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Ein Herz für saubere Braunkohle

Die deutsche Politik setzt nur auf Effekthascherei. Wirklich sinnvoll wäre es dagegen, die klimafreundliche Nutzung fossiler Rohstoffe voranzutreiben. Ein Beitrag von Prof. Dr. Ulrich Blum und Prof. Dr. Ingo Pies.

© dpa

Von Ulrich Blum und Ingo Pies

Die Zivilgesellschaft hat sich seit einiger Zeit auf die Forderung eingeschossen, Deutschland solle aus der „schmutzigen Braunkohle“ aussteigen. Der mündige Bürger reibt sich verwundert die Augen und fragt, ob solche Forderungen nicht ein Vierteljahrhundert zu spät kommen. Längst ist ja nicht nur über der Ruhr der Himmel wieder strahlend blau. Sogar Bitterfeld ist zum Naherholungsgebiet geworden. Die Zeiten eines mit der Verbrennung von Braunkohle verbundenen Ausstoßes von Schwefeldioxid und Rußpartikeln gehören längst der Vergangenheit an.

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Industrie- und Handelskammer Dresden

Die nachhaltige Förderung der regionalen Wirtschaft ist das wichtigste Ziel der IHK-Arbeit. 

Prof. Dr. Ulrich Blum, 1953 in München geboren, ist Gründungsdirektor des Center for Economics of Materials in Halle und Inhaber des Lehrstuhls für Wirtschaftspolitik und Wirtschaftsforschung an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.
Prof. Dr. Ingo Pies, 1964 in Arnsberg geboren, ist Inhaber des Lehrstuhls für Wirtschaftsethik an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

Natürlich ist die Rede vom Ausstieg aus der „schmutzigen Braunkohle“ nicht wörtlich gemeint, sondern metaphorisch. Die Kritiker haben neben der (vorübergehenden) Landschaftszerstörung im Tagebau vor allem den Ausstoß von Kohlendioxid im Blick. Dieses natürliche Gas lässt Pflanzen schneller wachsen, trägt aber auch als Treibhausgas zur Erwärmung der Erde bei, ist also nicht schmutzig, aber doch klimapolitisch bedenklich.

Insofern kann man der Forderung nach einem Ausstieg aus der Braunkohlewirtschaft durchaus Sinn abgewinnen. Allerdings lohnt es sich, hierüber etwas gründlicher nachzudenken. Dies ist nicht zuletzt eine Aufgabe der Wissenschaft. Wenn man naturwissenschaftliche und sozialwissenschaftliche Expertisen zusammenführt, lässt sich die Braunkohleökonomie von Grund auf neu denken. Und dann erscheinen die Dinge in einem ganz anderen Licht. Es werden Optionen sichtbar, die bislang im Dunkeln lagen. Neue Technologien können helfen, nicht nur wirtschaftliche, sondern auch politische Probleme zu lösen. Damit öffnen sich neue Perspektiven gerade auch für die weltweite Klimapolitik. Denn bislang sind es vor allem die Braunkohleregionen und ihre Regierungen, die sich einer ambitionierten Klimapolitik verschließen.

Naturwissenschaftler haben ausgerechnet, dass die Einhaltung des klimapolitischen Zwei-Grad-Ziels in den kommenden Jahrzehnten nicht nur Negativemissionen erfordert, also den Einsatz von Techniken, die der Atmosphäre Treibhausgase entziehen. Hinzu tritt noch eine Herausforderung, die bislang kaum öffentliche Resonanz erfahren hat, obwohl ihr eine immense Bedeutung zukommt, wenn man es mit klimapolitischen Zielen ernst meint. Die Herausforderung besteht darin, dass wir mit fossilen Rohstoffen zukünftig völlig anders umgehen müssen als in der Vergangenheit, und das auch noch im globalen Maßstab. Diesen Rechnungen zufolge müsste die Menschheit rund ein Drittel der heute bekannten Ölvorkommen ungenutzt im Boden lassen, ungefähr die Hälfte der heute bekannten Gasvorkommen und zudem rund 80 Prozent der heute bekannten Kohlevorkommen. Dies würde im weltweiten Maßstab ganze Regionen ihrer wirtschaftlichen Basis entheben. Die Forderungen der Zivilgesellschaft nach einem Ausstieg aus der „schmutzigen Braunkohle“ reihen sich hier ein. Und in der Tat ist es nicht völlig undenkbar, dass Deutschland zusätzlich zu den bisherigen Kosten im Rahmen der Energiewende auch noch den politischen Willen aufbringt, die Kohleverstromung freiwillig einzustellen. Einerseits. Andererseits aber ist es völlig utopisch zu erwarten, dass ein solcher Verzicht auf fossile Brennstoffe im globalen Maßstab Schule machen könnte. Hier müssen andere Lösungen gefunden werden, wenn man nicht tatenlos zusehen will, dass alle klimapolitischen Anstrengungen auf der Nachfrageseite, die uns gerade in Deutschland teuer zu stehen kommen, durch das Verhalten der Angebotsländer konterkariert werden. Im Klartext: Es ist nicht damit zu rechnen, dass die Länder Afrikas oder dass Russland und China dem deutschen Vorbild nacheifern würden, wenn es darum geht, fossile Energieträger ungenutzt im Boden liegenzulassen.

