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Ein Leben im Dienst der Versöhnung

Frankreich. Der Mord an Taize-Gründer Frère Roger überschattet den Weltjugendtag in Köln.

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Von Paul Kreiner,SZ-Korrespondent

Der Gegensatz könnte nicht greller, nicht schreiender sein: In Köln schäumen sie vor fernsehgerechter Fröhlichkeit über; der zwanzigste Weltjugendtag wird eröffnet. Kardinal Meisner, der Hausherr, spielt mit einem Bierfässchen und setzt sich – noch im Messgewand – eine Narrenkappe auf, um der Jugend zu gefallen.

Zur selben Stunde wird im französischen Taize ein schlichter, tief religiöser Mönch erstochen, der solchen Zauber überhaupt nicht nötig hatte, der das Wort „Anbiederung“ nicht kannte, der allein mit seiner Persönlichkeit, seiner Ausstrahlung, seiner Stille die Jugendlichen zu Zehn- und zu Hunderttausenden faszinierte: Roger Schutz. Sein Lebenswerk soll nun in einer zentralen liturgischen Feier des Weltjugendtages gewürdigt werden, kündigte Prälat Heiner Koch gestern in Köln an.

Der Schock sitzt tief

Gestern, am Morgen nach dem Mord, sitzt der Schock umso tiefer. Dass eine der überzeugendsten religiösen Persönlichkeiten der Gegenwart gestorben sei, beklagen übereinstimmend Kirchenführer aller Konfessionen, Politiker verschiedenster Couleur – und alle, die je das Glück hatten, Roger Schutz persönlich zu erleben. Aber warum musste er sterben? Warum hat sich jene 36-jährige Rumänin auf den greisen Mönch gestürzt, während des Abendgebets auch noch, in der „Kirche der Versöhnung“? Klar, geistig verwirrt war sie – die Diagnose des ersten Augenblicks konnte nur so lauten. Am Morgen nach der Tat befindet die französische Polizei, die Mörderin sei „nicht so verwirrt gewesen, dass sie in der Psychiatrie untergebracht werden müsste“.

Entsetzen über die Kriege

Neunzig Jahre alt war Roger Schutz im Mai geworden; sein Leben lang hatte er sich in den Dienst der Versöhnung gestellt, nicht mit Programmen und Proklamationen, sondern mit seinem lebendigen Vorbild. Ihn hat das Entsetzen über die beiden Weltkriege geprägt: Wie konnten Christen nur aufeinander schießen? Wie konnten sie sich überhaupt ihre Spaltung in Konfessionen leisten?

Er radelt 1940 nach Burgund und siedelt sich im verlassenen 40-Seelen-Dorf Taize an, bietet Schutz und Hilfe – verfolgten Juden zuerst, danach deutschen Kriegsgefangenen. Er zieht einige Schweizer nach sich. 1949 gründen die sieben Freunde, sich verpflichtend auf die urchristlich-überkonfessionellen Mönchsgelübde – Armut, Ehelosigkeit und Gehorsam – etwas, das im Protestantismus bis dahin verpönt ist: ein Kloster, eine Ordensgemeinschaft. Eigentlich wollen die Mönche ja in Stille leben, arbeiten und beten; aber Papst Johannes XXIII. wird aufmerksam auf das religiöse Experiment. Er lädt den reformierten Pastor Schutz als „offiziellen Beobachter“ zum Zweiten Vatikanischen Konzil ein, schließt Freundschaft mit ihm.

Roger Schutz hat seine Mönche - mehr als hundert sind es, katholische und evangelische - in die sozialen Brennpunkte der Welt geschickt; aus brasilianischen Slums oder elenden südafrikanischen Schwarzen-Siedlungen hat er selbst seine Briefe geschrieben, in denen er die Kraft und die Sehnsucht der Jugend nach einer Verbesserung der Welt beschwört.

„Die Gewalt der Friedfertigkeit“, „Ein Fest ohne Ende“, „Kampf und Kontemplation“ heißen seine Bücher. Die so mörderische zwischenmenschliche und -christliche „Vertrauenskrise“ von heute könne nur durch den „Frieden des Herzens“ überwunden werden; das „Vertrauen des Herzens“ sei „aller Dinge Anfang“: „Wie groß ist indes die Umkehr des Herzens, die allen, in jedem Lebensalter, jedem einzelnen abverlangt wird, um dorthin zu gelangen!“

Wallfahrtsziel für Jugendliche

Derweil entdecken immer mehr Jugendliche das Kloster als Wallfahrtsziel. Überwältigt und fast erschrocken vom Ansturm der Jugendlichen, gerade in und nach der Krise von 1968, ruft Roger Schutz 1970 in Taize das „Konzil der Jugend“ aus. Es ist praktisch der erste Weltjugendtag.

Roger Schutz hat Preise bekommen, obwohl er sie nicht wollte: den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und den Aachener Karlspreis unter anderem.

Die Leitung der Gemeinschaft von Taize geht nun, in fortgesetzter Ökumene, an Frère Alois über, einen Katholiken aus Stuttgart, der eigentlich Alois Löser heißt und schon vor 32 Jahren in die Mönchsgemeinschaft eingetreten ist.