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Eigene Talente statt internationaler Profis

Nach 20 Jahren Abwesenheit startet wieder eine junge DSC-Turnriege in der 1. Bundesliga. Dabei ist auch ein Talent aus dem Landkreis.

© ronaldbonss.com

Von Alexander Hiller

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Geschenke gibt es bereits vor dem großen Abenteuer. Neue Trainingsanzüge, beinahe weihnachtlich verpackt. Die sieben jungen Turnerinnen vom Dresdner SC reißen die Päckchen ganz unromantisch einfach auf und strahlen.

Dieses Team will sich in der 1. Liga behaupten: Julia Vietor, Lucienne Fragel, Maria Sonntag, Sophia Viertel, Josefine Benad und Jule Mehnert (v.l.) sowie Trainer Tom Kroker und Mia Neumann. Auf dem Bild fehlt die Chemnitzerin Lea Marie Quaas. Foto: kairo
Dieses Team will sich in der 1. Liga behaupten: Julia Vietor, Lucienne Fragel, Maria Sonntag, Sophia Viertel, Josefine Benad und Jule Mehnert (v.l.) sowie Trainer Tom Kroker und Mia Neumann. Auf dem Bild fehlt die Chemnitzerin Lea Marie Quaas. Foto: kairo © kairospress

Eine solch neue Trikotage ist offenbar nicht selbstverständlich. Und die sportliche Herausforderung ist es auch nicht. Die Riege aus Dresden hat den Aufstieg in die 1. Turn-Bundesliga gewagt – nach 20 Jahren Abwesenheit. Sportlich hatte die Mannschaft von Cheftrainer Tom Kroker den Sprung knapp verpasst. Da sich TuS Chemnitz-Altendorf jedoch aus dem Oberhaus zurückgezogen hatte, wurde ein Platz frei – den nimmt der DSC als Gesamtzweiter der 2.  Bundesliga selbstbewusst wahr.

Am Sonnabend beginnt der Liga-Wettstreit in Stuttgart, drei weitere Termine folgen: am 24. März in Waging am See, am 14. April in Monheim und am 17. November in Berlin. „Die Aufgabe wird schwer, wir alle wissen ja, dass wir uns nicht sportlich qualifiziert haben, sondern über einen Verzicht aufgestiegen sind“, verdeutlicht Tom Kroker. Zumal die Aufstiegsmannschaft qualitativ sogar etwas besser besetzt war als die aktuelle. Denn mit Marlene Bindig, Susann Marie Beck und Lisa-Marie Schulz haben drei Leistungsträgerinnen ihre Karrieren beendet.

Diese Abgänge kann die Turnabteilung des Dresdner SC noch nicht adäquat ersetzen. Auch wegen aktueller Verletzungsprobleme: Lucienne Fragel hatte sich im Training Ende des letzten Jahres beide Ellenbogen gebrochen und steht erst wieder seit drei Wochen im lockeren Training. „Wenn sie wieder richtig fit ist, sind wir sportlich stärker als in der Vorsaison“, versichert Tom Kroker. Zunächst müssen der 15-Jährigen aber Ende März die Schrauben und Plättchen aus den Armen entfernt werden.

Zumindest theoretisch hätte der DSC sich internationale Verstärkungen einkaufen können. Eine Ausländerin könnte an jedem der vier Geräte das jeweils einsatzberechtigte DSC-Quartett vervollständigen. Bei anderen Erstliga-Vereinen ist das üblich. „Für uns gehört das aber nicht zu unserer Klubphilosophie“, sagt Kroker. Mal abgesehen davon, ob sich die Sachsen eine solche Verstärkung überhaupt leisten könnten. Denn der Erstliga-Etat ist mit 5 000 bis 6 000 Euro übersichtlich.

Also hat der Dresdner SC eine siebenköpfige Mannschaft aus dem eigenen Reservoir zusammengestellt. Hierzu gehört auch die 13-jährige Jule Mehnert aus Dürrröhrsdorf, die beim SV Wesenitztal ihre Karriere begann und sich beim DSC ihren Platz erkämpft hat. Zum Bundesliga-Kader gehören weiterhin Julia Vietor (18), Maria Sonntag (17), Lucienne Fragel (15), Josefine Benad (14), Sophia Viertel (13), Mia Neumann (12) sowie das 12-jährige Chemnitzer Talent Lea Marie Quaas. Macht einen Altersdurchschnitt von 14,25 Jahren. Viel jünger geht es nicht. Damit liegt auf der Hand, dass das Abenteuer 1. Bundesliga für den Aufsteiger in erster Linie einen unschätzbaren Lerneffekt haben sollte. Vergleiche auf hohem Niveau, mit Weltmeisterin Pauline Schäfer gemeinsam in einem Wettkampf stehen – das macht etwas mit diesen jungen Turn-Talenten aus Dresden. „Die Aufregung ist schon zu spüren“, bestätigt Team-Kapitän Julia Vietor. „Aber man will sich da schon bestmöglich präsentieren“, sagt die Abiturientin.

Möglich gemacht wird das Unterfangen Bundesliga auch durch die Unterstützung des Fördervereins „turn around“. Der weitestgehend aus Eltern von DSC-Turnerinnen bestehende Unterstützerverbund sucht und betreut Sponsoren, nimmt viele Dinge aber auch einfach selbst die Hand. „Wir verstehen uns als Bindeglied zwischen Eltern, Trainern und Sportlern“, sagt Katrin Bindig-Trübel vom Förderverein. Die Mama von Marlene Bindig hat die neuen Wettkampfanzüge für das Erstliga-Team selbst entworfen und geschneidert – vier Stunden für jedes der acht Exemplare.

Die Freude der Athletinnen ist es offenbar wert. „Die werden uns wieder alle fragen, wo habt ihr eure schönen Anzüge her“, staunt Julia Vietor. Der Förderverein stellt zudem Prämien pro Wettkampf bereit. „Das sind symbolische Beträge“, sagt Katrin Bindig-Trübel. „Aber andere Klubs handhaben das genauso, deshalb wollten wir das für unsere Athletinnen auch anbieten.“ Denn die Dresdner haben sich offenbar spätestens mit der Ausrichtung des Finals der Deutschen Turn-Liga im vorigen November einen erstklassigen Ruf in der Szene erarbeitet. 1 735 Zuschauer sorgten in der Margon-Arena für eine berauschende Kulisse. „Das war für alle Athletinnen ein unvergessliches Erlebnis“, sagt Kroker, „und auch für den Verein ist der eine oder andere Euro hängengeblieben“, erklärt er.