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Ein Blutstropfen für die Gesundheit

Kai Simons hat mit seiner Firma eine vielversprechende Analysemethode für Blut entwickelt. Der Gründungsdirektor des Dresdner Max-Planck-Instituts will den Test bald auf dem Markt bringen.

Von Bettina Klemm

Mit dem Schlauchboot durch die Brandung. Wildwasser-Rafting ist in Finnland beliebt. Vielleicht hat der finnische Mediziner und Biochemiker Kai Simons im Wasser treibende Flöße vor Augen, wenn er von den „Lipid-Rafts“ im Blut spricht.

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Der Gründungsdirektor des Dresdner Max-Planck-Instituts für molekulare Zellbiologie und Genetik forschte nach seinem altersbedingten Ausscheiden 2007 als Professor am Institut weiter. Sein Spezialgebiet ist die Zellmembran, jene hauchdünne, aus einer Doppelschicht von Fettmolekülen bestehende Hülle, die jede Zelle im menschlichen Körper umschließt. Fehlfunktionen dieser Rafts aus Blutfetten können zu Krankheiten führen. Diese spürt Simons auf, lange bevor der Mensch erkrankt. 2016 erhielt Professor Kai Simons für sein Lebenswerk die Robert-Koch-Medaille in Gold.

2012 wurde er schließlich Jungunternehmer und gründete die Biotechnologiefirma Lipotype GmbH. Auf diese Weise sollen die Forschungsergebnisse kommerzialisiert werden. „Wir haben die Lipidomics, die Analyse Tausender unterschiedlicher Fette, so weiterentwickelt, dass Blutproben schnell und sicher auf Hinweise für Krankheiten wie Alzheimer, Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen überprüft werden können“, sagt Simons, dem man seine 80 Jahre absolut nicht ansieht. Auch die Wahrscheinlichkeit, an Multipler Sklerose zu erkranken, könne vorausgesagt werden. Aber die diagnostischen Tests sind noch weit weg, zuerst entwickelt Lipotype einen Gesundheitstest.

Nächstes Jahr will Lipotype einen Test auf den Markt bringen. Ein Blutstropfen, beispielsweise aus der Fingerkuppe, wird auf ein speziell vorbereitetes Papier gegeben und eingeschickt. Ein millionstel Liter Blut ist ausreichend, gemessen wird im Molekülbereich. Mit einer selbst entwickelten Shotgun-Massenspektrometrie werden die Blutproben ausgewertet. Nach der Analyse können die Wissenschaftler, meist Biologen, Chemiker und Bioinformatiker, die Ergebnisse der Gesundheitsmessung auf dem Computerbildschirm betrachten. Eine eigens entwickelte Software macht dies möglich. Im menschlichen Körper ist alles streng reguliert. Ähnlich dem Ampelprinzip soll der Kunde dann erfahren, ob alles im grünen Bereich ist oder nicht.

Professor Simons konzentriert sich auf die Funktion der Zellmembranen, die elastisch sind und sich phasenweise zu den Lipid-Rafts vereinen. Durch die enge Zusammenarbeit von Lipotype mit Forschungseinrichtungen und Universitätskliniken haben die Wissenschaftler die Auswirkungen verschiedener Fettkonzentrationen untersucht. Bisher werden nur HDL- und LDL-Cholesterin und Triglyceride untersucht und gleichzeitig Hunderte andere Lipide ignoriert. Lipotype setzt mit seinen Messungen auf Prävention.

„Auch wenn das alles nicht neu klingt: Wir wollen gezielte, personalisierte Hinweise geben und bei den Menschen zunächst kleine Veränderungen anstoßen, sie sollen sich mehr bewegen und sich nach der sogenannten Mittelmeerkost ernähren“, erläutert der kaufmännische Leiter Oliver Uecke. Biologie sei auch immer Chemie, sprich Ernährung, und Physik in Form von Bewegung.

Wichtig ist, dass die Messung wiederholt wird, um die Wirksamkeit der Veränderungen zu überprüfen. Lipotype sieht in den Tests eine Chance auf eine Trendwende im Kampf gegen die Fettleibigkeit und Folgekrankheiten wie Diabetes.

Wahrscheinlich wird so ein Test, ein Fingerabdruck der Gesundheit, wie es Lipotype nennt, knapp 100 Euro kosten. Simons würde sich wünschen, dass Prävention im Gesundheitssystem eine wichtigere Stellung einnimmt. Derzeit werden weltweit weniger als fünf Prozent der Gesamtkosten für Prävention ausgegeben. Je mehr getestet wird, desto preiswerter werden die einzelnen Gesundheitstests. Sachsen hält den traurigen Rekord bei den Zuckerkranken. Jeder achte Einwohner ist betroffen.

Jahrzehntelang wurde die schädigende Wirkung von Zucker ignoriert und die tierischen Fette als Übeltäter benannt. Wie inzwischen bekannt ist, hatte die Zuckerindustrie jahrelang Fette verteufelt. Das rächt sich nun. Vielleicht kann Sachsen zum Vorzeigeland für Prävention werden?

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Das Dresdner Biotech-Unternehmen Lipotype kann durch Analyse der Blutfette Krankheiten vorhersagen. Das interessiert auch die Lebensmittelindustrie.

Am Firmensitz im Biotechnologiezentrum Am Tatzberg erfolgen bereits seit vier Jahren Analysen. Das junge Unternehmen hat derzeit 13 Mitarbeiter und arbeitet bereits für Auftraggeber in der Pharma-, Lebensmittel- und Kosmetikindustrie sowie in der akademischen und klinischen Forschung. So refinanziert Lipotype zu etwa 70 Prozent seine Kosten. Das fehlende Drittel sind Fördermittel für Forschung und Entwicklung. Mit Aussagen zur Zukunft ist Kai Simons vorsichtig. „Aber es könnte ein Millionenmarkt werden.“