merken

Ein Bautzener berichtet von den Börsen der Welt

Mit dem Auf und Ab von Wertpapieren kennt sich Holger Scholze aus. Jetzt ist sein Gespür für Krisen bei Dynamo gefragt.

Von Miriam Schönbach

Die gesunde Drittelstunde

Impfen lassen? Neue Therapien? Was zahlen Kassen? Fragen rund um das Thema Gesundheit: hier gibt es Antworten. Redakteur Jens Fritzsche im Gespräch mit Experten.

Manchmal träumt er noch von seinem Siegertor für Dynamo. Auf dem Rasen des Dresdner Zweitligisten ist Holger Scholze indes derzeit eher selten zu finden. Nach dem Rücktritt des Präsidiums agiert er seit einem Monat als Präsident des Fußballvereins und versucht, die Interessen der mehr als 22 200 Mitglieder unter einen Hut zu bekommen. Für diese ehrenamtliche Arbeit weiß er, braucht es auf jeden Fall Teamgeist, Fair Play und ganz viel Ausdauer. Elf Freunde und ihre Fans müssen zusammenstehen in guten wie in schlechten Zeiten – das hat der gebürtige Bautzener schon auf dem Hartplatz auf der Müllerwiese gelernt.

Schließlich kommt der Traum vom entscheidenden Tor nicht aus der Luft. „Obwohl ich schon schmunzle, wenn ich danach aufwache“, sagt der Spross der bekannten Uhrmacherfamilie Scholze. Geboren wird er 1971, als Dynamo mit der Meisterschaft den Pokal holt. Sein Vater Rainer Scholze darf anlässlich dieses Erfolgs die Pokale gravieren. „Ich soll sie mit großen Augen angeschaut haben. Wahrscheinlich ist damals bereits der Virus übergesprungen“, sagt der 47-Jährige.

Doch mit drei großen Brüdern zieht der Jüngste auch bald die Fußballschuhe an. Gekickt wird bei der BSG Motor Bautzen. Gleichzeitig entdeckt ihn sein Sportlehrer für die Leichtathletik. Bei einem Wettkampf in Senftenberg lässt er mit einem 5,98-Meter-Satz die Konkurrenz hinter sich. Mit diesem Sprung landet er in der Spezialschule für „Diplomaten im Trainingsanzug“. Das Intermezzo dauert nur ein knappes halbes Jahr. „Der Fokus lag sehr auf dem Training und weniger auf der Schule. Ich fragte mich, wie es nach der aktiven Zeit weitergehen kann“, sagt Holger Scholze. Auch ein ausdrücklicher Hinweis von Verantwortlichen, dass sie ihm vom Besuch am Wochenende in Bautzen abraten würden, ließ ihn aufhorchen. Die Begründung hieß: Dem angekündigten Westbesuch könnte er als Geheimnisträger Trainingsmethoden verraten. Da packte der Bautzener seine Koffer und kehrte zurück.

Beim Leistungssport lernt Holger Scholze Hartnäckigkeit, auf Ziele hinzuarbeiten. Dazu ist er ein guter Beobachter. Fasziniert und schweigend schaut er schon seinem Großvater Ernst Scholze zu, wenn er mit Akribie und Leidenschaft eine Armbanduhr auseinandernimmt und wieder zusammensetzt. Später bewundert er bei seinem Vater diese Leidenschaft. Ihn selbst reizt nach dem Abitur ein ganz anderer Weg.

Es ist das Jahr 1990. Ein ganzes Land wird durcheinandergerüttelt, und auch für Holger Scholze öffnen sich auf einmal ganz neue Horizonte. Zwar beginnt er noch sein Zahnmedizin-Studium, doch als er ein Anatomiebuch in einer Dresdner Buchhandlung kaufen will, bleibt sein Blick am Bestseller „Das Wunderland von Geld und Börse“. „Ich wollte schon immer wissen, warum Währungskurse schwanken, was der DAX ist, wieso sich Naturkatastrophen auf die Börse auswirken und was überhaupt Geld ist“, sagt er . Fortan besucht er Vorlesungen bei den Wirtschaftswissenschaftlern, gründet sogar einen Börsenverein und tauscht irgendwann den weißen Kittel gegen den seriösen Anzug. Nur, wenn Dynamo spielt, gibt es natürlich den schwarz-gelben Schal um den Hals. – Der junge Börsen-Versteher macht schnell von sich reden. Anfang der 2000er-Jahre wird er immer wieder als Experte bei Fernsehsendungen gehört. So kommt es wohl auch fünf Jahre später zum Angebot des Nachrichtensenders n-tv über das Auf und Ab an der Wall Street in New York, in Frankfurt, London, Hongkong und Tokio zu berichten. „Nach 17 Jahren ist diese Zeit nun vorbei“, sagt Holger Scholze.

Doch Projekte gibt es neben seinem derzeitigen Dynamo-Ehrenamt genug. Wie am Montagabend bei der „Bautzener Akademie“ will er zum Beispiel an seinen ehemaligen Bautzener Schulen den Kindern und Jugendlichen die Welt der Wertpapiere näherbringen. Erste Gespräche mit den Schulleitern der Daimler-Oberschule und des Schiller-Gymnasiums hat es bereits gegeben. Vielleicht kann der ehemalige Schüler es sogar arrangieren, dass sein Dynamo-Idol, Dixie Dörner, bei einem Schulsportfest vorbeischaut. Und dann will der Bautzener ja auch noch seinen Hut in den Ring werfen bei der Wahl des neuen Dynamo-Präsidiums am 19. Dezember. Elf Freunde und ihre Fans müssen eben zusammenstehen – in guten wie in schlechten Zeiten.