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Ein Leben für die 100

Die Kultkneipe feiert ihren 25. Geburtstag. Ihr Chef, Ali Habib, will mit seinen Gästen das ganze Jahr feiern.

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© Sven Ellger

Von Ulrike Kirsten

Könnten diese Wände Geschichten erzählen, sie kämen aus dem Plaudern nicht heraus. Dabei ist das Haus im Hinterhof der Alaunstraße 100 selbst Teil einer großen Geschichte. Nach der Friedlichen Revolution hat hier mit der 100 eine der ersten Kneipen im Viertel eröffnet.

Im Gang, der zum Café im Erdgeschoss führt, offenbaren Graffitis den Geist der Zeit. Die Neustadt ist Freiraum, bietet Platz für Unkonventionelles. Das Viertel begehrt auf gegen die neuen Herren aus dem Westen, die sich die Neustadt zu eigen machen wollen.

In der 100 wird über Politik debattiert, werden fortan neue Ideen für die Zukunft des Viertels aus dem Boden gestampft. Bis heute treffen sich hier die eingesessenen Neustädter, die sich nicht von Spekulanten und Mietwucher haben vertreiben lassen. Ali Habib kennt die meisten persönlich. Seit 1991 arbeitet der Palästinenser aus Nazareth in der Kultkneipe. „Ich bin 1990 zum Studieren nach Deutschland gekommen“, sagt der 47-Jährige. Nach einem achtmonatigen Sprachkurs in Wismar erhält er die Erlaubnis an der TU Dresden Wirtschaftsinformatik zu studieren. „Dresden und ich, das war Liebe auf den ersten Blick“, erinnert sich Habib an seine Ankunft. „In Israel war es für mich als Palästinenser schwer, überhaupt studieren zu können, trotz eines sehr guten Abiturs.“ Die Entscheidung nach Deutschland zu gehen, traf er bewusst. „Ich fand es unheimlich spannend, was damals hier los war, diese Umbruchzeit, alles ging hier wilder und ungeordneter zu, als ich es von Israel gewohnt war.“

Mit seinem Kellnerjob in der 100 finanziert sich der Israeli sein Studium und zieht später selbst in die Neustadt. Neun Jahre später übernimmt er die 100 als Geschäftsführer. 2008 gründet Hausbesitzer Tobias Meyhöfer die Café 100 GmbH, deren Manager Habib bis heute ist. „Auch wenn Tobias nicht in Dresden ist, er unterstützt uns bei allem, wo es nur geht“, sagt Habib. Für die Neustadt hat der Israeli seine eigentlichen Pläne über den Haufen geworfen. „Die Vorstellung war hierherzukommen, zu studieren und danach zum Arbeiten zurück nach Israel zu gehen.“ Doch das Viertel und seine Menschen haben ihn da schon längst in seinen Bann gezogen. „Meine Wurzeln sind in Israel, aber man kann sie auch verpflanzen. Ich fühle mich mehr deutsch als israelisch, ich bin und bleibe beides.“

Seine Herkunft hat inzwischen auch Wurzeln in der 100 geschlagen. Im Biergarten wachsen Reben, eine Kreuzung aus einer Meißner und israelischen Sorte, die er von seinem Weinberg in Nazareth mitgebracht hat.

Die Weinstöcke könnten dabei kein besseres Symbol sein, was die Kultkneipe heute ausmacht. Die halbe Welt ist hier zu Gast. „Neben unseren vielen Stammgästen kommen Studenten aus aller Welt zu uns“, sagt Ali Habib. Die 100 ist so mehr als nur Kneipe, sie ist Hort kreativer Ideen und kulinarischer Genüsse. Die Küche ist dabei Alis Reich. „Ich koche Rezepte von meiner Mutter und Großmutter, hauptsächlich vegan-vegetarische Küche der Ostmittelmeer-Küste“, sagt der Gastronom, der seit 30 Jahren Vegetarier ist. Humus und Falafel stehen auf der Karte. Wein und Oliven stammen auch aus der Region um Nazareth. Wenn sich der Sommer über die Neustadt legt und der Betrieb ruhiger wird, fliegt Ali Habib ein paar Wochen nach Nazareth, um selbst zu ernten.

Doch bevor es wieder nach Israel geht, wollen er und sein fünfköpfiges Team mit ihren Gästen Geburtstag feiern. Und zwar das ganze Jahr. „25 wird man nicht alle Tage. Immerhin ist die 100 eine der ältesten und bekanntesten Kneipen Dresdens.“ Am 23. Mai 1990 wurde die Kneipe offiziell eröffnet. Mit Ausstellungen und Konzerten soll das Jubiläum zelebriert werden. Denn die 100 ist immer schon Musikkneipe gewesen. Vor allem Jazz und Swing gibt es hier zu hören. Mit vielen Musikern ist Habib befreundet, wie mit den Mitgliedern der Band Timeless M, die sich in der 100 gegründet hat. Manchmal greift er selbst zum Saxofon und spielt mit den Musikern. Im Keller zwischen Gewölbemauern aus Klinkerstein wird während der Konzerte geschwatzt, geflirtet, gelacht und barfuß getanzt. 250 verschiedene Weine gibt es in der 100 zur Auswahl. „Schon im Studium habe ich gemerkt, dass Wein mein Ding ist. Also habe ich mich darauf spezialisiert. Seitdem bin ich ständig unterwegs, um neue Sorten zu entdecken“, sagt Ali Habib.

Sich für die Kreativität statt das Kapital zu entscheiden, hat der 47-Jährige nie bereut. „Ich bedaure mein Studium nicht, sonst wäre ich nie hier gelandet.“

Zur Bunten Republik Neustadt am 20. Juni spielt die Band Timeless M im Weinkeller des Cafés 100 auf der Alaunstraße 100 (Hinterhaus). Der Eintritt ist frei.

Ali Habib sucht Bilder und Fotografien der Neustadt aus den letzten 25 Jahren. Daraus soll eine Ausstellung entstehen. Wer welche zur Verfügung stellen kann, bitte E-Mail an [email protected]. Es warten kleine Überraschungen.