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Ein Boot für alle

Auf dem Theaterplatz in Dresden bittet ein riesiges Schlauchboot zum Besuch - wer es betritt, kommt aus dem Staunen und Schluchzen nicht mehr raus.

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© Stefan Becker

Von Stefan Becker

„Hat jemand den Schraubenzieher gesehen?“ Jemand hat ihn tatsächlich gesehen und reicht das Werkzeug rüber. Marco Canevacci bedankt sich und schraubt eine kleine Schalter-Box auf. Die Zeit drängt: Auf dem Boden des Theaterplatzes liegt ausgebreitet eine riesige weiße Plane mit sieben Kammern und wartet auf Luft. Die liefern drei kleine Turbinen, sie sollen die schlaffe Hülle in ein begehbares Schlauchboot verwandeln – 3 Meter hoch und 30 Meter lang.

Der Leuchtturm für Lampedusa

Der Leuchtturm für Lampedusa ist eine künstlerische Installation von Thomas Kilpper.
Der Leuchtturm für Lampedusa ist eine künstlerische Installation von Thomas Kilpper.
Das Kunstwerk auf dem Gomondai-Platz misst in der Höhe über sechs Meter.
Das Kunstwerk auf dem Gomondai-Platz misst in der Höhe über sechs Meter.
Abendliche Besucher betrachten Fotos von Flüchtlingen auf Lampedusa.
Abendliche Besucher betrachten Fotos von Flüchtlingen auf Lampedusa.
Für das Gerüst nutzte der Berliner Künstler üblichen Baustahl.
Für das Gerüst nutzte der Berliner Künstler üblichen Baustahl.
Kilpper tourt mit seinem Projekt durch Europa, zeigte es bereits in Neapel, Florenz, Posen, Rotterdam, Berlin, und Brüssel.
Kilpper tourt mit seinem Projekt durch Europa, zeigte es bereits in Neapel, Florenz, Posen, Rotterdam, Berlin, und Brüssel.
Die Wände der Insallation bestehen aus den Häuten der auf Lampedusa gestrandeten Schlauchboote.
Die Wände der Insallation bestehen aus den Häuten der auf Lampedusa gestrandeten Schlauchboote.
Nach Dresden wird die Installation in Paris leuchten.
Nach Dresden wird die Installation in Paris leuchten.
Die Installation steht noch bis zum auf dem Gomondai-Platz, zwischen Albertplatz und Hauptstraße.
Die Installation steht noch bis zum auf dem Gomondai-Platz, zwischen Albertplatz und Hauptstraße.
Kilpper wünscht sich, dass die Insel Lampedusa endlich einen Leuchtturm baut.
Kilpper wünscht sich, dass die Insel Lampedusa endlich einen Leuchtturm baut.

Lifeboat Chapter 5

Folien, Kabel und Sandsäcke ausgebreitet auf dem Theaterplatz.
Folien, Kabel und Sandsäcke ausgebreitet auf dem Theaterplatz.
In die Rückwand des Schlauchbootes werden die Turbinen installiert.
In die Rückwand des Schlauchbootes werden die Turbinen installiert.
Künstler Marco Canevacci schreitet die Baustelle ab.
Künstler Marco Canevacci schreitet die Baustelle ab.
Stephanie Grönnert und Julia Lipinsky ziehen die Reißverschlüsse fest für den Ausgang.
Stephanie Grönnert und Julia Lipinsky ziehen die Reißverschlüsse fest für den Ausgang.
Das Schlauchboot kommt langsam in Form.
Das Schlauchboot kommt langsam in Form.
Die Kunstinstallation "Lifeboat Chapter 5" steht.
Die Kunstinstallation "Lifeboat Chapter 5" steht.
Erste Inspektion beendet - die Folie hält dicht.
Erste Inspektion beendet - die Folie hält dicht.
Zum Finale heißt es Strippen ziehen für die Lautsprecher.
Zum Finale heißt es Strippen ziehen für die Lautsprecher.
Das milchige Schlauchboot konkurriert an Größe mit Bus und Bahn.
Das milchige Schlauchboot konkurriert an Größe mit Bus und Bahn.
Blumige Ansicht des auf hartem Pflaster gestrandeten Kunstobjekts.
Blumige Ansicht des auf hartem Pflaster gestrandeten Kunstobjekts.
Das angereiste Künstlerquartett des Kollektivs "Plastique Fantastique": Julia Lipinsky, Stephanie Grönnert, Marco Canevacci und Karkus Wüste.
Das angereiste Künstlerquartett des Kollektivs "Plastique Fantastique": Julia Lipinsky, Stephanie Grönnert, Marco Canevacci und Karkus Wüste.

