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Ein Lügner und Menschenfreund

Der Baulöwe Jürgen Schneider galt 1990 in Leipzig als Glücksbringer – bis zur Pleite. Ein MDR-Film stellt alte Fragen neu.

© kairospress

Von Larissa Niesen

Sobald das laute „Aus!“ durch den Raum schallt, gibt Reiner Schöne die gedankenverlorene Pose eines grübelnden älteren Herrn am Fenster wieder auf. Nur die Finger seiner rechten Hand trommeln noch ein paar Sekunden länger auf der Fensterbank herum. Doch Schönes eleganter Sommeranzug täuscht: Es ist klirrend kalt im Schloss Waldenburg. Doch die eben gedrehte Szene spielt nun mal nicht im Winter und ebensowenig in Sachsen: Für insgesamt vier Drehtage wird das imposante Gebäude unweit von Zwickau vor der Kamera zur Villa im sommerlichen Taunus, wo der Baulöwe Jürgen Schneider einst seinen Wohnsitz hatte. Rainer Schöne verkörpert ihn im Doku-Drama „Peanuts – Die Jürgen Schneider Story“ des MDR, das seinem „Helden“ aus dem Taunus durch seine spektakuläre Fluchtgeschichte bis nach Miami folgt. Sie war der Höhepunkt des Anfang der 90er-Jahre deutschlandweit Aufsehen erregenden Immobilienkrimis. Nun ist sie der rote Faden des Drehbuchs.

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Schneider bei einer Pressekonferenz 1992 in Frankfurt/Main, als sein Unternehmen schon zu wanken begann. © SZ-Archiv

Die Geschichte um den Bauunternehmer, der insbesondere nach der Wende eine Reihe maroder Immobilien kaufte und sanieren ließ, wird erzählt anhand von Archivmaterial, Zeitzeugen-Interviews und einigen Spielszenen. Schneider nahm für seine Baupläne Kredite bei mehr als 50 Banken auf, fälschte Flächenangaben, verwandelte Brutto- in Nettozahlen und stapelte seine Lügen schließlich zu einem über fünf Milliarden Mark schweren Schuldenhaufen. Eines seiner Projektresultate ist die Mädler-Passage in Leipzig. Und ein Kapitel für sich ist die Reaktion der Banken auf seine Konkursmeldung: „Peanuts“, ließ Hilmar Kopper verlauten, damals Vorstandssprecher der Deutschen Bank. Wenig später konnte er die Glückwünsche zum Unwort des Jahres 1994 entgegen nehmen.

Für das Archivmaterial und die Interviews ist Regisseur Christian Schulz zuständig. Die Verfilmung der fiktionalen Szenen soll insgesamt sieben Tage dauern; davon zwei in Berlin, zwei in Spanien und drei in Waldenburg. Das bis 1914 als kurfürstliche Residenz ausgebaute Schloss bietet eine beeindruckende Kulisse: dunkles Edelholz an den Wänden, geschwungene Treppengeländer, dicke Teppiche, die jeden Schritt dämpfen. Durch das bunte Schmuckglas der Decke fällt staubiges Tageslicht. Und trotz der Stille in den hohen Hallen sind vierzig Crewmitglieder bei der Arbeit. Produktionsleiter Sascha Beier von Saxonia Entertainment hat schon öfter hier im Schloss gedreht. „Die Produktionsbedingungen sind einfach wunderbar“, sagt er.

Ein verzerrtes Selbstbild

Das Drehbuch der Spielszenen hat Regisseur Benjamin Quabeck selbst geschrieben. Etwa ein Drittel des fertigen Films sollen sie ausmachen. Für den 41-Jährigen ist es die erste Arbeit an einer Dokumentation. Für ihn rückt besonders Jürgen Schneiders Ehe mit seiner Frau Claudia Schneider-Granzow ins Zentrum. Schneider hatte sie erst spät eingeweiht, sie teils sogar ohne ihr Wissen bei den Krediten als Mithaftende eingesetzt. Dennoch gelang es ihm schließlich, sie vor einer Haftstrafe zu bewahren. „Eine total skurrile Geschichte“, sagt Quabeck. „Ich denke, er fühlt sich da wirklich wie ein Edelmann, der seine Frau beschützen will. Aber gleichzeitig hält er sie aus allem heraus und betrügt sie.“

Auch von sich selbst hatte der Baulöwe wohl ein verzerrtes Bild; obgleich man ihm vorwarf, das Ost-West-Verhältnis massiv belastet zu haben, empfand er das nie so. „Er fand sich selbst in diesem Wertesystem nicht wieder“, urteilt Quabeck. Das Bild Schneiders bleibt ambivalent, ein Januskopf mit zwei Gesichtern; schwankend zwischen dem gierigen Bankenbetrüger und dem strahlenden Wiederaufbauer, dem man auch heute noch dankbar sein kann. Wenn man will.

