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Ein langer Atem

Oliver Bräuer fotografiert seit Jahrzehnten Dampfzüge. So macht er ihre Schönheit sichtbar und haltbar.

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© Oliver Bräuer

Von Anna Hoben

Osterzgebirge. Seine Models bringen Tonnengewichte auf die Waage. Sie sind alt, bewegen sich schwerfällig und schnaufen laut. Oliver Bräuer kann sich nichts Schöneres vorstellen. Der 52-jährige Dresdner fotografiert seit Jahrzehnten Dampfzüge. Was es genau ist, das ihn an den Ungetümen fasziniert, kann er nicht erklären – und das ist wahrscheinlich der Grund, warum er nicht aufhören kann, sie abzulichten.

Abendland: Die Harzer Schmalspurbahn bewegt sich gen Brocken.
Abendland: Die Harzer Schmalspurbahn bewegt sich gen Brocken. © Oliver Bräuer
Highland: Der Jacobite-Zug ist das Sahnehäubchen in der schottischen Landschaft.
Highland: Der Jacobite-Zug ist das Sahnehäubchen in der schottischen Landschaft. © Oliver Bräuer
Winterland: Die Döllnitzbahn schnauft durch Naundorf bei Oschatz.
Winterland: Die Döllnitzbahn schnauft durch Naundorf bei Oschatz. © Oliver Bräuer

Bräuer hat vorgeschlagen, das Interview im Zug zu machen, und ja: Wie könnte man besser versuchen, dem Geheimnis auf die Spur zu kommen, als während einer Fahrt mit der Weißeritztalbahn? 7.42 Uhr: Abfahrt in Freital-Hainsberg, die Sonne ist gerade aufgegangen, es sind keine weiteren Passagiere unterwegs. Langsam wird es warm im Abteil, Bräuer will trotzdem raus auf die Plattform.

Während die Schmalspurbahn in den Rabenauer Grund eintaucht, erzählt er von der Reise nach Schottland, die er vor Kurzem gemacht hat. Einigermaßen erfolgreich sei sie gewesen, das heißt: „Es hat nicht sieben Tage am Stück geregnet“. Sieben oder acht Zug-Fotos hat er mitgebracht von der Reise, damit ist er zufrieden. In Zeiten von Digitalkameras und Smartphones, da manche den Urlaub nur noch auf Geräte-Displays erleben, ist das, was Bräuer macht, zutiefst anachronistisch.

1992 hat er Schottland entdeckt, seitdem ist er fast jedes Jahr dort gewesen. Weil er die Landschaft liebt. Und wegen der Züge. „Es gibt dort eine unglaubliche Museumsbahnszene mit einigen feinen Sachen, die alles andere in den Schatten stellen. Weil Bräuer nicht gern fliegt, setzt er per Zug und Fähre über, bis zu 40 Stunden dauert die Anreise jedes Mal. Er arbeitet noch immer mit der analogen Kamera, die er in den 90ern gebraucht gekauft hat.

Ein lautes Glockenläuten kündigt an, dass die Weißeritztalbahn Dippoldiswalde erreicht hat. Wer von den Dippsern bisher noch nicht wach gewesen ist – jetzt ist er es bestimmt. Aussteigen, über den Bahnsteig schlendern, zuschauen, wie der Kessel einer Lok mit Wasser befüllt wird. „Es gibt Leute, die können jedes einzelne Bauteil benennen“, sagt Oliver Bräuer.

Er selbst gehört nicht dazu. Seine Faszination hat mit Technik nie etwas zu tun gehabt. Stattdessen mit Ästhetik und einem Gefühl von Unterwegssein, Abenteuer und einer Art von Freiheit, die auch in seiner zweiten großen Liebe eine Hauptrolle spielt: der Musik. Die Blues-, Country- und Jazzmusikgeschichte ist voll mit Anspielungen auf Züge, von „Chattanooga Choo Choo“ bis „Take the A Train“.

Die Leidenschaft für Züge liegt in der Familie. Schon Oliver Bräuers Vater wollte zur Eisenbahn, wurde aber Tischler wie der Großvater. Als er einen Sohn bekam, fing er an, sich mit einer Modelleisenbahn seinen Traum zu erfüllen. „Und ich bin eben dabeigeblieben“, sagt Bräuer. Heute behält er in der Zugüberwachung bei der Deutschen Bahn von seinem Arbeitsplatz in Leipzig aus den Überblick darüber, welcher Zug sich gerade wo aufhält. Transporttechnologie hatte er nach dem Abitur studiert, aber regelmäßig Vorlesungen geschwänzt, um Züge zu fotografieren.

Porträts von Lokomotiven am Bahnsteig, damit fing er an. „Irgendwann wurde mir das aber zu langweilig. Ich habe gemerkt, dass es vor allem auf Licht und Landschaft ankommt.“ Zum Fotografieren fuhr er nach Polen und in die Tschechoslowakei. Nach der Wende zog es ihn nach Norwegen, in die Schweiz – und natürlich nach Schottland. Die Foto-Gelegenheiten haben in den vergangenen Jahren freilich drastisch abgenommen. „Früher hatte man 20 Versuche am Tag, heute ist es noch einer.“ Der schottische Jacobite-Dampfzug – seit seinen Auftritten in den Harry-Potter-Filmen weltberühmt – fährt immerhin zweimal täglich durch die Highlands: einmal vorwärts, einmal rückwärts.

„Früher“, sagt Oliver Bräuer, „hat nie jemand kapiert, warum ich das mache. Wenn jemand Motorräder zusammengebaut hat oder Briefmarken gesammelt, das haben die Leute verstanden. Aber Dampfzüge fotografieren?“ Auch Frauen habe man damit nicht gerade beeindrucken können. Das Ansehen eines solchen speziellen Hobbys ändere sich aber: „Inzwischen ist Retro ja wieder angesagt.“

Freital-Hainsberg, 9.25 Uhr. Die Weißeritztalbahn kommt zum Stehen, der Ausflug im rollenden Museum ist beendet. Man hat einen flüchtigen Blick erhascht auf den Zauber der Züge. Nun hat sich der Dampf verzogen, und die Bahn wird die Luft anhalten – bis zur nächsten Fahrt.