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Ein Museum für die Lüge

Ein ganzes Museum für die Lüge gibt in Radebeul bei Dresden. Die Zukunft des kuriosen Hauses aber ist ungewiss.

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Christiane Raatz

Radebeul. Fontanes abgewetzter Wanderschuh, das abgeschnittene Ohr von Vincent van Gogh oder die letzten Tonaufnahmen von Bord der Titanic - das Lügenmuseum in Radebeul bei Dresden dürfte zu den ungewöhnlichsten in Sachsen zählen. Hunderte mehr oder weniger ernst gemeinte Exponate hat Objektkünstler Reinhard Zabka hier versammelt.

Dabei geht es dem Künstler nicht unbedingt um die Frage, ob es sich um Lüge oder Wahrheit handelt. Vielmehr sollen Zabkas Arbeiten Geschichten erzählen und die Menschen verzaubern. „Denn die Lüge im Dienst der Wahrheit wäscht den Staub des Alltags von den Sternen“, heißt es im Eingang des Museums. Einfach ausgedrückt: „Erbaulich und erquicklich soll ein Besuch im Lügenmuseum sein“, sagt Zabka.

Das Museum ist eine Ansammlung von rasselnden und klappernden Maschinen und technischen Wunderwerken. Licht- und Klanginstallationen wechseln sich mit Collagen und fernöstlichen Kunstwerken ab. Während viele Besucher staunend durch die Räume gehen, verlassen andere kopfschüttelnd das Museum. „Auch der größte Blödsinn muss doch einen Sinn haben!“, heißt es ironisch auf einem der Plakate. Zabka spielt damit auf die Verzweiflung mancher Gäste an, die in seinen Kunstwerken nach Bedeutung suchen - und nicht immer fündig werden.

Zabka - mit Hut, grauem Pferdeschwanz und farbloser Brille - war bereits zu DDR-Zeiten als Künstler aktiv und Teil der Berliner Künstlerszene am Prenzlauer Berg. Nach der Wende zog er nach Brandenburg, baute 1990 sein Lügenmuseum in Kyritz auf. Nachdem Zabka das Haus nach einem Rechtsstreit räumen musste, hat er in diesem Herbst das Museum nach Radebeul bei Dresden verlagert. „Mit vier vollgepackten Lastzügen sind wir angereist“, erzählt Zabka, der in der Szene auch als Richard von Gigantikow bekannt ist.

Seit dem 9. September 2012 hat das Lügenmuseum seine Türen wieder geöffnet - in einem historischen, leerstehenden Gasthof. Allein im ersten Monat kamen 1000 Besucher, zwischen 600 und 700 waren es in den Wochen darauf. Die Zukunft ist allerdings ungewiss: Derzeit gibt es nur einen Mietvertrag mit der Stadt Radebeul, wonach Zabka seine Objekte „einlagern“ darf. Um den ehemaligen Gasthof dauerhaft als Lügenmuseum nutzen zu können, muss er bis Jahresende ein Konzept vorlegen. Dann entscheidet der Stadtrat, der das Gebäude verkaufen oder in Erbbaupacht abgeben will.

Während die Kulturstiftung des Freistaates Sachsen der Idee eher kritisch gegenübersteht, zeigt sich Radebeuls Oberbürgermeister Bert Wendsche (parteilos) begeistert: „Das Lügenmuseum bringt frischen Wind in die eher konservative Kulturlandschaft in und um Dresden.“ Wendsche hofft, dass das überregional bekannte Museum Touristen anzieht. „Weil es in seiner verrückten Art einmalig ist.“ (dpa)