Schneiders Mitarbeiter Karl-Heinz Küpferle wird von Schauspieler Hans-Jürgen Silbermann verkörpert. Der kann mit dem ersten Bild wenig anfangen. „Da kam quasi ein Retter aus dem Westen“, korrigiert er. „Danach war das vielen Leuten egal, wie die Häuser saniert worden waren.“ Trotzdem sei Schneider natürlich kein Unschuldsengel. Unterschwellig passiere da eine Menge, wenn er in einer Szene mit Küpferle spricht: „Drohung ist vielleicht nicht das richtige Wort, es ist vielmehr Nötigung. Küpferle ist auch nur ein Angestellter, der Angestellter bleiben möchte.“

Silbermanns Schauspielkollege Matthias Hummitzsch gibt den Deutsche-Bank-Manager Alfons Crobousier. Er sucht die Schuld bei den Finanzhaien: „Wenn Profit lauert, ist die Vorsicht dahin.“ Außerdem habe Schneider lediglich die Gelegenheiten genutzt, die sich ihm boten. Ob das den Banken vielleicht sehr wohl bewusst war? „Jeder Lehrling hätte diesen Betrug herausfinden können“, glaubt Hummitzsch.

Vier Tage Dreh – das ist nicht eben üppig bemessen. Am Vortag hat das Team bis halb zwei in der Nacht gearbeitet. „Aber es ging allen prima“, versichert Silbermann. Auch weil Benjamin Quabeck ein behutsamer und freundlicher Regisseur sei. „Trotzdem weiß er genau, was er will.“

Wer Hauptdarsteller Rainer Schöne aus seinen prominenten Einsätzen etwa bei „(T)raumschiff Suprise“ kennt, wer mit dem Anblick seiner schulterlangen Haare und seinem immer irgendwie herausfordernden Blick vertraut ist, wird ihn in „Peanuts“ kaum wiedererkennen. Nicht nur wegen der schwarzen Haare. Der 76-Jährige hat die Jürgen-Schneider-Story damals ständig in der Presse verfolgt und erinnert sich noch an „die fucking Arroganz der Deutschen Bank“. Den Titel „Peanuts“ findet Schöne daher perfekt. Und ähnlich wie Silbermann kann er sich einer gewissen Sympathie für die Person Schneiders nicht entziehen. „Er ist schon irgendwo ein Künstler, ein Manipulator eben. Nicht unbedingt zur Nachahmung zu empfehlen, aber sehen Sie sich doch mal an, was er mit der Mädler-Passage angestellt hat! Das ist schon geil.“

Besonders freut sich Schöne auf jene Szene, in der Jürgen Schneider vom Geldstopp der Banken erfährt. „Das ist eine der emotionalsten Szenen. Er ist völlig fassungslos, als einfach alles zusammenbricht.“ Nein, sagt Schöne, mit Schneider persönlich habe er sich noch nicht unterhalten. „Aber alles, was für mich wichtig ist, habe ich im Drehbuch gefunden.“

Viele offene Fragen bleiben ohnehin nicht. Nach seiner Festnahme hat Jürgen Schneider alles offen gelegt, sodass er auf die Ankündigung der Dokumentation mit Verblüffung reagiert habe, erzählt Regisseur Quabeck. Auch MDR-Redakteurin Silke Heinz betont das. „Es ist nicht so, dass wir investigativ irgendwem hinterherrennen müssen. Es ist alles ermittelt und transparent. Unser Film wird transportieren: Schneider sieht sich schuldig, aber er fühlt sich auch betrogen.“ Denn das ist, worüber es sich noch lohnt, nachzudenken: Wie schuldig ist Schneider tatsächlich? Wie viel Schuld hingegen tragen die Banken?

Fragen wie diese wird der Film, der im Sommer in der ARD laufen soll, auch im Nachhinein kaum klären können. Aber er kann Aspekte anders beleuchten und neue Fragen stellen. Und dabei mehr aus der Geschichte holen als „Peanuts“.

So sehr es dem Filmteam auf dem winterlichen Schloss Waldenburg gefällt: Lieber hätten sie Jürgen Schneiders Originalwohnsitz bei Königstein als Drehort genutzt. Das aber war nicht möglich. Denn die Villa des einstigen Baulöwen gehört längst einem Investor aus China.

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