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Ein Dresdner Straßenkind erzählt ...

© Sven Ellger

... woher es sein Geld bekommt, wo es nachts schläft und warum es jetzt seinen Schulabschluss nachholt.

Von Julia Vollmer

Günther ist immer an ihrer Seite. Wenn Nicole Marie vor dem Supermarkt auf der Straße sitzt und um Geld bittet, „schnorren“, wie es in der Szene heißt, ist der Rottweiler dabei. Für Günther und sich braucht sie etwa 15 Euro am Tag, und die muss sie zusammenbekommen. Das dauert mal 15 Minuten und mal zwei Stunden, erzählt sie. Marie ist 26 Jahre alt, und nach zehn Jahren ohne Schule und fünf Jahren auf der Straße will sie nun ein neues Leben beginnen. Mit einem Schulabschluss, den sie in der Straßenschule des Vereins Treberhilfe am Albertplatz nachholt.

16 Schüler starten dort dieser Tage in das neue Schuljahr. Nachdem die Schule bereits kurz vor dem Aus stand, da die Förderung durch die Aktion Mensch auslief, entschied der Stadtrat, das Projekt mit 100 000 Euro aus dem Sozialtopf zu fördern. Angesiedelt ist die Schule nun beim Sozialamt der Stadt. Zwei hauptamtliche Mitarbeiter können dadurch bezahlt werden, die Miete erlässt der Vermieter der Schule für die Räume am Albertplatz. Los geht der Unterricht früh um neun, auf Beschluss der Schüler. Viele von ihnen müssen sich nach Jahren auf der Straße erst mal an einen geregelten Tagesablauf gewöhnen. Das bunt gemischte Dozententeam aus Studenten, Rentnern und Ehrenamtlern unterrichtet die Teilnehmer in allen prüfungsrelevanten Fächern – darunter Deutsch, Mathe, Physik, so Projektleiterin Beate Rohder.

Daneben gibt es auch Projekte in Kunst und Musik. Die Dozenten bereiten die Schüler auf die sogenannte Schulfremdenprüfung an den Oberschulen oder Hauptschulen vor. Das heißt, die Teilnehmer legen an festgelegten staatlichen Schulen die Prüfungen ab, ohne je dort Schüler gewesen zu sein. Fünf mündliche und vier schriftliche Prüfungen sind es. Die Erfolgsquote der Straßenschule liegt bei über 90 Prozent. Das will jetzt auch Nicole Marie schaffen. Mit 18 Jahren ging sie von zu Hause weg, schlug sich seitdem allein durch. Sie schläft wechselnd bei Freunden, drei feste Schlafplätze hat sie. Im Sommer übernachten sie und Rottweiler Günther auch mal im Freien, aber nie in der Neustadt. „Das ist zu gefährlich.“ Tagsüber ist sie dagegen gern in der Neustadt. Sitzt vor dem Konsum oder dem Rewe auf der Königsbrücker. Dort gibt es einen richtigen „Dienstplan“ für die Schnorrer. Damit sie sich gegenseitig nicht ins Gehege kommen, wechseln sie sich ab. Polizei und Ordnungsamt lassen sie meist in Ruhe, wenn sie sich an die Regeln halten, sagt sie.

Einen Versuch bei der Straßenschule hat sie schon mal gewagt und dann aber nach zwei Monaten wieder abgebrochen. „Wenn man lange auf der Straße gelebt hat, ist es schwer, sich wieder an Strukturen zu gewöhnen“, erzählt die 26-Jährige. Der Tag auf der Straße beginnt erst am Nachmittag, denn die Nacht ist lang. „Nachts ist es kalt, da müssen wir uns bewegen. Tagsüber, wenn es wärmer ist, schlafen wir“.

Doch diesmal will sie es schaffen. Sie will ihren Realschulabschluss nachholen und dann eine Ausbildung zur Heilerziehungspflegerin machen. Mit behinderten Menschen arbeiten, das ist ihr Ziel. Seit ein paar Wochen hat sie endlich einen Personalausweis und will nun Hartz IV beantragen. Das war ein langer Kampf, bei einem Wohnungsbrand sind alle ihre Dokumente verloren gegangen. Ohne Geburtsurkunde kein Perso, ohne Perso kein Hartz IV und keine Wohnung, erzählt sie. Mit ihr zusammen will Marcel seinen Schulabschluss nachholen. „Ich habe von einem Freund von dem Projekt erfahren“, sagt er. Seit zweieinhalb Jahren war er nicht mehr in einer Schule, hat die Ausbildung auf dem Berufsschulzentrum für Gastgewerbe und eine als Dachdecker abgebrochen. Kunst ist seine Leidenschaft, die will er nach seinem Schulabschluss vertiefen. Theatermaler wäre einer seiner Träume.