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Ein Magier aus Görlitz

Ralph Kunze war viel in der Welt unterwegs. Doch der Zauber seiner Heimatstadt prägt ihn. Nun tritt er im Theater auf.

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© Nikolai Schmidt

Von Frank Seibel

Dieser Vollmond! An diesen Abenden, wenn die Luft noch warm ist, der Himmel dunkel und klar, und das weiße Licht des Mondes auf die Türme der Altstadt strahlt – das hat etwas Magisches. Ralph Kunze kennt diesen Zauber seit mehr als 50 Jahren. Einige Male hat er seine Heimatstadt verlassen, immer wieder ist er zurückgekehrt. Die gewundenen Gassen, das Pflaster, die Türme, das Licht, aber auch die prachtvollen Straßenzüge und Plätze, das alles hatte Ralph Kunze bei sich, wenn es ihn fortzog, um Neues zu entdecken. Viel hat er gelernt in Hamburg, Las Vegas, in der Schweiz und Südfrankreich – doch ohne seine Görlitzer Wurzeln wäre er wohl nie geworden, was er nun ist: ein Magier.

An vielen Orten in der Oberlausitz hat er schon gezeigt, was er darunter versteht. Ralph Kunze zaubert für Firmen und Familien, er lässt in der Alten Wäscherei in Hirschfelde Stühle schweben, fügt auf dem Butterberg in Bischofswerda zerschnittene Seile zusammen, liest in Neugersdorf Gedanken, lässt in Bautzen Obst im Becher verschwinden, macht auf Burg Stolpen aus einem Stuhl zwei, findet am Berzdorfer See Juwelen aus der gesunkenen Titanic.

Beton tut der Magie nicht gut

Am kommenden Freitag wagt er sich erstmals auf die große Bühne des Görlitzer Theaters – und sieht auch das nur als Zwischenstation. Mit seinem Programm „Magiluna“ will er neugierig machen auf sein erstes eigenes Theater – den „Zauberturm“ am Hothertor, unterhalb des Vogtshofes gelegen. Die Stadt bereitet Renovierung, Umbau und Brandschutz vor, und im Frühjahr nächsten Jahres will Ralph Kunze den Turm mit seinem Verein „Magi Gorliciensis“ mieten und dauerhaft bespielen.

Natürlich kann man auch in einer Garage oder in einer Betonhalle zaubern. Aber das ist anstrengend. Denn auf die Atmosphäre kommt es an beim Zaubern. „Kunst lebt zu einem beträchtlichen Teil vom Geheimnis“, sagt er. Das gilt für seine Kunst besonders, „eine der ältesten Unterhaltungskünste der Menschheit“. In einem mittelalterlichen Wehrturm „muss ich viel weniger Energie reingeben“. Da können die Gäste mit einem Schritt über die Schwelle dem Alltag entfliehen. Im Görlitzer Theater, sagt Ralph Kunze, funktioniert das auch. Das ist keine Frage der Bühnengröße, sondern des Raumes insgesamt. „Magische Kunst braucht das Salon-Format. Im Görlitzer Theater kann ich von der Bühne aus noch fast zu jedem Zuschauer einen persönlichen Kontakt aufbauen.“ Das Theater ist ihm vertraut. Im Allgemeinen und im Besonderen. Voriges Jahr stand er hier bei einem der schon legendären Kinderkonzerte auf der Bühne: als „Randalph, der Magier“. Und als Schüler an der damaligen polytechnischen Oberschule, dem „Augustum“ am Klosterplatz, hat er bei Adolph Mesewinkel und Konrad Hanslik die Grundlagen der Schauspielkunst gelernt.

Zaubern, sagt der 55-Jährige, ist viel mehr als nur Trickserei. Flinke Hände, okay, die gehören dazu. Aber die Körpersprache ist noch wichtiger. Gesten, Mimik. Und die Sprache. „Es gibt Menschen, die kommen in einen Raum. Und es gibt solche, die erscheinen“, sagt Ralph Kunze und schmunzelt. Das hat weniger damit zu tun, ob man ein toller Kerl ist, vielmehr gehört all das zum Handwerk eines Künstlers. Wie auch die große Klappe, die der Ur-Görlitzer zweifellos hat. Sie schützt ihn, einerseits – andererseits hat er sich damit auch einigen Ärger eingeholt. Das Abitur durfte er nicht machen, stattdessen machte er eine Tischlerlehre. Aber die hat ihm wiederum später sehr geholfen.