Die Uhr tickt, doch der Regler zickt. Die Sonne hat sich hinter der Hofkirche erhoben und scheint auf den Theaterplatz. Passanten bleiben stehen und fragen, was dort passiert. Dann laufen die Turbinen an und das „Lifeboat Chapter 5“ kommt langsam in Form. Kein futuristischer Heißluftballon bläst sich da auf, keine überdimensionale Hüpfburg, sondern eine gewaltige Installation.

Die transparente Kreation basiert auf einer Idee der internationalen Künstlergruppe „Plastique Fantastique“. Vor zwei Jahren habe sich das Kollektiv aus Berlin daran gemacht, das überdimensionale Flüchtlingsboot zu bauen. Premiere feierte es in der Hauptstadt, gastierte vergangenes Jahr in Holland und steht von Donnerstag bis Samstag auf dem Theaterplatz in Dresden vor klassischer Kulisse und gegenüber der temporären Frei-Raum Bühne.

In den kommenden Monaten gehören verschiedene Events zum Dresdner Kulturfest „Am Fluss – zu Kulturen des Ankommens“. Das Kooperationsprojekt vom Kunsthaus Dresden und dem Societaetstheater hat vor einer Woche begonnen und dauert noch bis zum 30. Mai 2017.

Das Kunsthaus startete mit der „Baustelle Europa“ und platzierte dazu auf dem Jorge-Gomondai-Platz die erste temporäre Kunstinstallation in der Stadt: den Leuchtturm von Lampedusa. Die offene Galerie aus Baustahl und Häuten von gestrandeten Schlauchbooten erzählt bildhaft von der Odyssee unzähliger Migranten übers Mittelmeer.

Ein paar Hundert Meter weiter auf dem Theaterplatz erzählt Homer von der Odyssee seines antiken Helden. Wer in das „Lifeboat“ hineinkrabbelt, erlebt drinnen einen Klangteppich in sieben Sprachen. Die Besucher schreiten durch den u-förmigen Schlauch des Bootes, sehen durch die milchige Folie der Außenhaut die Welt draußen nur noch schemenhaft. Dafür hören sie viele Stimmen, Interviews mit schiffbrüchigen Flüchtlingen und eben Zitate aus dem Kapitel 5 des Werkes, das schon ewig zur Weltliteratur zählt.

„Odysseus verliert seine Mannschaft, sein Schiff, treibt drei Tage und zwei Nächte im Meer, bevor er an Land angespült wird“, fasst Cannevacci die Geschichte zusammen. Neben dem gebürtigen Römer gehören an diesem Donnerstag noch drei weitere Künstler aus Berlin zum Team: Stephanie Grönnert, Julia Lipinsky und Markus Wüste ziehen die Reißverschlüsse der Hülle zusammen, wuchten Sandsäcke im Inneren für den optimalen Faltenwurf am Boden, lassen die Strippen der Lautsprecher verschwinden und kümmern sich um nachträglich platzierte Notausgänge.

Mit den beiden Installationen im öffentlichen Raumen sowie den Konzerten und Ausstellungen des Kulturfestes bekommt das Drama auf dem Mittelmeer weitere Facetten. Bisher engagierten sich primär die Seenotretter des Dresdner Balkan Konvois zu dem Thema und kooperierten für eine Ausstellung jüngst mit dem Verkehrsmuseum Dresden.