merken

Ein Hauch von DDR-Geschichte

Nach der Wende vernichteten viele Bibliotheken ihre alten Bestände. In Riesa war das anders.

© Sebastian Schultz

Von Stefan Lehmann

Anzeige
Die passende Musik zum Fest

Wenn es in den Innenstädten nach gebrannten Mandeln riecht, die Tage kürzer und die Abende länger werden, dann steht die Weihnachtszeit vor der Tür.

Riesa. Nicht einmal ein Meter Platz ist zwischen den Regalen. „Zum Tag der offenen Tür dürfen hier nicht mehr als fünf Personen rein“, erzählt Karin Proschwitz. Mehr sei schon aus Gründen des Brandschutzes nicht möglich, so die Chefin der Stadtbibliothek. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Karin Wenzke steht sie in einem kleinen Raum im Untergeschoss des Hauses am Poppitzer Platz. In den Nachbarräumen lagern Exponate des Stadtmuseums. Passenderweise, möchte man sagen. Denn der kleine Raum ist das GDM, das Geschichtsdokumentierende Magazin der Stadtbibliothek. Hier lagern Medien, die zu DDR-Zeiten und teilweise noch davor aufgelegt worden sind. Die Erste Stauchitzer Zeitung ist ebenso vertreten wie die gesammelten Werke Lenins; ein paar Regale weiter stehen sämtliche Mosaik-Bände, die von 1976 bis 1999 erschienen sind. Rund 16 000 Medien sind es insgesamt. Nicht zu vergleichen mit den riesigen Beständen, die Peter Sodann ein paar Kilometer weiter in Staucha angehäuft hat – aber doch historisch bedeutsam, betont Karin Proschwitz.

Riesas Bücher-Hitliste

Der Vergleich mit Sodann und seiner DDR-Bibliothek kommt nicht von ungefähr. Wie der Schauspieler scheute sich auch die Riesaer Bibliotheks-Leitung, den Bücherbestand mit der politischen Wende einfach zu vernichten. „Wir sagten damals: Wir können doch nicht diese Bücher wegschmeißen“, erzählt Karin Proschwitz. Schließlich seien auch die Teil der Geschichte; Wissen, das damit verloren gegangen wäre. „Diese Bücher können noch einmal richtig bedeutend und wertvoll werden.“ Zumal es längst nicht alle Büchereien und Bibliotheken damals so hielten wie die Riesaer.

So zog die „überholte“ DDR-Literatur zwar um, blieb aber erhalten – und stößt nach wie vor auf Interesse bei den Lesern. Einmal in der Woche hat das Geschichtsdokumentierende Magazin geöffnet, immer mittwochs von 13 bis 14 Uhr. „Und es gibt jede Woche Bestellungen“, sagt Karin Wenzke, die sich besonders intensiv mit dem Bestand im Magazin beschäftigt. Dabei sind längst nicht nur Nostalgiker dabei, die einen Blick zurückwerfen wollen. „Es kommen auch immer wieder Jüngere her, die für die Schule etwas brauchen.“ Denn im Bestand ist so manches historische Dokument, das als Quelle für den Geschichtsunterricht taugt.

Zwischen 35 und 40 Medien werden jeden Monat aus dem Magazin entliehen, sagt Karin Wenzke. Auf den ersten Blick klingt das nicht besonders viel angesichts der mehr als 100 000 Bücher und Filme, die die Riesaer im gesamten Jahr 2017 mit nach Hause genommen haben. Nach Ansicht der Bibliotheksmitarbeiterinnen hat das vor allem einen Grund: Das Magazin ist noch etwas zu unbekannt. Deshalb sucht Karin Wenzke seit einiger Zeit regelmäßig einige Bücher aus dem historischen Bestand aus, die direkt gegenüber der Ausleihe präsentiert werden. Gerade sind das Krimis aus DDR-Zeiten.

„Außerdem wollen wir demnächst auf die Schulen zugehen“, erklärt Karin Proschwitz. Bleibt die Frage, was eigentlich am häufigsten aus dem Magazin ausgeliehen wird. „Im vergangenen Jahr war das Erwin Strittmatter“, sagt Karin Proschwitz. 144 Mal waren seine „Analysen, Erörterungen, Gespräche“ ausgeliehen. Dahinter folgt ein Werk Tschingis Aitmatows. Der kirgisische Schriftsteller war einst sogar in Riesa gewesen, möglicherweise werde er deshalb nach wie vor gern gelesen.

„Viele denken, die Bücher im Magazin seien nur politisch“, sagt Karin Proschwitz. Dabei reiche die Bandbreite ja weit darüber hinaus, umfasse neben Belletristik auch Fach- und Kinderbücher. „Hier kann man wirklich versinken“, schwärmt die Bibliotheks-Chefin. Etwas kurios wird es übrigens auf dem dritten Platz: Dort liegt ein Buch über Schmalspur-Bahnen. „Verkehr und Motor sind wirklich gefragt“, sagt Kerstin Wenzke und lächelt.

Sonderlich erweitern will die Bibliothek den Magazinbestand übrigens nicht mehr. Es habe schon Zeiten gegeben, in denen Riesaer alte Bücher vorbeigebracht haben, erzählt Karin Proschwitz. „Mittlerweile sind wir aber nur noch auf der Suche nach einigen Perlen. Büchern, die direkt mit der DDR-Geschichte zu tun haben.“ Das hat nicht nur mit dem Platzproblem zu tun. Einen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt die Bibliothek nicht. „Schließlich stehen ja alle Bücher auch noch mal in der Deutschen Nationalbibliothek.“