Vor diesem Hintergrund wäre es besser, sich nicht mit Forderungen zum Ausstieg aus der vermeintlich „schmutzigen“ Braunkohle zu begnügen, sondern ernsthaft daran zu arbeiten, den Einstieg in eine (auch im metaphorischen Sinn) „saubere“ Braunkohlewirtschaft zu organisieren, um als Pionier auch anderen Ländern einen Weg zu weisen, wie fossile Rohstoffe klimafreundlich genutzt werden können. Die zentrale Idee hierfür besteht darin, die Braunkohle in einem geschlossenen Kreislauf so zu nutzen, dass Treibhausgasemissionen gar nicht erst entstehen.

Da Braunkohle mit ihrem hohen Feuchtigkeitsanteil vielen biologischen Abfällen „ähnlich“ ist, verbinden sich hiermit auch neue Perspektiven für eine Müllverschwelung, die dann nicht mehr bloß der Entsorgung unerwünschter Stoffe dient, sondern im Rahmen einer zirkulären Wirtschaft für die Versorgung mit erwünschten neuen Stoffen dienstbar gemacht wird. Hier erfolgt eine paradigmatische Umstellung weg von reiner Schadensbegrenzung hin zu genuiner Wertschöpfung. Eine auf der Braunkohle aufbauende Kohlenstoffchemie – konzeptionell auf Basis der Steinkohle in den Dreißigerjahren in Deutschland aufgebaut und heute noch in Südafrika großtechnisch genutzt – wäre bereits bei einem Ölpreis von rund 45 US-Dollar je Barrel rentabel. Völlig „sauber“ ist diese Produktion, sobald es gelingt, die dabei entstehenden Kohlenmonoxide und -dioxide zu entsorgen bzw. verwertbar zu machen. Technisch wäre das möglich.

Ökonomisch wird es rentabel, wenn regenerative Energien aus Sonne und Wind irgendwann im Überfluss bereitstehen, aber auch einer effizienten Speicherung und Verteilung bedürfen – beides Schwachstellen im bisherigen System der Energieversorgung. Strom würde erst zu Wasserstoff und dann zu Methan umgewandelt, beliebig gespeichert für die Bedarfsglättung durch Gaskraftwerke. Auf Basis des heute schon bestehenden Gasverbundnetzes könnte dieses Methan in der gesamten Republik und weit über die Landesgrenzen hinaus verteilt werden. Die mit harter Bandage durchgekämpften Stromtrassen wären dann überflüssig.

Der bei der Wasserstoffherstellung abfallende Sauerstoff könnte helfen, bio-chemische Prozesse zu beschleunigen – beispielsweise in Klärwerken, die dann erheblich kleiner ausfallen könnten. Zudem wäre es möglich, die Abfälle der Klärwerke in die Prozesse zur Verschwelung der Braunkohle einzuspeisen. Hier zeichnen sich fortschrittliche Optionen zur ökologischen Schließung von Stoffkreisläufen ab.

Das alles verweist auf eine wichtige Lektion: In Deutschland wäre viel gewonnen, wenn anstatt populärer Effekthascherei eine um nachhaltige Erfolge besorgte Umweltpolitik nicht länger dem impulsiven Instinkt folgte, bei jeder sich bietenden Gelegenheit auf eine Außerkraftsetzung von Märkten zu setzen. Wir brauchen nicht Interventionen, sondern Innovationen. Dies erfordert eine ordnungspolitische Rahmensetzung. Würde in den aktuellen Koalitionsverhandlungen verstärkt auf eine bessere Inkraftsetzung des Marktes gesetzt, ließen sich die bisherigen Konfliktlinien im Kontext der (Braun-)Kohle auflösen: Unternehmen würden mit starken Anreizen ausgestattet, ökologisch attraktive Problemlösungen im Markt technisch und organisatorisch umzusetzen.

Die vor uns stehenden ökologischen Herausforderungen sind gewaltig. Sie lassen sich nicht durch Verzicht auf Wohlstand bewältigen, schon gar nicht im globalen Maßstab.

Wer Entwicklungs- und Schwellenländer unter Druck setzen will, um des Klimas willen Verzicht zu leisten und Bodenschätze ungenutzt zu lassen, handelt nicht moralisch, sondern unmoralisch. Die moralische Option liegt allein darin, auf forcierte Innovationen zu setzen. Die aber fallen nicht vom Himmel. Sie bedürfen politischer Weichenstellungen. Und gerade in dieser Hinsicht – also nicht nur wirtschaftspolitisch, sondern insbesondere auch umwelt- und entwicklungspolitisch – ist die Rede vom Ausstieg aus der vermeintlich „schmutzigen“ Braunkohle extrem bedenklich. Denn sie beschwört die Gefahr herauf, die Politik aufs falsche Gleis zu setzen. Das richtige Gleis leitet uns zu einem gerade auch international wegweisenden Einstieg in eine saubere Braunkohlewirtschaft.

Unter dem Titel Perspektiven veröffentlicht die SZ kontroverse Texte, die Denkanstöße geben und zur Diskussion anregen sollen.