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Dunkles Jahr für eine kleine Insel

Auf Malta blüht vor allem eines: die Korruption. Auf höchster Ebene. Eine Enthüllungsjournalistin, die unangenehme Wahrheiten veröffentlichte, wurde ermordet. Verändert aber hat sich seither nichts.

© dpa/Philipp Laage

Von Ferry Batzoglou

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Das war kein politischer Mord!“ Andrew, Mitte vierzig, sein rundes Gesicht von Wind und Sonne gegerbt, krauses Haar, dicker Bauch, reißt das Lenkrad scharf nach rechts und zwingt seinen weißen, klapprigen Neunsitzer mit jaulenden Reifen in die mit Schlaglöchern übersäte Kurve nach Marsaxlokk, einem malerischen Fischerdörfchen an der Südküste Maltas. „Sie schrieb über die Mafia. Tust du das, dann wollen sie, dass du die Schnauze hältst. Man wollte sie einfach zum Schweigen bringen.“ Andrew, der Taxi-Fahrer, tritt resolut auf die Bremse. „Hier, diese Taverne hat guten Fisch. Lass es dir schmecken!“

Malta, der Insel-Staat mit 440000 Einwohnern ist katholisch, seit 1964 unabhängig, seit 2004 EU-Mitglied und seit 2008 in der Eurozone. Ein Kleinstaat, zwischen Sizilien und Libyen gelegen, in dem sich seit Ewigkeiten die konservative Nationalist Party und die Labour Party in der Regierung abwechseln, geriet plötzlich in die internationalen Schlagzeilen.

Wegen eines Mordes. Daphne Caruana Galizia, maltesische Enthüllungsjournalistin und Bloggerin, wurde am 16. Oktober mit einer Autobombe getötet. Sie wurde nur 53 Jahre alt. Der Fall sorgte weltweit durch seine Brutalität für Aufsehen.

Die Bombe in ihrem Peugeot 108 explodierte, als sie gerade von der Ausfahrt ihres Hauses in Bidnija, in dem sie mit Mann und drei Söhnen lebte, 25 Kilometer nördlich von Maltas Kapitale Valletta gelegen, auf die Landstraße gefahren war. „Ihr Mann und ihre Söhne sahen die Teile der Leiche auf der Fahrt nach Hause. Das ist so widerlich, so menschenverachtend“, klagt Jason Azzopardi, Rechtsanwalt der Familie.

Die Ermordung Daphnes, wie sie alle hier in Malta nennen, hat tiefe Spuren auf der Insel hinterlassen. Daphne Caruana Galizia, studierte Archäologin, grub gerne. Und sie grub tief. Aber nicht nach antiken Funden, sondern nach ganz anderen Dingen. Sie brachte Brisantes zutage.

„Daphne war Maltas Top-Investigativjournalistin, eine unglaublich gute Enthüllungsjournalistin. Ihr Blog hatte täglich Hunderttausende Aufrufe. Für viele von uns ist das ein persönlicher Verlust. Es war eine tägliche Routine, ihren Blog zu lesen“, sagt Mark Wood, Chefredakteur der englischsprachigen „Malta Times“, der führenden Qualitätszeitung Maltas. Wood, 56, sitzt in einem kleinen Büro in einem zweistöckigen Neubau in einem tristen Gewerbegebiet in Valletta. „Daphne wusste, dass ihr Leben in Gefahr war. Dennoch schrieb sie weiter. Das zeugt von Mut.“

Reichlich Stoff für ihre Geschichten lag buchstäblich vor ihrer Haustür. Korruption, Geldwäsche, allerlei dubiose Machenschaften, auch von Regierungsmitgliedern, aufzudecken, hatte sich Daphne zur Lebensaufgabe gemacht.

Einen Coup landete sie im April 2016. Daphnes ältester Sohn Matthew, 30, Mitglied im internationalen Recherchenetzwerk ICIJ, steckte seiner Mutter den Malta-Teil der ominösen Panama Papers. Und Daphne publizierte die Verwicklung von Regierungsmitgliedern: Gleich hinter zwei Offshore-Firmen in Panama würden ein maltesischer Minister sowie der Stabschef von Premier Joseph Muscat stecken.

Ein handfester Skandal. Eigentlich. Dennoch dachte keiner der Politiker an Rücktritt. „Malta war zwar 150 Jahre eine britische Kronkolonie, hier gilt englisches Recht. Aber hier gelten auch andere politische Sitten. Rücktritte gehören nicht zur Selbstverständlichkeit im politischen Betrieb. Im Gegenteil“, sagt Wood.

Genau ein Jahr später, im April 2017, enthüllte Daphne, dass auch Muscats Frau Michelle in die Panama Papers verwickelt sei. Ihr gehöre die Firma Egrant, die – so der Vorwurf – eine Million US-Dollar von Leyla Alijeva kassiert habe, der Tochter des Präsidenten Aserbaidschans Ilham Alijev.