Als Kind schon hat er Görlitzer Zauberer wie Eberhard Niedrig und Peter Kurz kennengelernt. Das waren Freunde seiner Eltern. Von Eberhard Niedrig, dem langjährigen Vorsitzenden des Magischen Zirkels zu Görlitz, hat er die ersten Kunstgriffe gelernt. Heute bringt er seine besten „Tricks“ unter dessen Namen erneut auf den Magier-Markt. „Trick“ trifft es gar nicht. Das wichtigste ist eine gute Geschichte. Zum Beispiel die von der berühmten Venus von Milo, einer hellenistischen Figur ohne Arme, die 1968 im Rahmenprogramm der Olympiade in Tokyo ausgestellt wurde. Aber als die Japaner die Figur auspackten, wussten sie nicht, dass sie noch nie Arme hatte. Um diese Zeitungsnachricht ersann Eberhard Niedrig in den 1980er Jahren eine ziemlich verrückte Geschichte, die er zum Zauberkunststück ausbaute. Das alles, Legende, Präparate und Gebrauchsanweisung, ist ein Produkt auf dem magischen Markt; nur erhältlich für echte Magier. Heute verdient Ralph Kunze einen Teil seines Einkommens selbst mit Eigenproduktionen, die er in internationalen Fachforen und auf Seminaren verkauft. Magie ist mehr Kopf- als Handarbeit.

Lehrjahre bei Colani

Als er 1999 in seine Heimatstadt zurückkehrte, hatte er eineinhalb bewegte Jahrzehnte hinter sich: die gescheiterte „Republikflucht“ über Ungarn, Gefängnis in Brandenburg; freigekauft von der Bundesrepublik, in Hamburg rausgekommen. Als Tischler hat er auf der Werft gearbeitet, die „Queen Elisabeth“ geliftet. Die Zauberei hat er nicht aus dem Blick verloren. Mit anderen jungen Wilden gründete er die „Magischen Nordlichter“, die natürlich alles anders und besser machen wollten als Eberhard Niedrig und die anderen Alten. Ein Millionär und Zauberfreund wurde Mäzen für die Jungen und holte die Größten der Zunft nach Hamburg. Magier, die sonst Las Vegas verzaubern, brachten den Nordlichtern alles bei: Trickkunst, Philosophie, Dramaturgie, Psychologie ... „Das war ein unheimlich guter Grundstock“, sagt Ralph Kunze. Dazu die Lehren des Alltags: Bauabsprachen mit Auftraggebern und anderen Handwerkern auf den Kreuzfahrtschiffen.

Und dann dieser verrückte Star-Designer, den er bei einer Vorlesung an der Küste kennengelernt hat: Luigi Colani. Wer heute findet, dass seine Canon-Kamera gut in der Hand liegt, ist gewissermaßen ein Colani-Fan. Denn der Italiener, heute bald 90 Jahre alt, ist einer, der Mensch und Technik miteinander versöhnen kann. Die Magie der Technik ... Für Colani hat Ralph Kunze jahrelang gearbeitet: Autos gestaltet, die kaum Sprit verbrauchen, Flugzeug-Cockpits entwickelt, die man intuitiv bedienen kann. Bei Colani, erinnert sich Ralph Kunze, begann jeder Tag mit einer Vorlesung. Über das Mysterium, dass eine Hummel fliegen kann, zum Beispiel.

All das hat Ralph Kunze in sich aufgenommen, bevor er 1999 beschloss, in die Heimat zurückzukehren. Damals hat er sich auch dazu entschlossen, als Zauberkünstler sein Geld zu verdienen. Und als „Event-Manager“: Das Altstadtfest hat er 1999 in „Neu“ und „Alt“ sortiert und entschleunigt, für Siemens Turbinen schweben lassen und die Stadthalle im Großmannsstil der Gründerzeit gefeiert; er hat in der Bahnhofshalle 2004 den ersten Görlitzer Filmball organisiert, mit der deutschlandweiten Vorpremiere zu Jackie Chans „In 80 Tagen um die Welt“. Das sind Abenteuer, die an die Grenzen gehen.

30 Stunden Bühnenprogramm hat sich der Magier erarbeitet. „Aus diesem Pool schöpfe ich immer wieder neu.“ Er kennt einen Meister, der jeden Abend erstmal durch den Vorhang schaut, das Publikum taxiert und dann ganz schnell das Programm für den Abend zusammenstellt. Ganz so ist es bei ihm nicht. Aber Ralph Kunze stellt jedes Programm individuell zusammen, angepasst an den Ort, die Situation und das zu erwartende Publikum. Noch ist der nächste Freitagabend im Görlitzer Theater nicht fertig. Es soll ein besonderer Abend werden in einem besonderen Haus. Wenn die Magie des Mondes, die „Magi Luna“ bis in den klassizistischen Saal am Demianiplatz hinein strahlt, wird Ralph Kunze ganz nah an seinem Lebenstraum sein: ein eigenes Zaubertheater im Hotherturm zu Görlitz.

Show „Magiluna“ am Freitag, 23. September, 19.30 Uhr im Gerhart-Hauptmann-Theater in Görlitz