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Ein Maler, der zur Post wollte

Gerhard Jahn musste seinen Traumjob aufgeben. Für seinen Meisterabschluss übernachtete er auf dem Leipziger Bahnhof.

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© Dietmar Thomas

Von Helene Krause

Leisnig. Sinnend betrachtet der 83-Jährige den Goldenen Meisterbrief. Wie ein Plakat liegt er vor ihm auf dem Tisch. Erst vor Kurzem hat er ihn von der Handwerkskammer erhalten. Dabei wollte Malermeister Gerhard Jahn gar nicht Maler werden. Ihn interessierte die Post. „1946 gab es kaum Lehrstellen“, erzählt er. Trotzdem gelang es ihm, 1947 dort einen Ausbildungsplatz zu erhalten. Doch die Stelle wurde wieder entzogen. „Angeblich sei sie für weibliche Bewerber gewesen“, sagt Jahn. Weil sein Stiefvater ein Malergeschäft hatte, stieg Gerhard Jahn bei ihm ein. Die Behörde gestattete es ihm, dass er im Familienbetrieb lernte, obwohl sein Stiefvater keinen Meister hatte. Allerdings mit der Auflage, das dritte Lehrjahr woanders zu absolvieren. In Böhlen bei Leipnitz war ein Meisterbetrieb vorhanden. Dort lernte Gerhard Jahn aus. Danach war er arbeitslos.

Über das Arbeitsamt erhielt er eine Zu-weisung für die Arbeit in einer Sandgrube. Dann kam der Winter. Die Stelle war weg. Bei der kommunalen Wohnungsverwaltung in Leisnig versuchte er einen Neustart. Die hatte eine Malerabteilung. Im Frühjahr 1951 fing er dort an. Noch im selben Jahr musste er im Rahmen des Dienstes für Deutschland zum Straßenbau an die Neiße. Dort blieb er sechs Monate. Er erhielt einen Tageslohn von 1,50 Mark. Als er zurückkehrte, arbeitete er wieder in der Malerabteilung der kommunalen Wohnungsverwaltung. Nach einem Jahr wurde die Abteilung aufgelöst. Bei einem Malermeister in Leisnig fand er eine neue Stelle. Über den Betrieb arbeitete er in Berlin bei der Errichtung der Stalinallee. Als sein Chef zurück in seine westliche Heimat ging, fand Jahn in Hartha eine neue Stelle. In der Freizeit half er seinem Stiefvater zu Hause. Als der 1961 starb, stellte Gerhard Jahn den Antrag, das Geschäft weiterzuführen. Das ging nicht ohne Meisterabschluss.

Kein Zug fuhr zurück

Deshalb besuchte Jahn von 1961 bis 1962 die Meisterschule in Leipzig. „Das war eine schwere Zeit“, sagt er. „Die Schule war am späten Abend. Danach fuhr kein Zug mehr zurück.“ Er musste auf dem Leipziger Hauptbahnhof übernachten. Oft erledigte er im Wartesaal die Hausaufgaben. Obwohl er den Malerberuf nur aus der Not heraus erlernt hatte, blieb er dabei. „Es war der elterliche Betrieb“, sagt er. „Mich reizte die Vielseitigkeit und dass ich draußen herumkam. Ich wollte, dass der Betrieb erhalten blieb.“ Bis 2001 betrieb er die Firma weiter. Da er und seine Frau kinderlos blieben, löste er mit 71 Jahren den Betrieb auf. „Ich habe dann nebenbei noch was gemacht“, sagt er. „Aber mit 74 war Schluss.“

Zu DDR-Zeiten hatte Gerhard Jahn es schwer. „Die Staatsmacht wollte, dass wir PGH werden und in Leisnig gab es die noch nicht“, erklärt er. Die Leisniger Handwerksmeister weigerten sich, die Gesellen stellten sich dagegen. Daraufhin wurden ihm die Bilanzen für Material entzogen. „Trotz der Drohungen von behördlicher Seite blieben wir selbstständig“, sagt er. Zwei bis drei Beschäftigte und einen Lehrling hatte das Unternehmen zu dieser Zeit.

Der Sprung in die Marktwirtschaft gelang dem Meister. Zu DDR-Zeiten durfte er seinen Bruder im Westen besuchen. Dort sah er sich auf Baustellen um. Weil er gute Kundschaft hatte, fiel ihm der Übergang nicht schwer. „Ich blieb bescheiden und kaufte nicht gleich neue große Technik“, erklärt er. Deshalb konnte er den Kunden günstige Angebote machen. Neue Aufträge kamen herein. Von 1990 bis 2011 war Gerhard Jahn Obermeister der Malerinnung in Döbeln. Entspannung findet er im Garten und beim Lösen von Kreuzworträtseln.