Die Transaktion sei über die Pilatus Bank in Malta abgewickelt worden. Das Geldinstitut hatte 2014 ein Iraner gegründet, der Bürger der Karibikinsel St. Kitts and Nevis ist. Die Bank hat nur 130 Kunden. Aber offenbar sehr betuchte. Ihr Bilanzvolumen: 300 Millionen Euro. Sie fungiere in Malta als die auserwählte Bank der aserbaidschanischen Polit- und Wirtschaftselite, die auf den Pilatus-Konten Millionen Euro bunkere, heißt es.

Wer glaubt, Premier Muscat würde nun das Handtuch werfen, der irrt gewaltig. Er ergriff die Flucht nach vorne. Statt turnusgemäß bis März 2018 die Parlamentswahlen abzuwarten, rief er für Anfang Juni des vorigen Jahres vorgezogene Neuwahlen aus. Muscats Labour Party triumphierte.

„Korruption gab es auf Malta immer. Keine Regierung war 100 Prozent sauber. Aber noch nie war die Korruption so massiv wie heute. Die Korruption ist der Stil, der Motor der Regierung“, konstatiert Michael Briguglio, 42, Soziologieprofessor an der Universität Malta.

Er trinkt seinen Espresso in einem Schluck. Das Cafe in Sliema, einer gehobenen Küstenstadt nördlich von Valletta, in der fast nur Englisch gesprochen wird, ist gut gefüllt. Im Hintergrund ist ein Dutzend riesiger Baukräne zu sehen.

Malta und den Maltesern geht es gut. Die Baubranche boomt, die Reisebranche mit rund zwei Millionen Touristen im letzten Jahr floriert, Hunderte global agierende Online-Gaming-Firmen sind auf Malta registriert, unzählige Briefkastenfirmen profitieren von den hiesigen Steuererleichterungen und sonstigen Gepflogenheiten, auch der Verkauf von maltesischen Pässen an reiche Nicht-EU-Bürger für eine schöne Stange Geld läuft offenbar glänzend.

Die Wirtschaft wächst rasant. Nur vier Prozent der Malteser sind ohne Job. Der Staatshaushalt weist einen Überschuss aus, die Staatsschuldenquote ist niedriger als in den meisten EU-Ländern. Das Jahreseinkommen der Malteser ist auf knapp 18 000 Euro pro Kopf gestiegen, das sind rund 80  Prozent mehr als noch im Jahr 2000. Ein armes Land wurde wohlhabend. Im Rekordtempo.

„Die Leute sind happy. Sie haben Arbeit, sie haben Geld in der Tasche. Sie schmieren, um schneller eine Baulizenz für zwei neue Stockwerke zu erhalten, um diese umgehend zu vermieten. Patronage, Vetternwirtschaft, Klientelismus. Die Regierung Muscat hat das auf die Spitze getrieben“, schimpft Briguglio. So werde auch der Korruption im großen Stil und der Geldwäsche der Weg geebnet. Fehlende Transparenz bei Staatsaufträgen, krumme Geschäfte aller Art.

Briguglio ist Aktivist, er glaubt fest an die Zivilgesellschaft, die gegen Missstände in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft kämpft. Er stand an der Spitze der kleinen Grünen Partei, bevor er sie vor den letzten Parlamentswahlen verließ, um eine Anti-Korruptions-Koalition mit der übrigen Opposition zu schmieden. Der Mord an Daphne ist auch für Briguglio eine Zäsur. „2017 war das dunkelste Jahr, an das ich mich erinnern kann. Es ist schwer zu sagen, dies sei kein politischer Mord gewesen.“

Das sieht Premier Muscat ganz anders. „Das war eine barbarische Tat. Mein Interesse ist, die unsichtbare Hand hinter diesem Verbrechen aufzudecken“, beteuerte er unmittelbar nach der Tat. Ansonsten halten sich Muscat und Co. eher bedeckt. Eine Anfrage blieb jedenfalls unbeantwortet.

Nach der Ermordung der Bloggerin setzte die Regierung Muscat eine Belohnung von einer Million Euro für Hinweise auf die Mörder der Journalistin aus. Ferner ermittelten von Anfang an neben maltesischen Behörden auch Europol, das FBI sowie finnische Geheimdienstmitarbeiter auf Malta.

Anfang Dezember wurden drei Verdächtige wegen Mordes angeklagt. Alle sind Malteser, darunter zwei Brüder. Sie sind polizeibekannte Gauner, Betrüger. Keine Killer, zumindest bisher. Sie bestreiten die Tat. Laut Anklage soll das Trio Daphne über längere Zeit beschattet, die Autobombe an ihrem Peugeot befestigt und diese auch gezündet haben. Wenn sie es waren, haben sie wohl nur einen Auftrag ausgeführt. Daphne Caruana Galizia hatte nie etwas über das angeklagte Trio geschrieben.

Mark Wood, der Chefredakteur, bleibt skeptisch. Für ihn ist das Vertrauen der Malteser in den Rechtsstaat endgültig erodiert: „Die Rechtsstaatlichkeit, scheint auf Malta schon länger nicht so zu funktionieren, wie sie funktionieren sollte.“ Anders gesagt: Die Kontrolle der Regierung durch staatliche Institutionen sei nicht mehr gewährleistet. Und die Trennung der Gewalten nur noch Wunschdenken.