im Vorfeld völlig verschiedene Angaben gemacht. Einmal hatte er sogar erzählt, seine Frau sei es gewesen, die versucht habe, ihn mit dem Kissen zu ersticken. Ungereimtheiten gab es auch bei den persönlichen Angaben. Auf verschiedenen Dokumenten waren sowohl Geburtsdatum als auch Geburtsort unterschiedlich angegeben. Mal hatte der Angeklagte bestätigt, zwei Kinder zu haben, dann wiederum behauptete er, kinderlos zu sein. Weiter erzählte er, am Tattag nur zwei Bier und eine kleine Flasche Schnaps getrunken zu haben, dann wieder, dass er schon morgens mit dem Trinken begonnen und im Laufe des Tages zweieinhalb große Flaschen Wodka und Whisky geleert hatte. Das kam der Wahrheit wohl am nächsten. Eine Blutprobe, entnommen am Morgen nach der mutmaßlichen Tat hatte einen Blutalkoholwert von 2,02 Promille ergeben.

In den nun folgenden Prozesstagen muss die Schwurgerichtskammer unter Vorsitz von Richter Herbert Pröls versuchen, so genau wie möglich aufzuklären, was an dem 14. August 2018 wirklich passiert ist. Keine leichte Aufgabe angesichts des Aussageverhaltens von Chirag P. Dazu muss neben zahlreichen anderen Zeugen auch dessen Frau gehört werden. Sie ist nach dem Gewaltschutzgesetz mittlerweile an einem anderen Ort untergebracht worden, von dem selbst das Gericht bis jetzt keine Kenntnis hatte. Durch einen Zeugen soll nun ein Kontakt hergestellt werden, sodass die Frau zur Verhandlung geladen werden kann. Ihre Aussagen werden für den zweiten Verhandlungstag erwartet. Auch soll ein psychiatrisches Gutachten Auskunft über die Schuldfähigkeit des Angeklagten geben, denn neben dessen Alkoholsucht könnten auch Vorerkrankungen eine nicht unerhebliche Rolle spielen. Zudem hatte er während der Untersuchungshaft versucht, sich umzubringen. Der Prozess wird fortgesetzt. Das Urteil soll Mitte Februar fallen.