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Ein bisschen Frieden

Bei einem Gehörlosen wird eingebrochen. Er erkennt den Täter wieder. Doch vor Gericht ist er sich plötzlich unsicher.

© Symbolfoto: dpa

Von Jürgen Müller

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Meißen. „Sollte es zwei Intelligenzgeminderte geschafft haben, uns Hochbegabte zu täuschen?“, beginnt der Verteidiger sein Plädoyer. Mit den Hochbegabten meint er die Staatsanwältin, die Richterin und sich. Zwei Tage lang wurde am Amtsgericht Meißen ein Einbruch in die Wohnung eines Gehörlosen verhandelt. Der Täter wollte dem Geschädigten das Handy entwenden, verletzte ihn leicht. An der Wohnungstür entstand ein Schaden von mehr als 1 000 Euro. Bei dem Einbrecher soll es sich um den Mitbewohner des Meißner Hauses, der in der Wohnung über dem Geschädigten lebt, gehandelt haben. Der 39-jährige Gehörlose hatte bei der polizeilichen Vernehmung durch seine Betreuerin und Gebärdendolmetscherin zu Protokoll gegeben, dass der Täter sein Nachbar war, den er seit vielen Jahren kennt und der ihn schon einmal mit einem Kopfstoß verletzt hatte. Auch sein Freund, mit dem er während des Einbruchs gerade per Video-Schaltung kommunizierte, hatte den Täter gesehen. Doch vor Gericht wollen sich beide plötzlich nicht mehr erinnern. Ja, vom Gesicht her könnte es der Mitbewohner gewesen sein, doch der Täter sei viel kleiner gewesen und habe eine andere Frisur gehabt als der Angeklagte, sagt er jetzt. Nein, Angst vor dem Angeklagten habe er nicht. Grund dazu hätte er. Der 43-Jährige ist schließlich ein verurteilter Mörder, saß den größten Teil seiner 13 Jahre Jugendstrafe, die er wegen Mordes, gefährlicher Körperverletzung und Freiheitsberaubung bekam, ab. Wegen Landfriedensbruch saß er ein Jahr und zwei Monate in Haft, zehn weitere Verurteilungen gab es meist wegen Körperverletzung. Doch diesmal will er es nicht gewesen sein.

Doch wie kommt der Geschädigte darauf, ihn dann zu beschuldigen? Der sei mit sich und der Welt unzufrieden wegen seiner Behinderung, sagt dessen Betreuerin. Manchmal denke er sich Geschichten aus mit Halbwahrheiten, um im Mittelpunkt zu stehen. Die Geschichten hätten aber immer auch etwas mit der Wirklichkeit zu tun, sagt seine Betreuerin. Und nein, dass er seinen Kumpel beeinflusst haben könnte, vor Gericht falsch auszusagen, das traue sie ihm intellektuell nicht zu, wenngleich die Betreuerin einräumt. „Er ist gar nicht in der Lage zu überblicken, welche Konsequenzen eine Falschaussage hat.“ Der Geschädigte wolle keinen Streit. „Er will Frieden mit der ganzen Welt haben, will keinen Stress. Er verzeiht alles, damit er seine Ruhe hat“, so die Betreuerin. Bei der Polizei habe er jedenfalls immer wieder zu verstehen gegeben, dass der Täter der Mann gewesen sei, der in der Wohnung über ihm wohne. Und das ist nun mal der Angeklagte. Diese Aussage bestätigt auch eine Polizistin.

Für Oberstaatsanwältin Karin Dietze ist klar, dass der Angeklagte auch der Täter ist. Daran habe der Geschädigte bei der Polizei keinerlei Zweifel gelassen. Schließlich kennen sich die beiden über Jahre. Es sei für sie nicht nachvollziehbar, dass der Geschädigte sich jetzt plötzlich getäuscht haben will, sagt sie und fordert wegen Sachbeschädigung, Hausfriedensbruchs und vorsätzlicher Körperverletzung eine Haftstrafe von fünf Monaten, die für zwei Jahre zu Bewährung ausgesetzt werden soll. Außerdem soll er 80 Arbeitsstunden leisten und sich bei dem Geschädigten schriftlich entschuldigen. „Besonders verwerflich finde ich, dass Sie sich an einem Behinderten vergreifen, der sich nicht wehren und dem man leicht eine Lüge unterstellen kann“, sagt sie. Doch Richterin Ute Wehner sieht das völlig anders und spricht den Angeklagten frei. Fest steht für sie nur, dass es einen Einbruch gab. Wer der Täter war, sei nicht nachweisbar. Der Geschädigte habe erstmals vor Gericht eine Täterbeschreibung abgegeben. Und die stimme nicht mit dem Angeklagten überein. So sei im Zweifel für den Angeklagten zu entscheiden. Und so bleibt der Angriff auf den Behinderten – wer auch immer der Täter war - ungesühnt. Zufrieden ist wohl nur der Angeklagte. Er allein kann wissen, ob es zwei Intelligenzgeminderte tatsächlich geschafft haben zu täuschen.