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Ein Erklärer vor dem Herrn

Der frühere Prager Erzbischof Kardinal Miloslav Vlk ist tot. Er kämpfte gegen kommunistisches Unrecht und für die Aussöhnung von Tschechen und Deutschen.

© dpa

Von SZ-Korrespondent Hans-Jörg Schmidt, Prag

„Weshalb fällt Ostern nicht jedes Jahr auf dasselbe Wochenende? Und damit auch die Kreuzigung und die Wiederauferstehung des Herrn? Bestimmt das der Papst jedes Jahr neu, oder wer?“ „Weshalb feiern wir in Tschechien den Karfreitag nicht als Feiertag?“ „Wie unterscheidet sich die Auferstehung des Herrn von Christi Himmelfahrt?“ „Was hat es mit Pfingsten auf sich?“ „Hat Jesus wirklich gelebt?“ „Könnte Jesus nicht auch eine Frau gewesen sein?“ „Was soll der Zölibat?“ „Wann entschuldigt sich die Kirche endlich für die Inquisition?“ „Weshalb musste Jan Hus auf dem Scheiterhaufen enden?“ „Wie viele tschechische Priester haben für die Stasi gearbeitet?“ „Sind auch in Kirchen bei uns junge Menschen von Priestern sexuell missbraucht worden, wie in Deutschland?“

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Nahezu jedes Jahr neu hat der Prager Altkardinal Miloslav Vlk solche und ähnliche Fragen beantwortet. Mit einer Engelsgeduld. Im öffentlich-rechtlichen tschechischen Radiosender „Radiozurnal“, in dem er lange Jahre an jedem Samstag Vormittag zur besten Sendezeit eine eigene Sendung hatte.

Als ich 1990 als deutscher Korrespondent nach Prag kam und auf diese Sendungen stieß, war ich im ersten Moment sprachlos. Da marschierte tatsächlich jede Woche eine kluge und zugleich selbst wissbegierige Redakteurin des Senders ins Erzbischöfliche Palais neben der Prager Burg, damit Kardinal Vlk den Tschechen das Christentum in allen Details erklären konnte. Etwa so wie das kleine Einmaleins. Und er sprach dabei mitunter so geduldig, wie ein der Verzweiflung nahes Elternpaar mit seinem Kind, das sich in der Pubertät befindet.

Die Tschechen und das Christentum - das ist eine seltsame Begegnung. Nach den Menschen in der früheren DDR waren und sind die Tschechen die wohl größten Atheisten in ganz Europa. Vlk und mit ihm die katholische Kirche des Landes insgesamt hofften, dass die Samtrevolution 1989 da eine Wende bringen würde. „Die Menschen suchten nach etwas Neuem, nach einem neuen Halt. Und wir glaubten, sie würden ihn mehr oder weniger automatisch in der Kirche finden“, erzählte der Kardinal in einen ersten großen Interview, das ich mit ihm führen durfte. „Wir haben uns geirrt. Niemand hat uns die Kirchentüren eingerannt“, bekannte Vlk im gleichen Atemzug. Etwas traurig, aber nicht resignativ. Schon damals erwies sich der Primas der tschechischen Katholischen Kirche Tschechiens als großer Kämpfer.

Sein Hauptthema war aber ein anderes. Das erklärt sich aus seiner Biografie. Vlk durfte nach der Machtübernahme der Kommunisten 1948 nicht wie gewünscht Theologie studieren. Das gelang ihm erst im fortgeschrittenen Alter. 1968 erhielt er die Priesterweihe. Von 1978 bis 1989 wurde ihm jegliche priesterliche Tätigkeit untersagt. In diesen Jahren arbeitete er als Fensterputzer und Archivar. Seine Priestertätigkeit führte er im Geheimen aus. Nach der Samtrevolution wurde er 1990 zum Bischof von Budweis ernannt. Nach dem Rücktritt des Prager Erzbischofs Frantisek Tomasek ernannte Papst Johannes Paul II. Vlk 1991 zu dessen Nachfolger. Im gleichen Jahr wählte ihn die Tschechische Bischofskonferenz zu ihrem Vorsitzenden. Das blieb er bis zu seiner Pensionierung.

Vlks Hauptthema war die Rückgabe des von den Kommunisten geraubten Eigentums der Kirchen in der einstigen Tschechoslowakei. Der größte schlechte Witz dabei: die majestätische Veits-Kathedrale auf dem Prager Burgareal gehörte dem Staat, nicht etwa der Kirche. Vlk verhandelte. Über Jahre. Ohne Ergebnis. Dann rief er angstlos die Gerichte an. Bis er merkte, dass dort zu Teilen Leute „Recht“ sprachen, die das auch schon zu kommunistischen Zeiten getan hatten. Vlk stachelte das nur zusätzlich an. Am Ende stand ein fauler Kompromiss, demzufolge die Kathedrale gemeinsam mit dem Staat verwaltet wird. Vlk fand das abartig: „Was hat der Staat mit der Verwaltung eines Kirchenhauses zu tun?“, fragte er verbittert.

Den Höhepunkt seiner „Karriere“ erreichte der Prager Altkardinal mit dem Tschechien-Besuch von Papst Benedikt XVI. Mit dem inzwischen emeritierten bürgerlichen Joseph Ratzinger hat ihn eine besondere Beziehung verbunden, auch weil Vlk sehr gut Deutsch sprach.

Als er aus Altersgründen aus dem Amt schied, kam mit Dominik Duka ein Nachfolger, der des lieben Friedens willen einen Kompromiss nach dem anderen mit dem Staat einging. Das hat immerhin dazu geführt, dass die katholische Kirche in Tschechien heute nicht mehr als „raffgierig“ bezeichnet wird. Ein Stempel, der ihr unter Altkardinal Vlk im Stillen, aber mitunter auch laut namentlich von den politischen Parteien angehängt worden war, die – egal welcher Couleur – keinerlei Unrechtsbewusstsein wegen der Kirchenenteignung verspürten und verspüren. Vlk hat das nie an sich heran gelassen. Und scheute sich auch nicht, zu sagen, dass er mit der Kompromissbereitschaft Dukas Probleme hatte.

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